Und plötzlich bist du nicht mehr Kind!
Meine Mutter starb am 12. März 2004, knapp 7 Wochen nach ihrem 80-sten Geburtstag, den sie in großer Runde mit allen Freunden und Bekannten feierte.
Sie starb plötzlich und auf tragische Weise.
Am 18. Februar hatte ich meine letzte kurze Auseinandersetzung mit ihr, weil ich gerade mal wieder vergeblich versuchte, mich von meinem Freund zu trennen und meine Mutter sich eingemischt hatte, indem sie sich auf ein längeres Telefonat mit ihm eingelassen hatte. Ich schickte ihr eine wütende Nachricht übers Handy und sie reagierte ganz anders, als ich es normalerweise von ihr gewohnt war. Normal wäre gewesen, wenn sie sich aufgeregt hätte und eine heftige Auseinandersetzung mit mir begonnen hätte. Das hätte ihrem Temperament entsprochen und auch ihrer mangelnden Fähigkeit, Kritik einzustecken. Doch es kam nur eine traurige Antwort, wie immer rührend fehlerhaft, weil sie aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit ständig die richtigen Tasten auf dem Handy verfehlte. Ja, meine 80-jährige Mutter hatte ein Handy, beherrschte das smsen und hatte auch einen PC mit Internetzugang, um sich ihren Kindern und Enkelkindern per Email mitzuteilen. Ihre Antwort an diesem 18. Februar hat mich aufgerüttelt: „Auch das noch, Streit mit dir, wo es mir so schlecht geht wie noch nie.“ Meine Mutter hat sich nie über Schmerzen beklagt, sie hat so gut wie nie gejammert, und die Worte „Es geht mir schlecht“ hatte ich niemals von ihr gehört. Als mich diese Nachricht erreichte, saß ich mit meinem 10jährigen Sohn im Wartezimmer unseres Arztes. Meinem Jungen sollte Blut abgenommen werden, es war später Nachmittag. Ich rannte ins Treppenhaus und rief sie an. „Mami! Was ist los?“
„Ich habe solche Bauchschmerzen, mir ist so übel, ich habe morgen einen Termin zum CT im Franziskushospital.“
Ihre Stimme klang schwach und klein.
„Es tut mir Leid, verzeih mir bitte. Ich wollte das nicht. Bitte sag mir, was ich tun kann!“
„Ist schon gut, es geht schon...irgendwie.“
Genau eine Woche vorher hatte die Leidensgeschichte meiner Mutter ärztliche Ausmaße angenommen, die für uns alle sehr schnell unbegreiflich wurden. Angefangen hatte alles mit einem Blutbild, das sie machen ließ, weil sie am 4. Februar heftige Schmerzen in der Herzgegend gehabt hatte und sich nicht sicher war, ob es „nur“ ein Bechterew-Schmerz im Sternum oder ein Herzanfall war. Mein Sohn war damals zufällig bei ihr, weil er die Reste einer schweren Grippe auskurierte und ich arbeiten musste. Ich hatte sie kurz danach angerufen und da hatte sie es schon wieder heruntergespielt mit den Worten „Mach dir keine Sorgen, ich halte durch, ich koche schon das Mittagessen für Willi. Julian bekommt ein Müslijogurt!“ Julian hatte mich abends nach dem Notruf gefragt. „Was macht man, wenn man ganz schnell einen Arzt braucht?“
„Man wählt 112! Warum fragst du?“
Er hätte solche Angst gehabt, dass er den Notarzt rufen wollte, die Omi hätte keine Luft mehr bekommen und lange auf der Couch gelegen. Nach diesem Anfall hat der Kardiologe Blut abgenommen und das Ergebnis war niederschmetternd. Am Freitag, den 13. Februar rief mich mein Stiefvater ganz verzweifelt an, weil der Kardiologe ihn angerufen hatte und meine Mutter nicht zu Hause war. Sie spielte Bridge und war dann immer für viele Stunden weg. „Rike, es ist was mit Lotti! Der Dr. K. sagt, sie habe vermutlich eine Vorstufe von Leukämie!“ Als er mich anrief, saß ich gerade in meinem Wohnzimmer und hielt meinen eigenen Befund, der mir mit der Post zugestellt worden war, selig in der Hand. Ich hatte eine dramatische Krankheit überwunden, ich las es nun schwarz auf weiß, dass alle Tumormarker im Normbereich waren. Wie grotesk war dieses Zusammenspiel von zwei menschlichen Schicksalen, die so eng miteinander verbunden waren! Um 19 Uhr stand ich bei meinen Eltern vor der Tür. Meine Mutter war noch nicht da. Wir warteten zusammen. Nie werde ich ihren Blick vergessen, als sie mich dort stehen sah. Unsicherheit und Angst. Angst in den Augen meiner Mutter habe ich so gut wie nie gesehen. Ich erklärte ihr, was geschehen war. Sie sagte gar nichts, zog ihren Mantel aus und setzte sich an die Küchenbar, wo ihr Mann ihr den Tisch gedeckt hatte. Sie goss sich Tee ein und tat so, als ginge sie das alles nichts an.
„Mami! Wir schaffen das!“
Sie sah mich an und sagte ganz ruhig:
“Dann hab ich eben Leukämie. Irgendwas muss ich ja wohl mit 80 bekommen! Aber ich mache keine Chemotherapie!“
Sie sagte das ganz ruhig und fing an, sich ihr Butterbrot zu machen.
In dieser Nacht lag ich viele Stunden wach und versuchte mir vorzustellen, wie meine Mutter den langsamen Tod einer Leukämiekranken stirbt. Ich konnte es nicht. Es war außerhalb meiner Vorstellungskraft, mir meine Mutter mit ausgemergelten Körper, kahlköpfig und ohne Wimpern, ständig kotzend auf irgendeiner onkologischen Station vorzustellen. Obwohl sie gesagt hatte, sie werde keine Chemo machen, war mir klar, dass sie leben wollte und dies auch tun würde, wenn es ihrem Leben eine Chance geben könnte.
Am 15. Februar war ich mit meinem Freund und meinem Sohn morgens bei ihr, um ihr unser Geburtstagsgeschenk die Digitalkamera zu erklären und ihr die Bearbeitung am PC zu ermöglichen. Mein Freund fummelte an ihrem PC herum und meine Mutter war munter und hektisch wie eh und je. Sie rannte herum, erzählte viel, war gepflegt und elegant wie immer. Sie drängte uns (kurz nach dem Frühstück) Torte auf und war so glücklich, uns bei sich zu haben.
Als wir fuhren, sagte sie „Danke für den Besuch!“ Das hatte ich auch noch nie gehört. Im Auto sagte ich zu meinem Freund:
“Hast du ihre Freude und ihre Dankbarkeit bemerkt? Meine Güte, warum bin ich so selten dort, sie freut sich doch so....“
In den nächsten Tagen rief ich sie täglich an. Sie freute sich, war zwar überrascht über meine Sorge, und spielte ihre Beschwerden auch ständig herunter, aber ich bemerkte doch hier und da ihre Unsicherheit und Sorge um ihren ungeklärten Zustand. Und es ging ihr zunehmend schlechter von Tag zu Tag. Am 20. Februar hatte sie einen Termin zum CT (Computertomografie). Der ständig schmerzende Bauchraum sollte unter Kontrastmittelgabe geröntgt werden und meine Mutter musste literweise Kontrastmittel trinken, was ihr äußerst schwergefallen war. Zum einen konnte sie sowieso immer nur kleine Mengen essen und trinken und außerdem schmeckte das Zeug wohl auch recht widerlich und diese Mengen an Flüssigkeit verursachten ihr noch mehr Beschwerden. Wir standen ständig im Kontakt über Handy. Immer, wenn sie telefonieren durfte, rief sie mich an und informierte mich. Sie schien meine Anteilnahme zu brauchen, denn sonst hätte sie mich sicher nicht permanent und detailliert über alles, was geschah, auf dem laufenden gehalten und auch um Rat gefragt.
„Warum muss denn das Ganze mit Kontrastmittel gemacht werden? All die Jahre hat sich nie ein Mensch um meinen Blähbauch gekümmert und jetzt auf einmal dieser Aufstand!“
„Nur so können die sehen, wo etwas nicht in Ordnung ist! Und es wird ja wohl mal Zeit, dass es geklärt wird!“, antwortete ich.
Schließlich kam der Anruf von zuhause.
„Meine Güte hat das gedauert!“, stöhnte sie.
„Aber mir geht es besser, seltsam! Seitdem ich diese Unmengen an Kontrastmittel geschluckt habe, geht es meinem Bauch besser. Ich werde mal sehen, dass wir jetzt hier was zu essen bekommen!“
„Mami! Lenk nicht ab! Was hat der Radiologe gesagt?“
„Ach, das war so ein reizender lustiger junger Mann....“
„WAS hat er gesagt? Hast du einen schriftlichen Befund?“
Ich wusste nicht, was dieses Ablenkungsmanöver zu bedeuten hatte und bekam Angst.
„Ja, ich habe alle Bilder dabei! Aber da kann man ja nichts erkennen. – Und einen Brief habe ich auch!“
„Was steht darin?“
„Er ist zugeklebt!“
„Mami! DU bist die Patientin und hast ein Recht darauf, den Befund zu lesen. Mach den Brief auf! BITTE!“
„Ach, das geht auch wohl, das ist so ein selbstklebender Umschlag, das merken die gar nicht, wenn ich das ganz vorsichtig mache!“
Endlich hörte ich ein leises Knistern und dann wurde mir stückchenweise der Befund vorgelesen. Ich hörte nur Worte wie „raumfordernd“ und „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit maligne“, „deutlich vergrößerte Milz und Leber“. Die Stimme meiner Mutter wurde immer schwächer. Ich setzte mich hin und bemerkte, wie mir lautlos Tränen übers Gesicht liefen.
„Mein Gott,“ flüsterte ich, „das ist ja schrecklich! Was hat der denn gesagt? Der muss doch irgendwas gesagt haben, dieser Radiologe?“
„Ja, er hat mir das alles mitgegeben, damit ich den Befund bei mir habe, wenn es schlimmer wird und ich am Wochenende behandelt werden muss,“ erklärte sie ausweichend. „Er muss doch was erklärt haben! Dieser Befund heißt doch wohl Leberkrebs! Der kann dich doch nicht so ziehen lassen!“
Ich schluchzte nun unverhohlen in den Hörer.
„Riekchen! Nun reg dich nicht auf! Das ist doch nur ein Verdacht und außerdem kann man ja ein Teil der Leber wegnehmen. Das ist doch nicht so schlimm.“
Ich weiß bis heute nicht, warum meine Mutter mich beruhigte und dies auch noch so gut schaffte, dass ich für den Rest des Abends und der Nacht die Bedrohung dieses Befundes nicht realisierte. Ich weiß nur, dass ich dieses Wort „Leberkrebs“ nicht mehr dachte oder aussprach. Ich glaubte es einfach nicht. Mein Freund erschien und ich wurde abgelenkt, weil wir beide unseren letzte Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen hatten. Mein Freund schaffte es sofort, mich wieder einmal nur auf seine Probleme und seine Unzulänglichkeiten zu lenken und der Rest des Abends verlief in fruchtlosen Diskussionen um sein Unvermögen, ganz normale Dinge ganz normal zu regeln. Am nächsten Morgen rief ich gegen halb neun bei meiner Mutter an. Sie meldete sich mit matter Stimme.
„Was ist?“, fragte ich panisch.
„Ach, es geht mir nicht gut, ich habe nicht geschlafen und solche Bauchschmerzen. Ich musste mich übergeben, danach war es etwas besser. Ich habe dann eine Schlaftablette genommen und ein bisschen geschlafen.“
„Ich bin in einer halben Stunde da! Reicht das?“
„Ja, natürlich!“
Ich hatte erwartet, dass sie sagte, ich bräuchte nicht zu kommen, so schlimm sei es nicht. Dass sie ohne Debatten zustimmte, einfach „Ja“ sagte, versetzte mich in große Unruhe. Ich sprang unter die Dusche und zog mich schnell an. Mein Freund war aufgewacht und stand unschlüssig in der Küche. Er wusste nicht, ob er Frühstück machen sollte oder ob ich ihn gleich zum Teufel schicken würde, nachdem wir am Abend vorher zu keinem Ergebnis gekommen waren.
„Es tut mir Leid, ich muss zu meiner Mutter, es geht ihr schlecht!“
Er nickte nur und ging schnell ins Bad.
„Kann ich was tun?“, fragte er, als ich bereits im Mantel wartend an der Tür stand. Ich zuckte mit den Schultern und rannte aus der Wohnung. Er rief mir nach:
„Rike, ich bin in meiner Bude, du kannst mich immer anrufen, wenn ich was tun soll!“
Früher hätte ich es beklagt, dass ich immer in solchen Situationen auf mich allein gestellt war. Mein Freund war ein Mensch, der mir nie etwas umsonst gegeben hatte, er führte unsere schlecht laufende Beziehung wie eine Kalkulation. Nehmen und Geben durften bei ihm nie über einen längeren Zeitraum im Ungleichgewicht sein. Das bedingungslose, weil von Liebe und Vertrauen gelenkte Sich-vor-den-Partner-Stellen kannte er leider auch nicht. Bevor dieser bevorstehende Tag sich in eine Kosten-Nutzen-Rechnung verwandelte, wollte ich es lieber allein durchstehen. Dass es dramatisch würde, befürchtete ich aber immer noch nicht wirklich. Dann stand ich vor meiner kleinen kranken Mutter. Sie lief noch im Bademantel umher, ihr Mann war schon längst aufgestanden und redete sogleich auf mich ein:
„Ich denke, sie muss ins Krankenhaus!“
Meine Mutter hatte gar keine Meinung. Sie setzte sich in den großen roten Plüschsessel ins Wohnzimmer und sah mich ratlos an. Meine Mutter erwartete von mir, dass ich nun die Führung übernahm! Ich begriff es sofort, obwohl es das Außergewöhnlichste war, das ich je mit ihr erlebte. Sie konnte nicht mehr handeln. Sie war zu krank. Ich rannte eine Weile überlegend hin und her und las dabei diesen grässlichen CT-Befund, den ich natürlich auch nicht bis ins Kleinste verstand. Im Grunde interessierte es mich auch nicht so sehr. Die Tatsache, dass meine Mutter dort saß und mir die weitere Vorgehensweise anvertraute, war viel entscheidender.
„Weiß dein Kardiologe schon Bescheid?“
„Das könnte sein, ich glaube, der Radiologe hat ihm das schon gefaxt.“
Ich suchte das Telefonbuch.
„Ich rufe den jetzt an! Kann man den samstags anrufen oder legt der dann gleich auf?“
„Nein, der ist so nett, den kann man immer anrufen! Der ist zuhause, der hatte die ganze Woche eine Grippe!“
Ich wählte schon die Privatnummer des Kardiologen. Seine Frau war am Apparat. Ich stellte mich vor und bat um Entschuldigung für die Störung. Die Frau war nett, übergab sofort den Hörer. Die nächsten Sätze werde ich nie vergessen.
„Sie sind die Tochter! Schön, dass Sie anrufen!“, ertönte die junge Stimme des Kardiologen.
„Haben Sie den Befund aus der Radiologie schon? Meiner Mutter geht es schlecht, wir überlegen, was wir tun sollen!“
„Ja, ich habe es gestern gelesen. Es ist zu befürchten, dass ihre Schmerzen in den nächsten Tagen noch viel schlimmer werden. Bringen Sie sie ins Krankenhaus, damit sie Schmerzmittel bekommt. Und kümmern Sie sich um Ihren Vater! Für Ihre Mutter können Sie nichts mehr tun!“
Ein Weinkrampf schüttelte mich. Lautlos und heftig. Meine Mutter sah mich an und ich entdeckte Angst in ihren Augen.
„Hmmm. So schlimm, also....“ Mein Stiefvater stand vor mir. Die nackte Angst spiegelte sich in seinen Augen wieder. Ich musste gar nicht viel erklären. Er lief in die Küche, setzte sich an die Küchenbar und schlug mit dem Kopf auf die Theke.
„Nein, nein, nicht meine Lotti! Nicht meine Lotti!“
Ich nahm ihn in die Arme.
„Willi!!!! Bitte, wir müssen jetzt stark sein, wir müssen sehen, dass es für sie leicht wird. Bitte, lass sie jetzt nicht im Stich. Du hast mich. Egal, was passiert. Mich hast du noch und wir stehen das hier zusammen durch!“
Meine Mutter war in ihrem Zimmer und kramte dort ihre Sachen zusammen. Ich umfasste ihre schmalen Schultern.
„Komm, Mami, ich bring dich ins Krankenhaus. Dort wird man dir was gegen die Schmerzen geben. Soll ich deine Sachen packen?“
„Ach, das hab ich doch längst. Meinst du, ich wusste gestern nicht, was heute werden wird?“
Ich sah sie entsetzt an und lief dann weinend zurück ins Wohnzimmer. Mein Stiefvater heulte weiterhin laut wie ein malträtierter Wolf und ich setzte mich ans Telefon. Ich versuchte, ruhig zu werden und die Dinge irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Mein Handy bimmelte. Es war mein Freund. Ich weinte und gab ihm das Gespräch mit dem Kardiologen wieder.
„Mein Gott, das ist ja furchtbar. Kann ich was tun? Soll ich kommen?“
„Ich melde mich.“
Meine Mutter stand hinter mir.
„Ich würde so gern noch duschen? Darf ich das? Oder hast du nicht so viel Zeit?“ fragte sie und es klang richtig schüchtern.
„Natürlich hab ich Zeit! Ich bleibe bei dir!“
Dann schaute ich auf meinen Stiefvater, der immer noch weinend mit dem Kopf auf der Küchenbar lag. Ich entschloss mich, meine Schwester anzurufen und um Hilfe zu bitten, obwohl ich befürchten musste, dass ich abgeschmettert würde. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt und ich wusste auch bis heute nicht, was ich anderes vor Jahren verbrochen hatte, als mal wieder ungelegen anzurufen und mich bei ihr ausjammern zu wollen. Ich sprach auf den Anrufbeantworter ein paar kurze Sätze und bat darum, dass sie sich um Willi kümmern solle, da sie ja vis-a-vis wohnte. Dann fand ich zufällig im Telefonregister die Handynummer meines Schwagers. Ich rief ihn an und erklärte in knappen Worten, dass ich meine Mutter mit dem Verdacht auf Leberkrebs im Endstadium in die Klinik bringen müsste und man sich um Willi kümmern sollte, der allein sei. Mein Schwager versprach, sofort zurückzukommen. Einige Zeit später klingelte das Telefon und meine Schwester meldete sich unwirsch.
„Was ist das jetzt wieder für eine Hysterie?“
Ich legte einfach auf. Ich hatte nichts anderes erwartet.
Ich musste etwas tun, solange meine Mutter im Bad war. Ich konnte hier nicht stehen, mir die liebevoll gestaltete Fotowand anschauen und im Hintergrund das Weinen des alten Mannes hören, dem in diesem Moment der Boden unter den Füßen gezogen wurde. Spontan dachte ich an meine Freundin Andrea, die frühere Grundschülerin meiner Mutter und heute Tagesmutter meines Sohnes. Ihre Mutter war vor drei Jahren gestorben und sie würde mir helfen können, damit umzugehen. Glücklicherweise war sie sofort erreichbar.
„Andrea, meine Mutter ist totkrank. Der Arzt sagt, sie habe nur noch wenig Zeit. Ich bringe sie jetzt ins Krankenhaus. Wie werde ich damit fertig? Wie hast du das damals geschafft, wie viel Zeit hattest du mit deiner Mutter?“
„Von dem Tag der Diagnosestellung an waren es zweieinhalb Jahre. Nutze die Zeit, die euch noch bleibt so intensiv wie möglich!“
„Wir haben keine zweieinhalb Jahre mehr. Bei der Diagnose nur ein paar Monate. Wie schaffe ich das? Sie kann doch jetzt nicht sterben!!! Ich glaube das auch alles nicht. Der Befund des Radiologen kann einfach nicht stimmen!“
„Du schaffst das. Irgendwie geht es. Du hast ja auch dein Kind und Willi. Für den musst du doch da sein. Nur verbring jetzt so viel Zeit wie möglich mit ihr. Ich kümmere mich um Julian, wann du willst. Meine Güte, das ist aber plötzlich. Das erschlägt mich jetzt auch. Es tut mir so Leid! Wo ist denn Julian?“
„Mit Jojo im Wochenendhaus, der kommt erst heute Abend!“
„Und Gerd?“ „Naja, du kennst ihn ja. Die letzten Tage drehte sich rund um die Uhr alles um ihn. Er ist einfach nicht der Mann, der so etwas bedingungslos mit mir durchsteht!“
„Ja, ich weiß. Das ist sehr traurig. Aber auf uns kannst du dich immer verlassen. Das weißt du doch. Und grüße deine Mutter ganz lieb....“
Meine Mutter zog sich an, die Badezimmertür war ein wenig geöffnet. Willi weinte weiterhin laut und verzweifelt.
„Meine Lotti! Nie Streit gehabt. In 40 Jahren niemals Streit gehabt!“
„Na, das stimmt ja nun auch nicht!“, Meine Mutter kam aus dem Bad, in Unterwäsche und cremte sich das Gesicht ein.
„Wir haben ganz schön gestritten!“
Doch Willi hörte nicht und ich dachte einigermaßen beruhigt: ´Solang sie sich noch wehrt, ist es gut! Aber sie darf nicht aufhören zu widersprechen und alles besser zu wissen!`
Sie kramte wieder in ihrem Zimmer herum und ich versuchte noch einmal, den alten Mann zu trösten. Ich umklammerte ihn weinend und sagte immer wieder: “Willi, ich hab dich doch lieb, ich bin doch eigentlich DEINE Tochter und du bist Julians Opa! Egal, was passiert, wir sind immer noch da und brauchen dich und sind deine Familie!“, „Ich schaff das nicht. Ich kann nicht ohne meine Lotti sein! Warum hat es nicht mich getroffen? Ich bin doch alt, ich kann doch gehen. Ich kann aber nicht ohne sie zurückbleiben!“,ich flehte und weinte, ich kniete vor ihm und faltete sogar die Hände.
„Bitte, bitte, sei stark. Für sie! Sie muss jetzt spüren, dass wir für sie da sind. Du darfst jetzt nicht schlapp machen! Soll ich Dr. E. anrufen, dass er kommt und dir eine Beruhigungsspritze gibt?“ Er schien mich zum ersten Mal wahrzunehmen. „Ich halte durch. Solange sie lebt, halte ich durch. Das bin ich ihr schuldig. Sie war so eine tolle Frau!“
„War?, meine Mutter erschien in der Tür. „Noch lebe ich doch wohl!“
Sie ging zurück in ihr Zimmer, ich folgte ihr.
„Bist du so weit? Können wir fahren?“
„Ich muss noch die Wäsche in die Waschmaschine tun!“
„Ich mach das nachher. Nun komm!“
„Warum soll ich mich so beeilen? Ich komme doch nie mehr zurück!“
Das sagte sie vollkommen ruhig und sachlich. Wieder liefen mir die Tränen lautlos übers Gesicht und ich tat ihr den Gefallen, mich in der Waschküche in ihre Waschmaschine einweisen zu lassen.
Endlich waren wir so weit. Sie zog ihren Mantel an, nahm ihre kleine elegante Handtasche und wollte noch der schweren Reisetasche greifen.
„Nun lass mal, die trägst du nicht!“, sagte ich bestimmt und ging mit der Tasche voraus. Ich wollte nicht sehen, wie die beiden sich verabschiedeten.
„Ich komm heute Nachmittag, Lotti!“, sagte Willi und klang wenig überzeugend.
Nun saß sie im Auto neben mir und ich überlegte, wann sie das letzte Mal dort gesessen hatte. Es war der 5. Dezember letzten Jahres gewesen. Meine Mutter hatte ein paar Tage vorher meinen Freund angerufen und gefragt, ob sie es wohl wagen könne, einfach zu kommen und zuzusehen. Als er mir von dem Anruf erzählt hatte, war ich völlig überrascht gewesen. Normal wäre bei meiner Mutter gewesen, dass ich sie hätte überreden müssen zu kommen und sie lange schwankte, ob das freitägliche Bridge nicht doch wichtiger wäre als die Tatsache, dass ich diese Auszeichnung der Stadt Münster bekäme. Und dann war ich bis zur letzten Sekunde unsicher gewesen, ob ich überhaupt zu dieser Verleihung gehen wollte, da ich am Abend zuvor bei einem Kontrolltermin erfahren hatte, dass mir so schnell wie möglich die nächste Brustoperation bevorstand. Ich hatte gedacht, ich hätte endlich mit dieser langwierigen und entwürdigenden Krankheit abgeschlossen ,und diese Diagnose warf mich so aus der Bahn, dass ich die ganze Nacht weinte und tobte und mich einfach nicht abfinden wollte. Freitag Nachmittag war ich so depressiv und unausstehlich, dass ich mich allein in meiner Wohnung verkroch und niemanden an mich heran ließ. Erst als Gerd mir klar machte, dass meine Mutter sich so auf dieses Ereignis freute, raffte ich mich dann doch auf. Schließlich war es das erste Mal, dass sie in der Öffentlichkeit neidlos stolz auf mich war. Wir hatten sie am Spätnachmittag abgeholt, und sie hatte die ganze Fahrt über geplappert wie ein aufgeregtes Kind. Im Festsaal hatte sie nicht neben mir sitzen können, weil dort mein Freund saß und ich werde bis an mein Lebensende bereuen, dass ich sie nicht an meine Seite geholt habe. So hatte sie irgendwo hinten am Rand gesessen und mir stolz und strahlend zugewunken, als ich vorn beim Oberbürgermeister stand, den riesigen Blumenstrauß bekam und mir die Nadel an meinen Blazer gesteckt wurde. Immer werde ich ihr kleines Gesicht sehen, als sie mir zu versteckt zuwinkte und ihre Wangen vor Stolz glühten. Ich weiß nicht, was mich damals glücklicher gemacht hat: Ihr unverhohlener neidlos-mütterlicher Stolz oder diese Nadel. Danach hatten wir lange im Foyer gestanden und Sekt getrunken und waren richtig albern und ausgelassen gewesen. Sie war so beeindruckt, weil mich so viele Leute ansprachen und mir Glück wünschten, sich für meine Arbeit bedankten und sie stand neben mir und strahlte, wenn ich sie als meine Mutter vorstellte.
Heute strahlte sie nicht. Sie saß zusammen gesunken neben mir und wirkte selbst in meinem Kleinstwagen winzig. Mein Handy klingelte. Es war wieder meine Schwester, die mich barsch aufforderte, meinen „hysterischen Anruf“ zu erklären. Ich sagte nur kurz:
„Ich faxe dir den Befund des Radiologen, mach dir selbst ein Bild oder sprich mit unserer Mutter!“
Ich übergab das Handy an meine Mutter und hörte, wie sie sich quasi rechtfertigen musste, weil sie totkrank auf dem Weg ins Krankenhaus fuhr. Meine Schwester weigerte sich also immer noch, der Realität ins Auge zu sehen und hielt uns für übergeschnappt. Ein wenig konnte ich sie verstehen, denn das Letzte, was sie gehört hatte, war die Diagnose Abart von Leukämie. Das passte ja nun überhaupt nicht zur heutigen Diagnose Leberkrebs. Meine Mutter gab mir resigniert das Handy zurück und ich weinte wieder vor mich hin.
„Warum glaubt sie dir denn nicht? So etwas sagt erzählt man doch nicht nur aus einer Laune heraus, um Panik zu verbreiten!“, sagte ich entsetzt.
„Ach, du weißt doch, wenn sie etwas nicht wahr haben will, dann ist sie eben so!“ „Es IST ja auch nicht wahr!“, heulte ich los.
„Ich glaube es auch nicht so richtig. Aber irgendwas muss ja sein.“
Sie hatte Angst. Ich sah es ihr an und ich streichelte ihre eiskalten Hände, die sie im Schoß gefaltet hatte. Wir kamen an der Hohenzollernklinik vorbei. Gegenüber standen 7 singende Menschen mit großen Bildtafeln, die Embryonen zeigten. „Was ist denn das?“, fragte meine Mutter erstaunt.
„Diese Menschen demonstrieren gegen den Gynäkologen dort in der Klinik, weil er legal Abtreibungen vornimmt. Die stehen da regelmäßig und singen. Eine Ärztin ist dabei, die mich zu einer Filmreportage überredet hat. Ein Film, den sie privat finanzierte und mit Profis drehte und der nie irgendwo gezeigt wird. Ich hab lediglich ein bisschen was über meine Kontaktstelle erzählt.“
Ich war froh, ein ablenkendes Gespräch führen zu dürfen.
Wir erreichten das Parkhaus des Krankenhauses und ich suchte einen Parkplatz nahe am Ausgang, damit meine geschwächte Mutter nicht weit laufen musste. Bevor sie ausstieg, wünschte ich mir inständig, dass ich sie eines Tages wieder abholen durfte und sie glücklich in mein Auto steigen würde. Glücklich und gesund – oder wenigstens nicht totkrank mit so einer geringen Lebenserwartung.
Wir gingen gleich zur Notaufnahme und dort empfing uns eine junge Ärztin im blauen Kittel. Meine Mutter hatte einen Aufnahmeschein des Radiologen. Den Befund hatte ich eingesteckt. Die Ärztin bat sie in ein kleines Behandlungszimmer. Meine Mutter sprach ruhig und langsam, aber erwähnte ihre heftigen Schmerzen nur am Rande und die Ärztin schien nicht ganz zu verstehen, warum sie hier in der Notfallaufnahme saß. Ich zog den Befund aus der Tasche und überreichte ihn ihr. Sie las dieses Todesurteil und stellte nun gezielte Fragen. Ja, sie habe heftige Bauchschmerzen und die Übelkeit sei ziemlich unerträglich, gab meine Mutter zu. Sie wurde untersucht und dann nahm ihr eine Schwester Blut ab. Plötzlich hörte ich draußen laut eine männliche Stimme und meine Mutter setzte sich ruckartig auf. „Das ist doch Dr. E.! Wieso ist der denn hier?“ Ich ging raus und entdeckte einen großen schlanken Mann um die fünfzig, dem ich mich als Tochter von Frau Hecker vorstellte. Bevor ich irgendetwas erklären konnte, griff er mich an:
„Was machen Sie denn für einen Aufstand? Ihre Mutter ist doch ganz in Ordnung bis auf ein paar Blähungen!“
Ich war diesem Angriff nicht gewachsen und bat ihn nur kurz, sich den radiologischen Befund durchzulesen. Ich drehte mich um und ging wieder zu meiner Mutter. Sie wurde gerade ans EKG angeschlossen. Die Tür öffnete sich wieder und Dr. E. kam herein. Er reichte meiner Mutter die Hand und fragte nach dem Befund.
„Ach, der liegt da jetzt wohl auf dem Schreibtisch! Diese junge Ärztin hat ihn gerade durchgelesen.“
Er ging zum Schreibtisch und las den Befund im Stehen. Dann ließ er sich schwer auf den nächsten Stuhl fallen und sah mich an. Schließlich stand er wieder auf und legte meiner Mutter die Hand auf die Schulter.
„Es ist sicher richtig, dass Sie jetzt hier sind! Ich kümmere mich um Ihren Mann.“
Er ging an mir vorbei und murmelte so etwas wie „Entschuldigung“. Mir war es egal. Ich hatte mir so oft Geschichten von meiner Mutter und Willi über diesen Arzt anhören müssen, dass ich ihm zwangsläufig nicht objektiv gegenübertreten konnte. Meine Mutter hat oft über ihn geschimpft, dass er launisch sei, dass er keinen Patienten abgeben könne, selbst wenn er nicht mit den notwendigen Geräten zur Diagnostik ausgestattet sei. Ich habe ihr immer versucht zu erklären, dass sie den Arzt wechseln müsse, wenn sie so unzufrieden sei. „Ach nein, er hat mir ja auch mal völlig unbürokratisch geholfen. Da kann ich nicht woanders hingehen!“
Diese Vorstellung von älteren Menschen, dass sie ihren Hausarzt bis an ihr Lebensende behalten müssen, war mir nicht neu und meine Mutter hat ja erst in den letzten Wochen ihres Lebens hier und da mal einen winzigen Rat von mir angenommen. Bis dahin hat sie ja immer ihre eigene Vorstellung von den Dingen gehabt und wenn sie der Meinung war, der Weg, den sie gerade ging, führe nach Norden, dann hätte ihr kein Mensch auf der Welt klar machen können, dass sie irrte und schnurstracks nach Süden ging. Sie ließ sich nur vom Leben selbst belehren, niemals von anderen Menschen. Aus diesen Gründen gab es auch viel Streit zwischen ihr und ihren Töchtern. Sie war unglaublich dominant und stellte sich leider auch immer als allwissend hin. Sie lobte uns nicht, sie erkannte unsere Leistungen nicht an, was nicht heißt, dass sie nur kritisierte, was wir beruflich oder privat taten. Sie zeigte einfach kein Interesse. Ich konnte erst in den letzten Jahren von meinem Job erzählen und sie hörte zu und stellte Fragen und bemitleidete mich sogar einmal, als ich fix und fertig mal wieder einen 8-Stunden-Tag mit nur 15 Minuten Kaffeepause hinter mir hatte. Ich denke, dass meine Schwester als selbstständige Juristin noch viel mehr unter mangelnder Anerkennung zu leiden hatte. Wie weh es tun muss, wenn man der eigenen Mutter stolz von einem gewonnenen Prozess erzählen will und diese ganz offensichtlich nicht zuhört, eventuell noch unterbricht mit den Worten: „Ich muss jetzt aber das Mittagessen kochen, weil ich in einer Stunde einen Friseurtermin habe....“ vermag ich mir nur schmerzhaft vorzustellen. Ich bin traurig und werde es immer sein, dass meine Mutter nicht nachgiebig sein konnte und einen Streit von sich aus beenden konnte. Da hatten wir Töchter mehr als einmal über Monate oder Jahre keinen Kontakt zu ihr und sie hat von sich aus keinen Versöhnungsversuch gemacht. Sie hat nach einem Streit grundsätzlich einen vorwurfsvollen Brief geschrieben und dann abgewartet. Ich habe sogar erlebt, dass ich nach über einem Jahr zu Weihnachten anrief und Willi einfach auflegte. Ich rief noch mal an und da war sie am Apparat und lehnte es schlichtweg ab, den Kontakt zu mir wieder aufzunehmen. Ich hatte mich nicht entschuldigt, denn ich hatte dazu keinen Grund. Ich wollte aber einen Strich machen, einfach – wie es so schön heißt – nach zwei Jahren des Schweigens zur Tagesordnung übergehen, weil sie mir fehlte, als Mutter und als Oma für meinen Jungen. Sie wollte nicht und ich lief Heilig Abend heulend mit meinem kleinen Jungen durch die Innenstadt, weil ich zuhause auch über Stunden nicht erwünscht war, solange die vier Kinder meines Freundes da waren. Meine Gefühle heute zu meiner Mutter sind äußerst ambivalent. Einerseits sehe ich die kleine gütige Frau, die sie in den letzten beiden Jahren war, vor mir, andererseits kommen natürlich Erinnerungen an Streitereien, an ihre Rechthaberei und Unerbittlichkeit hoch. Ich versuche, mich mit dem zu begnügen, was wir an schönen harmonischen Stunden hatten, denn die Dominanz meiner Mutter und ihre unerklärliche Unerbittlichkeit hat den größten Teil meines Tochter-Lebens eingenommen. Als ich klein war, habe ich sie bewundert und angebetet. Sie war so schön, so perfekt und klug. Sie war mein Vorbild. Als sie mit 42 Jahren ehrgeizig ein Mikaz-Studium als Grundschullehrin machte, übernahm ich sogar ihren Ehrgeiz und lernte wie eine Irre für die Schule. Ich erhielt aber nie die Anerkennung, die ich mir wünschte, wenn ich eine Eins oder ein hervorragendes Zeugnis nach Hause brachte. Sie lobte mich zwar und gab mir Geld, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie wirklich stolz war.
Meine Mutter wurde Lehrerin, denn natürlich schaffte sie dieses Studium mit einem glänzenden Abschluss. Aber sie fehlte mir als Mutter an allen Ecken und Enden. Heute weiß ich, wie mein Sohn sich oftmals fühlen muss, weil ich ebenfalls immer zu beschäftigt bin, um für ihn da zu sein. Ich weiß nicht, ob meine Mutter dieses schlechte Gewissen hatte, das mich ständig begleitet, denn ich habe mich als Kind nie beklagt, wenn zum Beispiel meine Oma mit mir zum ersten Schultag im Gymnasium ging. Meine Oma war immer da und führte den Haushalt. Nur mit ihrer Hilfe war es meiner Mutter möglich, dieses Studium zu machen und als Lehrerin zu arbeiten. Meine Oma war es auch, die mich beim heftigen Liebeskummer tröstete und meine Oma half mir, das dritte Reich zu verstehen und schilderte mir die Geschichte der Juden, so wie sie sie miterlebt hatte. Als meine Oma eines Tages schwer krank wurde, war ich zwölf oder 13 Jahre. Sie bekam heftiges Nasenbluten und ich fand sie im Bad, den Kopf übers Waschbecken gebeugt. Ich erschrak und rief meine Mutter, die völlig hysterisch reagierte. Sie rief einen Krankenwagen und ich blieb solange bei meiner Oma und legte ihr einen kalten Lappen in den Nacken. Meine Oma war die Ruhe selbst, und diese Ruhe übertrug sich auf mich. Der Krankenwagen kam und ein junger Sanitäter wurde beim Anblick des vielen Blutes kreidebleich.
„Willst du mitfahren?“, fragte er mich und so kam es, dass ich die Nierenschale hielt und im Krankenwagen bei meiner Oma blieb. Sie wurde allmählich immer schwächer und schließlich nahm sie meine Hand und sagte:
„Riekchen, bitte versprich mir, dass ich nicht im Krankenhaus sterben muss!“, Das Leiden meiner Oma dauerte viele Jahre und wir wissen nicht, woran sie letztendlich gestorben ist. Sie bekam immer mal wieder Nasenbluten, erlitt einen Schlaganfall, nach dem sie nicht mehr sprach. Sie lag zwei Jahre zuhause und wurde klein und dünn und starb so langsam vor sich hin. Ihr Bauch wurde immer dicker. Wenn sie gelegentlich mal mithilfe einer Pflegerin und Willi stand, erinnerte sie mich an die verhungernden Dritte-Welt-Frauen mit ihrem ausgemergelten Körper. Ein Bild des Grauens, eine entsetzlich würdelose Art sein Leben zu beenden. Als es ihr noch so gut ging, dass sie stundenweise im Sessel sitzen konnte, haben meine Schwester und ich oft vor ihr gekniet und ihre Hände gehalten und ihr aus unserem Leben erzählt. Ich sehe noch immer ein Bild von mir, wie meine Oma meiner Schwester über die Wange strich und ihre dunklen großen Augen strahlten. Meine Schwester kam mit Tränen in den Augen aus dem Zimmer, denn sie hatte eine Antwort bekommen und wir wussten damals schon nicht mehr, ob unsere Oma überhaupt noch jemanden erkennt und wie viel sie versteht.
Meine Oma starb an einem Freitag Nachmittag. Sie starb auf den Tag genau 20 Jahre nach ihrem Mann. Bei ihrer Beisetzung Ende September 1980 war es ungewöhnlich warm und wir schwitzten erbärmlich in unseren schwarzen Trauerkleidern. Da es am Mittwoch, den 17. März, dem Beerdigungstag meiner Mutter auch so ungewöhnlich warm war, fange ich an, daran zu glauben, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir Menschen nicht beeinflussen können, die wir aber als Zeichen von den verstorbenen Menschen verstehen können. Als meine Mutter gestorben war, habe ich viele Stunden an ihrem offenen Sarg gesessen und mir ihr „geredet“. Ich bat sie um ein Zeichen. „Bitte gib mir ein Zeichen, ob es für dich okay ist, dass du sterben musstest. Wenn es am Mittwoch regnet, bist du nicht einverstanden. Wenn die Sonne scheint, ist es für dich in Ordnung!“
Es beruhigte mich kolossal, als es am 17. März so warm war.
An diesem 21. Februar 2004, dem Samstag vor Rosenmontag erlebte ich meine Mutter auch so unerklärlich ruhig und geduldig wie es meine Oma immer war, wenn sie im Krankenhaus lag. Alles hier in der Notaufnahme dauerte entsetzlich lange und meine Mutter hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Schließlich wurde sie zum Röntgen der Lunge geschickt. Ich schleppte wieder die schwere Reisetasche und wir suchten gemeinsam die Röntgenabteilung, die sich im dunklen alten Gebäudetrakt befand. Dort saßen wir dann in einer dunklen Ecke und warteten ab. Meine Mutter zeigte mir die Überweisung auf der Notaufnahme: “V.a. Klatskin-Tumor“ stand dort.
„Was ist das denn?“
Ich wusste es, denn ich hatte am Morgen im Pschychrembel geblättert. Das Todesurteil hatte nun einen Namen und man suchte bereits Metastasen.
„Ich komm gleich wieder, ja? Ist das okay? Ich muss mal telefonieren!“
Ich lief davon, stellte mich in einen dunklen Krankenhausflur und weinte. Mein Handy vibrierte in der Manteltasche. Es war wieder mein Freund und ich erzählte ihm weinend von diesem Verdacht.
„Soll ich kommen? Ich kann ja in der Caféteria auf dich warten?“
Ich trocknete mein Gesicht und ging zurück zu meiner Mutter, die immer noch allein in der dunklen Ecke vor der Anmeldung saß. Sie lächelte mich an.
„Gleich kommt der Gerd, macht es dir etwas aus, wenn ich kurz mit ihm in der Caféteria einen Kaffee trinke? Ich komme danach sofort wieder zu dir!“
„Ja, mach du das ruhig. Mir kann ja hier nichts passieren!“
Ob sie das wirklich so meinte? Hatte sie dieses Gottvertrauen in Ärzte und fühlte sich sicher? Ich hoffte es für sie. Mein Vertrauen in Ärzte ging jedenfalls mal gerade so weit, dass ich im Falle meiner Mutter äußerst dankbar war, dass sie privat versichert war, also ein Anrecht auf Einbettzimmer mit Chefarztbehandlung hatte. Der Chefarzt der Inneren hatte einen sehr guten Ruf, aber auch er würde sie nicht gesund machen können, wenn dieses Todesurteil der Wahrheit entsprach. Wir saßen nebeneinander und sie fragte mich, was Klatskin-Tumor sei.
„Ich glaube, das ist nur ein sehr ungewisser Verdacht. Bei Leberkrebs kann es Metastasen in der Lunge geben. Aber dann wärst du ja immer müde und erschöpft....“
„Aber ich schlafe doch so schlecht und Husten hab ich auch nicht. Das da“, und sie zeigte verächtlich auf die Röntgen-Überweisung, „hab ich garantiert nicht!“, Mein Handy vibrierte und ich verabschiedete mich kurz von ihr, um einen Kaffee trinken zu gehen. Sie streichelte mir kurz über die Wange, eine ungewöhnliche Geste für meine Mutter, und ich hatte sofort wieder einen dicken Kloß im Hals. Mein Freund stand vor dem Eingang und sah mich unsicher an. Wir setzten uns in die total überfüllte Caféteria und ich erzählte weinend die Einzelheiten.
„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie in ein paar Monaten nicht mehr da sein soll! Ich begreife erst jetzt, wie wichtig sie für mich ist. Gerade in den letzten beiden Jahren haben wir doch erst ein normales Verhältnis gehabt und sie hörte auf, mich so zu beherrschen und sich in alles einzumischen. Sie war einfach nur lieb.“
Mein Freund sagte wenig. Er sah mich bestürzt an, schließlich wusste er zu gut, wie schwierig meine Mutter früher gewesen war, wie ich gelitten hatte unter ihrer Unerbittlichkeit, und er hatte auch mitbekommen, wie verändert und entspannt unser Verhältnis in den letzten beiden Jahren gewesen war.
„Ich muss wieder zu ihr. Womöglich ist sie schon auf der Inneren!“
„Kann ich mitkommen? Ich bleibe auch draußen.“
Wir liefen zur Röntgenabteilung. Sie war nicht mehr da, die Tasche war ebenfalls fort. Ich fragte mich durch und fand sie schließlich in einem 2-Bett-Zimmer auf der Inneren. Sie saß dort verloren auf dem Krankenhausbett und sah unsicher zu der Zimmergenossin hinüber, einer alten zierlichen Dame, die laut röchelnd mit halb geschlossenen Augen im ersten Bett lag. Ich eilte zu ihr, nahm sie in die Arme und sie sagte leise mit Blick auf die andere:
„Das ist ja schrecklich! Die hatten kein Einzelzimmer!“
Ein Pfleger stürmte herein.
„Frau Hecker, möchten Sie Mittagessen?“
„Oh, ist es schon so spät? Ja, ein bisschen möchte ich schon.“
Der Pfleger brachte einen undefinierbaren Eintopf und einen Pudding in der typischen faden Krankenhausfarbe und Konsistenz. Meine Mutter begann zu essen und ich sah ihr zu.
„Ist dein Freund noch da?“
„Er wartet draußen.“
„Dann hol ihn doch rein!“
Ich holte Gerd herein, nun standen wir beide unsicher herum und fühlten uns unbehaglich.
„Was geschieht denn jetzt?“, fragte ich meine Mutter.
„Ich denke, nicht viel. Vielleicht war es doch nicht so gut, hierher zu kommen.“ Der Pfleger kam wieder herein.
„Können Sie meine Mutter in einem Einbettzimmer unterbringen?“
Er guckte mich an, als hätte ich etwas Unanständiges gefragt.
„Nnnnein, ddddas geht nnnnicht. Wirrrrr ssssind überbelegt!“, stotterte er. „Vvvvielleicht fragen Sie nananachher den Chefarzt!“
„Der kommt noch. Das ist gut. Wann?“
„Am Nachmittag!“, brachte er stotterfrei hervor und ich sah die kleinen Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten.
„Mami, ich fahre mal kurz zu Willi. Ich seh nach der Wäsche und komme nachmittags zurück. Wenn der Chefarzt kommt, wäre ich gern hier. Ist das okay?“
„Ja, natürlich. Vielleicht muss ich ja gar nicht hier bleiben.“
Sie schaute verzweifelt zu der röchelnden alten Frau hinüber.
„Ich bringe dir Ohropax mit!“
„Oja, das ist gut.“
Ich umarmte sie vorsichtig. Sie schien so zerbrechlich und ich fühlte ihre Rippen deutlich unter meinen Fingerkuppen.
„Tschüss, Frau Hecker, machen Sie es gut.“
Gerd legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter und sie sah ihn freundlich lächelnd an.
Vor der Tür fing er auch an zu weinen. Sie hatte so rührend gewirkt, die kleine alte Frau, die so gelassen und tapfer ihr schlimmes Schicksal angenommen hatte.
Ich fuhr zurück nach Gremmendorf zu Willi, der mir erwartungsvoll die Tür öffnete. Ich erzählte, was sich bisher zugetragen hatte und er stellte jede Frage mindestens drei- bis viermal. Er hing an meinen Lippen und wollte unbedingt etwas Positives hören, irgendetwas, an das er sich klammern konnte. Ich hatte keinen Strohhalm, ich konnte ihm nur versichern, dass seine Frau tapfer war und keine Angst zeigte.
„Ich mach dir jetzt mal was zu essen!“
Es waren noch Reste vom Tag zuvor da und ich briet Fleisch, machte Rotkohl und Kartoffelpüree warm. Er aß nicht viel, aber er schien dankbar zu sein, dass ich ihm diese Arbeit abgenommen hatte. Ich spülte, räumte den Kühlschrank auf und ging dann in die Waschküche. Unten vibrierte wieder mein Handy. Meine Schwester! Sie entschuldigte sich für ihr barsches Telefonat am Vormittag, sie habe es einfach nicht ernst genommen und bat um Waffenstillstand.
„Sehr gern!“
Ich war so erleichtert. Die Feindseligkeit zwischen uns beiden hätte alles deutlich erschwert. Momentan dachte ich nicht weiter über den Anruf nach und was meine Schwester wirklich vorhatte. Von meiner Seite aus würde es jedenfalls keine Anfeindungen geben, falls wir uns zufällig einmal im Krankenhaus oder hier treffen würden.
Ich hängte die Wäsche auf. Es tat so weh, ihr Unterhemd und ihr Nachthemd auf die Leine zu spannen. Würde sie das alles überhaupt noch brauchen? Angenommen man hatte Metastasen oder den Primärtumor in der Lunge gefunden, dann hätte sie nur noch ein paar Wochen. Diese Vorstellung war grausam. Nein, das konnte nicht sein! Ich dachte darüber nach, was mir in den letzten zehn Jahre an schweren Schicksalsschlägen widerfahren war und kam zu dem Ergebnis, dass ich nicht mehr verdient hätte. Außerdem stimmte die Reihenfolge nicht, es konnte nicht sein, dass sie vor ihrem Mann starb. Plötzlich hatte ich wieder eine Szene vor Augen, die mich sehr nachdenklich gemacht hatte. Im Oktober letzten Jahres hatte Willi einen Herzschrittmacher bekommen und war eine Nacht in demselben Krankenhaus gewesen. Am Morgen des kleinen Eingriffs war ich gekommen, um den beiden beizustehen, denn meine Mutter hatte sich seit Wochen ganz allein beinahe ununterbrochen die Ängste ihres Mannes im Zusammenhang mit diesem Routineeingriff anhören müssen. Ich hatte glücklicherweise ein paar Tage Urlaub und konnte problemlos vor dem Eingriff da sein. Willi war ein überängstliches Nervenbündel und löcherte uns ständig mit denselben überflüssigen Fragen. Meine Mutter bekam eine Anweisung nach der anderen, was sie im Laufe des Tages noch alles von zuhause mitbringen sollte. Schließlich wurde sie sauer.
„Ja, meinst du denn, ich schleppe hier kofferweise deine Klamotten für eine Nacht an? Ich bin doch nicht dein Packesel!“, schimpfte sie – und ich muss sagen – völlig berechtigterweise. Endlich wurde er in den OP geschoben und wir gingen in die Caféteria, wo sie ein Brötchen aß. Etwa ein bis zwei Stunden später war er wieder im Zimmer und hatte alles bestens in Lokalanästhesie überstanden.
„Ob das wohl alles richtig ist....“, waren seine ersten Worte und auch die letzten gewesen, die er vor dem Eingriff gesagt hatte.
Wir versuchten, ihn zu beruhigen, natürlich vergeblich. Schließlich ging ich zum Stationsarzt und bat ihn, meinem Stiefvater noch mal gut zuzureden.
„Ja, er ist sehr nervös, ich weiß das wohl. Ich rede noch mal mit ihm, es ist alles sehr gut verlaufen“, berichtete der nette Arzt. Als ich zurückkam, stellte ich fest, dass meine Mutter unnatürlich gerötete Wangen hatte und ihr Gesicht aufgequollen war.
„Jetzt fährst du mal nach Hause, Mami!“, bestimmte ich.
„Willi kann jetzt schlafen und du siehst aus, als hättest du Blutdruck in astronomischer Höhe.“
„Ja? Mir ist nur so warm im Kopf, aber das bedeutet nichts!“
Vor der Tür atmete sie tief durch und nahm sie in den Arm. Zum ersten Mal dachte ich für einen Moment, dass es eines Tages so kommen könnte, dass sie still und schnell starb, während Willi all die Jahre seine mehr oder weniger realen Beschwerden zum Toppthema gemacht hatte und sie sich darauf eingelassen hatte. Ich schob diesen Gedanken ganz schnell zur Seite, aber als ich sie eine Stunde später zuhause anrief und nach dem Blutdruck fragte, war der tatsächlich viel zu hoch. Sie versprach, sich ein wenig auszuruhen.
Ich fuhr zu mir nach Hause. Julian hatte mir auf den AB gesprochen, dass er gegen 18 Uhr nach Hause käme. Wie sollte ich ihm erklären, dass seine Omi so krank war und bald sterben würde? Er hatte zwar sehr früh begriffen, dass Tod zum Leben gehörte, aber seine Familie bestand zuverlässig dann nur noch aus mir. Die Unzuverlässigkeit des Vaters hatte meine Mutter über viele Jahre mit ihrer Präsenz und Liebe gemildert. Es klingelte. Mein Freund kam mit frischen Brötchen. Ich kochte Kaffee und wir aßen schweigend. Es war vierzehn Uhr. Ich wollte um 16 Uhr wieder ins Krankenhaus fahren und Willi vorher abholen. Meine Schwester würde jetzt da sein. Doch als ich kurz vorher bei ihm anrief, erklärte er mir, dass er außerstande sei mitzukommen. Er müsse erst einmal die Situation „ganz in Ruhe“ verarbeiten. Ich verstand ihn nicht. Warum hatte er nicht den Wunsch, bei seiner Frau zu sein und zu erfahren, wie es um sie stand? Dafür hatte Gerd den Wunsch, mich zu begleiten. Ich war unsicher, ob meiner Mutter das so recht sei, aber ich wollte keine endlose Diskussion mit ihm beginnen. Es ging ihm sowieso nicht um meine Mutter oder um mich, sondern darum, nicht von mir weggeschickt zu werden. So bot ich ihm an, hier bei mir zu warten, damit jemand da sei, wenn Julian nach Hause käme und ich nicht so unter Zeitdruck stünde. Es war ihm recht, sehr sogar, denn ich hatte ihm wieder Einlass in meine Wohnung und mein Leben gewährt.
Meine Mutter lag inzwischen im Bett und wirkte wieder einmal winzig. Sie hatte einen extrem kleinen Kopf, und zu ihrem eigenen Leidwesen hatten ihr daher nie Hüte oder Mützen gestanden. Sie wirkte gestresst, man hatte eine Infusion angeschlossen und sie erklärte uns, dass ihr das Essen schwer im Magen läge. Außerdem wäre sie halb wahnsinnig vom ständigen Röcheln der Bettnachbarin.
„Sie kann ja nichts dafür, sie ist eine ganz arme Frau, aber wie soll ich denn heute nacht schlafen?“
„Vielleicht kann man ja noch was regeln, wenn ein Arzt kommt“, sagte ich hoffnungsvoll, denn selbst mir ging nach zwei Minuten dieses laute Schnarchen auf die Nerven.
Ich blieb bis zum Abendessen. Wir waren die ganze Zeit allein und ich genoss das Zusammensein mit ihr. Wir redeten über alles Mögliche, am wenigsten über ihre Krankheit. Sie ignorierte diesen Befund weiterhin, und das war gut so. Beim Abendessen schaffte sie eineinhalb Scheiben Brot und war völlig überrascht über ihre Maßlosigkeit. Ich machte ihr klar, dass es erst gerade mal 18 Uhr sei und sie ungefähr 14 Stunden damit auskommen müsse.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag, 22. Februar vor Rosenmontag, fuhr ich zusammen mit Julian und Gerd zu Willi. Er war bereits fix und fertig angezogen und bereit mitzukommen. Schwerfällig quälte er sich in meinen kleinen Ford Ka, aber ich war froh, dass er mitkam. Als wir kamen, war meine Mutter gerade im Bad. Sie hatte sich übergeben müssen. Völlig erschöpft legte sie sich wieder ins Bett. Ich gab Gerd ein Zeichen, erst einmal mit Julian rauszugehen. Der Junge war entsetzt angesichts der kranken Oma und der röchelnden Frau im Bett nebenan.
„Das Schmerzmittel reicht nicht aus“, stöhnte meine Mutter.
Ich ging zum Schwesternzimmer und fragte nach der Stationsschwester.
„Meine Mutter hat so starke Schmerzen. Kann sie etwas Stärkeres bekommen?“
„Nachher kommt der Chefarzt, ich werde es ihm sagen!“
Wir mussten nicht lange warten. Prof. G. erschien. Er schien erstaunlich jung für einen Professor und machte einen sympathischen Eindruck. Gerd ging solange vor die Tür. Der Professor ließ sich von meiner Mutter erzählen, warum sie gekommen war und tastete dann ihren Bauch ab.
„Frau Hecker, wir werden morgen eine Magenspiegelung vornehmen, und bis dahin bekommen Sie Infusionen und ein stärkeres Schmerzmittel als bisher. Von der Spiegelung werden Sie nichts merken, wir geben Ihnen vorher eine Spritze.“
Meine Mutter nickte. Sie sah zum anderen Bett hinüber und sah mich unsicher an.
„Kann ich ein Einzelzimmer bekommen?“, fragte sie schließlich.
„Das wird sicher erst am Montag oder Dienstag möglich sein. Wir sind leider überbelegt. Aber ich kann versuchen, Sie dann auf der Station der Ordensschwestern unterzubringen. Da ist es nicht ganz so komfortabel, aber Sie liegen da allein“, erklärte er freundlich.
„Die Dame kann ja wirklich nichts dafür, aber ich schlafe so schlecht und...“, entschuldigte meine Mutter ihre berechtigte Forderung. Der Professor legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Ich kann Sie gut verstehen und werde mich morgen sofort darum kümmern. – Haben Sie noch Fragen?“, er sah mich kurz an. Willi schien nicht das Meiste mitbekommen zu haben, er war entsetzlich schwerhörig, und ich vertraute in diesem Moment auch weiter auf seine Schwerhörigkeit:
„Darf ich etwas fragen?“, begann ich vorsichtig.
Er nickte.
„Sie haben den Befund des Radiologen gesehen?“
Er nickte wieder.
„Gibt es noch eine winzige Hoffnung, dass es doch gutartig ist und der sich geirrt hat?“
Er sagte nur ein einziges Wort.
„Nein!“
Sofort kamen mir die Tränen, und ich sah meine Mutter an. Sie blickte ernst und unsicher von mir zum Professor und zu ihrem Mann, der ahnungslos in die Runde blickte und Gottlob nichts gehört hatte. Ich hätte gern noch so viel gefragt, zum Beispiel ob sie noch stärkere Schmerzen bekommen würde, ob sie bald künstlich ernährt werden müsste, ob sie hier oder zuhause behandelt werden konnte, aber ich konnte natürlich nicht in ihrer Gegenwart so konkret von ihren letzten Lebenswochen sprechen. Außerdem war ich noch weit davon entfernt, den Verdacht des Röntgenarztes zu glauben.
„Melden Sie sich bitte, wenn Sie Schmerzen haben, Sie bekommen gleich erst einmal andere, stärkere Tropfen. Heute Abend bekommen Sie etwas zum Schlafen.“
Der Professor ging wieder und setzte mich auf die Bettkante und nahm die eiskalten Hände meiner Mutter.
„Ich glaube das nicht“, sagte sie.
„Ich auch nicht!“, stimmte ich ihr zu.
Gerd und Julian erschienen und Willi wollte nun wissen, was der Professor gesagt hatte. Meine Mutter strengte sich sehr an, laut zu sprechen, aber er verstand sie trotzdem nicht und fragte immer wieder nach. Schließlich schlug sie genervt mit der geballten Faust auf die Bettdecke und schimpfte los:
„Mensch, dann tu doch endlich mal deine Hörgeräte rein, ich spiele hier seit ewigen Zeiten den Dolmetscher!“
Julian kicherte angesichts des Temperamentsausbruches. Wenn sie noch so schimpfen konnte, hatte sie nicht mit dem Leben abgeschlossen!
Die Rückfahrt verlief beinahe schweigend. Ich saß hinten und hielt Julians klebriges Kinderhändchen. Als wir in Gremmendorf ankamen, und Willi sich mit seinem schmerzenden Rücken aus meinem Auto wälzte, kamen mir wieder die Tränen. Der Anblick des alten Mannes, der gebeugt und schwankend die Treppe hochhangelte, zerriss mir fast das Herz.
„Der arme arme Opa“, sagte Julian.
„Mein Gott, ich kann das nicht sehen. Es ist so ungerecht! Warum nur diese verkehrte Reihenfolge? Meine Mutter hätte es geschafft, ohne ihn irgendwie weiterzuleben, aber ihn wird es umbringen!“
Julian umarmte mich und klammerte mich dankbar an meinen Zehnjährigen.
„Mami, wir rufen Opa gleich mal an und ich sage ihm, er soll das Radio anmachen oder den Fernseher, damit es nicht so leise ist.“
Mein waiser kleiner Julian....
Am Spätnachmittag bekam ich eine Kurznachricht von meiner Schwester, sie wollte wissen, was der Professor gesagt hätte und wie meine Festnetznummer lautete. Ich antwortete und kurz danach ging mein Telefon. Das Gespräch war kurz und distanziert. Ich konnte ja eigentlich auch nur zwei Sätze wiedergeben, die der Professor und ich gewechselt hatte. Meine Schwester versprach noch, sich um Willis Essen zu kümmern.
Ich fuhr auch an diesem Spätnachmittag noch mal allein zu meiner Mutter. Es ging ihr gar nicht gut. Sie hatte Tramaltropfen bekommen und dieses starke Schmerzmittel hatte als häufigste Nebenwirkung Übelkeit bis zum Erbrechen. Als ich in der Kinderonkologie gearbeitet hatte, wurde dieses Medikament sehr wirksam gegen Knochenschmerzen eingesetzt. Doch ich hatte nie verstanden, wie man die armen Chemopatienten noch zusätzlich mit diesem Brechmittel quälen konnte. Da musste es doch noch etwas Anderes geben! Einigermaßen wütend ging ich zur Stationsschwester und erklärte ihr, dass es meiner Mutter sehr schlecht ginge vom Tramal. Sie nickte verständnisvoll.
„Wir tun ihr etwas in den Tropf gegen Übelkeit. Dann muss sie eben wieder Novalgin bekommen!“
Ich blieb noch solange, bis ein Pfleger kam und ihr das versprochene Mittel in den Tropf spritzte und sie sich langsam zu erholen schien.
Als ich am nächsten Morgen gegen halb elf auf die Station kam, war das Bett meiner Mutter fort und ich bekam einen tiefen Schreck. Panisch rannte ich zum Stationszimmer. Die anwesende Schwester lächelte mich an.
„Ihre Mutter ist auf Station 40, sie hat dort ein Einzelzimmer.“
Ich irrte durch die Gänge und fand sie schließlich friedlich aussehend in einem kleinen Einzelzimmer. Die Magenspiegelung hatte sie auch schon überstanden und nichts davon gemerkt. Sie wartete nun auf ihren Tee, denn sie hatte noch nichts gefrühstückt.
„Hat man denn was gefunden? Oder hat sich mal irgendjemand zum Röntgenbild der Lunge geäußert?“
„Ach, das interessiert mich doch sowieso nicht!“
Steckte sie den Kopf in den Sand oder glaubte sie tatsächlich nicht daran, dass sie so krank war. Der Tee kam und kurz danach erschien auch wieder der Professor.
„Frau Hecker, wir haben ja heute früh den Magen gespiegelt und dabei ein bisschen Klarheit bekommen. In der Speiseröhre sind sehr viele Varizen, also Krampfadern, und der Gallengang war verschlossen. Da habe ich Ihnen eine Prothese eingesetzt. Wir haben jetzt auch das Blutbild genau angesehen und wollen Ihnen blutverdünnende Mittel geben. Ihr Blut ist zu dick!“
Meine Mutter nickte zustimmend.
„Wir werden morgen noch einmal eine Spiegelung des Gallengangs vornehmen und versuchen, ein Leberbiopsie vorzunehmen. Ich hoffe, es gelingt uns morgen, sonst müssen wir von außen an die Leber, aber ich möchte es erst einmal so probieren, denn das ist ungefährlicher.
„Haben Sie irgendetwas gesehen, das auf Bösartigkeit hindeutet?“, fragte ich ängstlich.
Er schüttelte den Kopf und ich nickte befriedigt.
Meine Mutter bedankte sich noch artig für das Zimmer und der Professor ging wieder.
Wir unterhielten uns eine Weile über die Krampfadern in der Speiseröhre und meine Mutter sagte, sie hätte das sicher schon lange und es sei wohl bedeutungslos. Ich wollte sie nicht beunruhigen und wechselte das Thema. Lange blieb ich nicht, denn sie war müde und ich war froh, wenn sie schlafen konnte.
Wie jeden Tag kam ich auch abends wieder und blieb eine Weile. Wir liefen über den Flur, sie trug meinen blauen Frotteebademantel und sie hatte sich bei mir eingehakt. Warum war das Zusammensein mit meiner Mutter nicht immer so friedlich gewesen wie hier? Die Umgebung war nicht die richtige, aber die Harmonie zwischen uns stimmte endlich. Lag es an mir oder an ihr oder an ihrer Erkrankung? Als ich mich verabschiedete, versprach ich, morgen vom Büro aus anzurufen und nach der Arbeit zu kommen. Sie lächelte mich müde an, wollte noch ein wenig fernsehen und hoffte dann zu schlafen, denn ich hatte ihr ihre eigenen Schlaftabletten mitgebracht.
Am nächsten Tag musste ich wieder arbeiten und stellte nun zum ersten Mal fest, dass mich meine Arbeit nicht ablenkte. Ununterbrochen dachte ich an meine Mutter. Anzurufen hatte wenig Sinn, sie würde nun gerade wieder die nächste Spiegelung bekommen. Meine Kolleginnen aus dem Labor fragten mich nach ihr und ich berichtete von dem grauenvollen Wochenende und gleichzeitig erwähnte ich deutlich meine Hoffnung, dass der Radiologe sich geirrt hatte, weil die Magenspiegelung keinen Anhalt für Malignität gegeben hatte. Doch meine Kolleginnen waren sehr skeptisch und rissen mir mit wenigen Worten den Boden unter den Füßen weg.
„So ein CT-Befund ist eindeutig und diese Krampfadern gehören zum Krankheitsbild. Außerdem: Wenn der Chefarzt nichts Gegenteiliges gesagt hat, musst du dich wohl damit abfinden!“
„Klatskin-Tumor?“, fragte ich entsetzt.
Christine nickte.
„Wie lange? Noch ein halbes Jahr oder länger?“
„Eher weniger. Das geht schnell.“
„Drei Monate?“
„Wenn sie Glück hat.....“
Ich begann haltlos zu schluchzen, und Christine nahm mich in die Arme.
„Ich kann doch jetzt nicht hier sitzen und tun, als sei nichts geschehen – ich kann mich doch heute nicht mit Studenten und sämtlichen Idioten herumärgern!“, heulte ich verzweifelt.
„Lass dich krank schreiben, nimm dir Zeit für deine Mutter“, riet meine andere Kollegin.
Ich wartete, bis mein Chef kam und versuchte ihm in einigermaßen coolen Worten meine Situation zu erklären und bat um ein paar Tage Urlaub.
„Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!“
Mein Chef hatte mich überhaupt noch nie traurig und verzweifelt erlebt, sondern kannte nur eine humorvolle Frau, die immer gut drauf war.
Im Auto rief ich meinen Freund an. Normalerweise rief ich ihn nicht in seinem Büro an, da ich nichts davon hielt, sich während der Arbeitszeit zu stören. Außerdem hatte er es mir jahrelang verboten und war immer unfreundlich gewesen, wenn ich es doch mal gewagt hatte. Doch jetzt reagierte er verständnisvoll und versuchte mich zu beruhigen. Er riet mir ebenfalls, mich ein paar Tage krank schreiben zu lassen und schlug vor, Willi anzurufen und ihm zu sagen, dass ich am späteren Vormittag ins Krankenhaus fahren würde. Willi wollte möglichst stündlich auf dem Laufenden gehalten werden.
Ich rief bei meinem Arzt an und bat ganz dreist am Telefon um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Die Arzthelferin war sehr verständnisvoll und sagte, ich könne diese in einer halben Stunde abholen. Ich fuhr los und setzte mich ins Wartezimmer meines Arztes. Irgendwann wurde ich aufgerufen und ins Sprechzimmer gebeten. Ich sprach mit meinem Arzt über den Radiologiebefund meiner Mutter und das Ergebnis der Magenspiegelung.
„Ich habe diesen Professor G. gefragt, ob es noch eine kleine Hoffnung für Gutartigkeit gibt und er hat das deutlich verneint. Aber bei der Magenspiegelung hat er keinen Krebs gesehen!“
Ich sah meinen Arzt fragend an.
„Ich kenne den Befund nicht, aber Prof. G. ist einer der besten. Sie können froh sein, dass Ihre Mutter dort ist. Und wenn es Krebs ist, ich meine, ich habe ja im Johannes Hospiz zu tun, wir können ja mal sehen, was wir tun können.“
Er reichte mir die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, und ich fuhr zum Krankenhaus. Als ich in ihr Zimmer kam, fehlte das Bett. Sie war wohl noch bei der Spiegelung. Ich ging in die Caféteria und bestellte mir einen Kaffee. Danach ging ich wieder nach oben und sah gerade, wie meine Mutter in ihrem Bett über den Flur geschoben wurde. Sie hatte die Augen auf und ich sah zum ersten und vorvorletztem Mal, dass sie keine Zähne im Mund hatte. Ich zog mich zurück, denn ich wollte ihr ersparen, dass ich sie in diesem Zustand entdeckt hatte. Nach einer angemessenen Zeit des Wartens klopfte ich an die Zimmertür. Sie lächelte mich an, schien aber deutlich abgekämpft. Dieses Mal hatte es länger gedauert, sie hatte auch einiges mitbekommen und sie durfte auch nichts trinken. Sie konnte kaum sprechen, weil der Hals so trocken und malträtriert war. Ich hatte das Gefühl, es sei besser, sie erst einmal ein paar Stunden in Ruhe zu lassen. Sie nickte müde. Ich fuhr heim und telefonierte mit Willi, um ihn zu beruhigen. Er hatte beschlossen, am Nachmittag allein zu ihr zu fahren, doch sein Rücken machte ihm wieder solche Beschwerden. Also rief ich ihn am frühen Nachmittag wieder an, um ihm anzubieten, ihn mitzunehmen. Er konnte sich gar nicht rühren und wollte am nächsten Vormittag zum Orthopäden fahren und bis dahin in Ruhe gelassen werden. Nachmittags war meine Mutter wieder besser beieinander und berichtete, der Oberarzt hätte behauptet, er hielte die Veränderungen auf dem Röntgenbild für Gefäße, die dort nicht hingehörten.
„Kein Tumor?“, fragte ich gespannt.
„Er glaubt das nicht. Er sagte, er wolle heute Abend noch mal ein gründliches Ultraschall machen.“
„Mein Gott, das wäre ja Wahnsinn! Aber warum ist die Leber so dick? Wegen des Thrombus?“
„Ich weiß nicht. Ich hatte ja mal eine Gelbsucht. Vielleicht kommt das noch daher.“
Ich war richtig erleichtert, als ich an diesem Abend nach Hause fuhr und ich konnte auch am nächsten Morgen wieder arbeiten. Ich klammerte mich ganz fest an den positiven Verdacht des Oberarztes und daran, dass die Lungenaufnahme auch negativ gewesen war. Der Thrombus hatte die normale Durchblutung der Leber verhindert und so hatten sich die Gefäße einen anderen Weg gesucht und bildeten einen Kranz um die Leber herum. Diesen Kranz hatte das CT als Krebs identifiziert. Als ich nach der Arbeit zu ihr kam, war Willi da und sie strahlte mich an.
„Ich soll dich ganz herzlich grüßen..... vom Oberarzt!“
„Ich kenne den doch gar nicht“, erwiderte ich verdutzt.
Sie zeigte auf mein Buch, das auf ihrem Nachttisch lag.
„Er hat heute morgen einen Aderlass gemacht und dabei immer auf das Buch gesehen. Schließlich habe ich ihn gefragt, ob er es kennt. Da sagte er, er wisse einiges über die Kontaktstelle Sternschnuppe und diese Frau, die diese Initiative ins Leben gerufen habe. Es habe ja immer mal in der Zeitung gestanden. Vor einiger Zeit hatte eine Freundin von ihm eine Fehlgeburt und da habe er miterleben müssen, wie tragisch so etwas sei und dass die Babys richtig beerdigt würden. Ich habe ihm gesagt, dass du dafür gesorgt hättest, dass diese Beerdigungen auch nun anonym auf Lauheide möglich seien. Da wollte er wissen, ob das in dem Buch stünde und da hab ich gesagt, ich wisse es von der Autorin selbst, denn die sei meine Tochter!“
Welche Wandlung hatte meine Mutter durchgemacht! Als meine Skulptur eingeweiht wurde, war sie gänzlich uninteressiert gewesen und nicht gekommen. Ich war verlegen, wie immer, wenn mich jemand auf mein sogenanntes Ehrenamt ansprach und begann meine üblichen Fragen nach Schmerzen, weiterer Diagnostik und Therapie zu stellen. Sie hatte den ersten Aderlass bekommen, man hatte ihr 500ml Blut abgezapft und nun erhielt sie einen Liter NaCl. Willi sah mächtig angeschlagen aus, er war beim Orthopäden gewesen, der ihn mit Spritzen gepeinigt hatte. Aber er war stolz, selbst hierher gekommen zu sein und seine Frau einigermaßen munter und optimistisch gestimmt vorzufinden. Am Abend rief mich meine Mutter an und erzählte freudig, der Oberarzt habe noch einmal ein Ultraschall gemacht und sei sich jetzt sicher, dass es sich alles nur um Blutgefäße handele und sich nun auch mit dem Professor abstimmen wolle. Unendlich erleichtert konnte ich in dieser Nacht endlich mal wieder traumlos schlafen. Am nächsten Morgen telefonierte ich vom Büro aus gleich mit ihr und sie sagte, der Professor sei abends spät noch einmal zu ihr gekommen und habe ihr eine Knochenmarksbiopsie vorgeschlagen.
„Wieso das denn jetzt?“, fragte ich verwundert.
„Ja, ich weiß auch nicht so genau, vermutlich wegen des Blutbildes.“
„Ist man jetzt zur Anfangsdiagnose „Vorstufe von Leukämie“ zurückgekehrt? Wann soll denn die Biopsie gemacht werden und wer soll die durchführen?“
„Ich weiß nicht, ist ja auch egal, ich bin ja immer da.“ Diese Geduld passte so gar nicht zu ihr.
In der Frühstückspause schrieb ich eine Email an den Radiologen. Ich war mächtig sauer, dass dieser Mann gewissenlos vor einem langen Wochenende zwei alten Menschen so einen Befund in die Hand drückte, der zudem auch noch eine völlig verkehrte Diagnose enthielt. Knapp 30 Minuten später klingelte mein Handy und der Radiologe stellte sich meinen Vorwürfen. Er habe das getan, weil er sicher war, dass meine Mutter am Wochenende in die Notaufnahme käme und er ihr eine erneute Diagnostik ersparen wollte. Sein Arztbrief sei verschlossen gewesen und er könne nicht davon ausgehen, dass der Patient diesen Brief einfach öffnen würde.
„Ich bitte Sie! Wer hat denn wohl das Hauptinteresse daran, was in dem Brief steht und um wen geht es in dem Brief? Um den Patienten und die Zeiten sind ja wohl vorbei, wo der Patient kein Mitspracherecht und keinen Anspruch auf seine Unterlagen hat!“, ereiferte ich mich.
Der Radiologe war eigentlich sehr nett. Er gestand meinen Vorwürfen sogar eine gewisse Berechtigung zu.
„Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich natürlich anders vorgegangen. Ich wollte nicht, dass eine ganze Familie so ein traumatisches Wochenende erlebt, aber leider muss ich Ihnen sagen, dass ich zu meiner Diagnose stehe. Ich stehe im ständigen Kontakt mit Herrn Prof. G., aber an meiner Diagnose hat sich nichts geändert.“
„Sie stellen als Radiologe doch eigentlich keine Diagnosen sondern äußern Verdachte, oder irre ich mich da?“
„Nein, das ist richtig....“, gab er zu.
„Dann haben Sie sich bei meiner Mutter geirrt!“
„Ich wünsche es Ihrer Mutter sehr und ich habe absolut kein Problem damit, wenn ich mich hier vertan habe.“
Dass er nichts anderes sagen konnte, war auch klar, er wollte ja nicht unbedingt sein Gesicht verlieren, daher musste er weiterhin zu seinem Todesurteil stehen. Ich hatte seinen blöden Arztbrief mittlerweile gedanklich „in die Tonne gekloppt“.
Als ich abends bei meiner Mutter auftauchte, war die Biopsie bereits durchgeführt worden. Es hatte geschmerzt, aber sie beschwerte sich nicht. Ein weiterer Aderlass stand an und sie behauptete, dass ihr diese Blutentnahmen gut täten. Ich hatte wieder Mut und Zuversicht. Am Freitag Nachmittag fing es an zu schneien, und so stand ich am Samstag Morgen um 7 Uhr auf, fuhr nach Gremmendorf und schob vor dem Haus meiner Eltern den Schnee weg. Willi war immer noch leidend mit seinem Rücken. Mein Sohn war in diesen Tagen unausstehlich, wie meistens, und ich genoss daher die Stunden im Krankenhaus mit meiner Mutter. Hier kam ich seltsamerweise zur Ruhe, obwohl für mich im Allgemeinen Krankenhäuser unheimlich bedrohlich wirkten. Am Samstag morgen kam ich mal wieder in Begleitung meines Sohnes und meines Freundes und wir erlebten eine Überraschung, denn an der Tür zum Zimmer meiner Mutter hing ein Schild, dass Besucher sich bei der Schwester melden sollten. Ich erschrak fürchterlich, denn ich wusste, dass in der Nacht vorher eine Frau mit Vergiftungserscheinen im Nebenzimmer untergebracht worden war. Ja, meine Mutter habe sich übergeben und daher sollten wir alle sterile Kittel, Handschuhe und Mundschutz tragen, wenn wir zu ihr wollten. Julian fand das natürlich aufregend und sah urkomisch aus in seinem viel zu langen Kittel und dem Mundschutz, der Dreiviertel seines kleinen Gesichtes verdeckte. Meine Mutter lachte, als sie uns sah und machte überhaupt keinen „vergifteten“ Eindruck. Wir blieben nicht lange, es war für Julian zu anstrengend in dem engen Zimmer in dieser Verkleidung zu sitzen. Er wurde ungeduldig und dann unausstehlich. Bevor ich ihn deutlich zurecht weisen musste, gingen wir lieber und meine Mutter war natürlich sehr verständnisvoll. Es hatte sich auch Besuch für den Nachmittag angesagt. Als ich jedoch am Spätnachmittag anrief, war sie immer noch allein. Ich hatte wieder einen unerfreulichen Brief im Zusammenhang mit meinem Wohnungskauf erhalten und wollte daher jetzt erst in der Nachbarschaft mit den Grundstücksbesitzern ein dringendes Gespräch führen. Meine Mutter tröstete mich, so wie sie mich all die Jahre im Zusammenhang mit diesem unglückseligen Wohnungskauf immer wieder getröstet hatte. Ich hatte mir zwar schon lange abgewöhnt, mit Problemen zu ihr zu laufen, aber diese Wohnungsgeschichte hatten wir zusammen angefangen, indem sie mir ein Teil meines Erbes dafür auszahlte und somit immer natürlich auch ein großes Interesse daran hatte, dass sich alles zu einem guten Ende entwickelte. Da ich von Immobilienkäufen keine Ahnung hatte, war ich oft auf ihren Rat und ihre Erklärungen angewiesen und ich kann mir auch heute noch nicht vorstellen, wie ich diese unsägliche Geschichte ohne ihren moralischen Beistand nervlich durchstehen soll. Meine Krankheit, meine gescheiterte Ehe und meine Probleme mit meinem Freund hatte ich vor ihr weitgehend verbergen können und das war auch gut so gewesen. Es hätte sie viel zu viel Kraft gekostet, wenn sie alles hautnah mitbekommen hätte. Ich bin in meiner Beziehung zu Gerd durch eine sehr harte Schule gegangen und ich habe gelernt, dass es für mich besser ist, mich allein meinen Beziehungsproblemen zu stellen, anstatt andere mit hineinzuziehen. Natürlich habe ich Freunde und Freundinnen, an die ich mich wende, wenn ich mich aussprechen möchte, weil es zu dicke kommt, aber ich ziehe mich grundsätzlich erst einmal ganz zurück und versuche, mich allein einer schrecklichen, furcheinflößenden Situation zu stellen, bevor ich mich bei anderen ausheule. Meine Mutter hatte im Laufe der letzten beiden Jahre gelernt, mich mein Leben allein führen zu lassen, und sie hatte endlich das nötige Vertrauen entwickelt, dass ich nicht ohne ihre Einmischung beim kleinsten Problem scheitern würde. Sie wusste, dass ich nicht laut „Mami“ schreien würde, wenn ich nicht weiterkäme, aber ich wusste, dass ich dies konnte und sie würde mich nicht im Stich lassen. So gesehen war unsere Mutter-Tochter-Beziehung in den letzten beiden Jahren genauso geworden, wie ich sie mir immer erträumt hatte. Aber eigentlich war sie nur endlich normal geworden.
Als wir am Sonntag kamen, war die Schleuse aufgehoben und wir fanden meine Mutter zusammen mit Willi beim gemeinsamen Mittagessen vor.
„Die liebe Schwester Marion hat Willi auch gleich ein Essen vorgesetzt! Jetzt sitzen wir hier einträchtig und schlagen uns den Bauch voll!“, sagte sie lachend zur Begrüßung. Sie konnte also wieder besser essen und sie sprach auch kaum noch von Schmerzen und Übelkeit. Sie bekam nun Heparin-Spritzen, das Blut wurde langsam dünner und schien ihren Beschwerden damit beizukommen. Zum ersten Mal sprach ich von Entlassung.
„Ja, das habe ich auch gedacht. Ich muss ja nicht hier bleiben und auf das Knochenmarksbiopsieergebnis warten. Diese Spritzen kann mir ja auch Dr. E. geben und Schmerzmittel brauche ich kaum noch. Dazu muss ich eigentlich nicht hier liegen.“
Der Gedanke reifte in ihr und am Montag fragte sie den Arzt, der versprach, sich mit dem Kieler Pathologen in Verbindung zu setzen, welcher die Gewebeprobe untersuchen sollte. Am Dienstag hieß es dann, sie könne wahrscheinlich am Mittwoch entlassen werden, weil der Befund erst in einer Woche zu erwarten sei. Mittwoch morgen rief sie mich an und erzählte mir freudig, dass Willi sie gleich abholen würde. Es war der 3. März. Leider hörte sie nicht mehr auf das, was wir ihr gepredigt hatten und schaffte wieder wie eine Irre im Haushalt. Willi hatte weiter Rückenschmerzen und sie begann, ihn wie gewohnt zu versorgen. Am Freitag bekam ich von meiner Schwester eine Email:
„Irgendwas stimmt da nicht. Willi liegt flach und Mami rennt. Bin auch nicht immer da.“
Es war der 5. März. Am frühen Vormittag hatte ich zu meinem größten Entsetzen herausbekommen, dass mein Freund mich auf übelste Weise mal wieder hintergangen und belogen hatte. Wie immer in solchen Situationen war er dann natürlich nicht erreichbar, hatte sein Handy abgestellt und den AB ebenfalls. Er war auch nicht in Münster, so viel hatte ich herausbekommen. Wieder einmal hatte mir mein sechster Sinn gemeldet, dass er etwas tat, was mir/uns nicht gut tat und ich hatte den dummen Fehler gemacht, mich dieser Situation gleich zu stellen, anstatt einfach nichts zu tun und abzuwarten, welche Lügen er mir am nächsten Tage auftischen würde. Ich war durch die belastenden letzten Wochen so extrem dünnhäutig geworden, dass mich diese Sache total überforderte. Ich konnte nicht mehr arbeiten, ich zitterte nur noch und ließ mich schließlich von meiner Lieblingskollegin ins Tierhaus abholen, wo wir einen Tee tranken und ich meinen Tränen freien Lauf ließ. Sie war entsetzt und fragte mich nach seiner Handynummer.
„Mein Gott, was ist das für ein Schwein!“ Sie tippte ihm ein paar Zeilen, ich wusste, es war sinnlos, er stand grundsätzlich über den Vorwürfen anderer Menschen und war immer so sicher, absolut richtig gehandelt zu haben. Um halb elf rief meine Mutter an. Sie merkte an meiner Stimme, dass etwas nicht stimmte und ich schämte mich so sehr, weil ich ihr mein Herz ausschüttete. Sie war krank und ich heulte ihr die Ohren voll. Doch sie war nicht sauer, sondern hörte ruhig zu und sagte dann ganz langsam:
„Du musst Abschied nehmen, Rike, du musst dir einfach vorstellen, er wäre tot.“ „Aber dann könnte ich in Frieden Abschied nehmen. So muss ich immer damit rechnen, dass er mir begegnet, wenn man mal davon absieht, dass er mich nach seiner Rückkehr sowieso terrorisieren wird.“
„Das darfst du nicht zulassen. Ich weiß nicht viel über diesen Mann, nur das, was ich gelegentlich in homöopathischen Dosen von dir und Julian gehört habe, aber das, was er heute getan hat, ist unverzeihlich und das werde ich ihn auch wissen lassen.“
Zum ersten Mal hatte ich nicht mal was dagegen, dass sie sich einmischte. Am Abend saß ich bei ihr und weinte mich aus. Sie und Willi hörten sich die ganze Geschichte noch mal an und sie war immer noch ruhig und schimpfte nicht wie ich es eigentlich erwartet hatte. Früher hätte sie getobt, gewettert, und Willi und sie hätten sich so richtig schön hoch geschaukelt und nicht ein gutes Haar an Gerd gelassen. Doch sie suchte nach Gründen für sein Verhalten, sie versuchte tatsächlich, ihn zu entlasten. Leider gab es nicht ein einziges Entlastungsmoment und so blieb nur die Hoffnung, dass ich irgendwann mal den „Richtigen“ finden würde.
„Ich bin gern allein. Ich brauche mich nicht zu binden, ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Single-Dasein. Das glaubt mir zwar keiner, aber ich bin wirklich durch diese lange grauenvolle Gerd-Beziehung zur Einzelgängerin geworden und habe gelernt, das Alleinsein zu schätzen!“, erklärte ich meiner Mutter, die mich erstaunt und fast neidvoll ansah.
„Das ist toll, wenn es dann so ist. Das können die wenigsten.....“
Als ich ging, überkam mich wieder das schlechte Gewissen. Wie unglaublich egoistisch von mir, die beiden den halben Tag mit meinem Beziehungsmist zu behelligen. Ich nahm meine Mutter in den Arm und entschuldigte mich.
„Ach, mach dir keine Gedanken!“, sie legte den Arm um ihren Mann und strahlte mich an. „Uns beiden geht es doch gut, nicht wahr, Willi?“
Ein weiteres Bild, das ich mein Leben lang mit mir herumtragen werde. Außerdem gibt es ein Fax zu diesem 5. März, das meine Mutter – ich weiß nicht wie, denn sie hatte kein eigenes Faxgerät – an meinen Freund geschickt hat. Sie hat krakelig-aufgeregt auf meinen Krankenkassenblock, den ich ihr im Krankenhaus für ihre Notizen überlassen hatte, ein paar heftige und deutliche Worte an Gerd geschrieben. Nach ihrem Tod fand ich dieses Fax und habe es mitgenommen. Ich bin sehr stolz auf sie gewesen, dass sie sich so mutig vor mich stellte und ihm die Meinung gesagt hatte. Und ihre Botschaft war bei ihm angekommen. Zum ersten Mal hatte er sich Kritik zu Herzen genommen und sich geschämt. Als sie gestorben war und ich viele Wochen später ihr Handy bei mir hatte, um den Pincode herauszufinden, fand ich eine schamvolle short message, die er an meine Mutter geschickt hatte. Von dem Fax hatte er mir berichtet. Zum Inhalt hatte er geschwiegen, so dass ich es erst nach ihrem Tod kennen lernte. Eine letzte short message meiner Mutter habe ich auch noch auf meinem Handy, die sie mir am 6. März schickte, als ich bereits einen ganzen Tag und eine halbe Nacht mit Gerd diskutierte. Erst am 7. März schaffte ich es vormittags zu ihr zu kommen. Es war unser letztes vertrautes Gespräch. Wir saßen zusammen im Wintergarten und sie erzählte mir von ihren jahrzehnte zurückliegenden Problemen mit Willi. Dinge, die mir neu waren und die sie mir auf einmal anvertraute. Woher kam dieses Vertrauen? Sie war doch immer so souverän gewesen. Warum bekam ich jetzt plötzlich Schilderungen zu hören, die mir zeigten, dass meine Mutter eine Menge hatte einstecken und verzeihen müssen? Dass es Krach gegeben hatte, wusste ich natürlich, aber die Gründe waren mir weitgehend verborgen geblieben. Das hatte ich mich sowohl bei meinen Eltern als auch bei Willi und meiner Mutter immer gestört. Wir Töchter bekamen wüste Schreiereien mit, aber worum es ging, erzählte man uns nie. Plötzlich waren meine Eltern geschieden und wir Kinder wurden davon in Kenntnis gesetzt wie vom Kauf eines neuen Kleinwagen. Diese Ignoranz uns gegenüber hatte mich ziemlich lange gequält, und daher versuchte ich seit einigen Jahren, meinen Sohn kindgerecht einzuweihen, wenn er Auseinandersetzungen mitbekam.
Da er sich immer auf die Seite seiner Mutter schlägt, könnte man mein Verhalten als unfair und Beeinflussung auffassen. Aber es war stets Julian, der Gerd wieder zu uns holte, weil dieser ihm leid tat.
„Seine egoistischen Kinder kümmern sich doch nicht um ihn! Was ist, wenn er mal einen Rollerunfall hat? Oder wenn er sich was antut?“, so lauteten seine Befürchtungen. Gerd hatte häufig ziemlich bewusst Julian Mitleid erregt. Als meine Mutter erzählte, sah ich einige Szenen meiner Kindheit und Jugend vor mir. Auch mein Vater hatte geweint und wie ein gebrochener Mann im Wohnzimmer gesessen, während meine Oma seine Sachen packte, um ihn rauszuwerfen. Willi hatte sich später meine Vermittlungsversuche gern gefallen lassen, denn immer hatte er mir leid getan, wenn ich einen Streit mitbekommen hatte. Meine Mutter hatte nie geweint und mit hängenden Schultern herum gesessen. Sie hatte ständig irgendetwas getan und dabei geschimpft. Willi saß in seinem Zimmer, hatte entweder Migräne oder weinte. Natürlich hatte er mir leid getan und ich hatte ihn getröstet und mir keine Gedanken gemacht, wie es wohl in Wahrheit in meiner Mutter aussah. Heute spiele ich diese Szenen nach. Ich putze schimpfend die Wohnung und Gerd sitzt untätig da und schaut aus wie ein geprügelter Dackel. Selbstverständlich bin ich dann sehr schnell die Harte, die Böse, die Dominante und alle Beherrschende. Doch dass ich tief verletzt worden bin und eigentlich sehr gut das Recht hätte, weinend und klagend in der Ecke zu sitzen, sehen weder Julian noch Gerd. Ich bin die Meckerziege und die beiden Männer haben unter mir zu leiden. Am Ende mache ich beiden ein gutes Essen und habe ein schlechtes Gewissen. Bis zum nächsten Mal.
Meine Mutter hielt mir an diesem Vormittag den Spiegel vor, ohne es zu ahnen. Aber sie schaffte es damit, dass ich in den nächsten Tagen nicht schluckte und schluckte, bis ich überkochte, sondern, dass ich meine Ängste, meine Verletztheit und meine Verzweiflung äußerte. Damit konnte Gerd sogar umgehen, zumal ich in den nächsten Tage ängstlich meine Sorgen um meine Mutter zum Dauerthema machte. Ich war nicht stark, ich war schwach und anlehnungsbedürftig und er musste nichts weiter tun, als da sein und kostete meine Schwäche aus. Am Mittwoch, den 10. März musste meine Mutter wieder ins Krankenhaus, denn das Ergebnis des Blutbildes war da und der Professor wollte jetzt die Medikation mit ihr besprechen und diese auch stationär einleiten. Als ich nachmittags kam, war sie wieder auf einer anderen Station untergebracht, die ich nicht kannte und suchen musste. Sie hatte ein sehr großes Einzelzimmer. Sie saß in ihrem neuestem eleganten Hosenanzug am Fenster und der Professor saß auf der Bettkante.
„Ach, da ist wieder eine von meinen neugierigen Töchtern!“, bemerkte sie zufrieden, als ich hereinkam.
Das folgende Gespräch, war das letzte, das wir zu Dritt führten. Danach habe ich diesen Professor noch einmal gesehen, als meine Mutter bereits gestorben war. Das Gespräch verlief schleppend, und ich konnte mir nicht erklären, warum mir dieser Mann so unschlüssig, ja, sogar unsicher vorkam. Er erklärte meiner Mutter, wie immer mit kurzen Seitenblicken zu mir, dass ihr Blutbild noch grenzwertig sei und sie an einer Krankheit leide, die im ganz weiten Sinne einer Vorstufe von Leukämie zuzuordnen war. Er habe lange im Team überlegt, ob man ihr Medikamente geben solle, aber man sei sich einig, dass sie erst einmal nur Heparin-Spritzen bekommen sollte und sich in vier Wochen zu einer erneuten Spiegelung und einem weiteren CT vorstellen sollte. Er hoffe, dass der Befund dann deutlich besser sei. Diese relativ kurze Mitteilung kam sehr langatmig und umständlich herüber und ich wurde unruhig und wusste diese Situation nicht einzuschätzen. Der Arzt war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, warum nur brauchte er solange, um diese einfache Therapie vorzuschlagen? Meine Mutter schien es offenbar genau so zu gehen, denn sie fragte zweimal, ob sie nur Heparin-Spritzen bekäme und dann jetzt eigentlich nach Hause könne. Ja, das sei so richtig. Er wolle gern den neuen Aufnahmetermin mit ihr ausmachen und dann könne sie gehen. Er wolle den Hausarzt benachrichtigen.
„Das ist ja schön, dann kann meine Tochter mich ja mitnehmen!“
Ich nickte zustimmend.
Prof. G. druckste immer noch herum:
„Frau Hecker, ich hab so ein bisschen ein bedrückendes Gefühl in mir, weil ich damals auch an diese Leberkrebs-Diagnose geglaubt habe....“
Er sah mich an: „Sie haben mich damals so direkt gefragt und ich habe überhaupt keine Zweifel gehabt, dass es nichts Bösartiges sein könnte!“, er sah mich entschuldigend an.
„Niemand hatte den geringsten Zweifel, dieser Befund war so totsicher gestellt, im wahrsten Sinne des Wortes...!“, erwiderte ich und war beeindruckt von soviel Menschlichkeit. Er gestand seine Schuld ein und das fand ich bemerkenswert als Mann in seiner Position.
Er schaute meine Mutter an:
„Sind Sie stark traumatisiert dadurch?“
„Nein, nein, ich hab das irgendwie gar nicht realisiert. Meine Tochter sagte zum Beispiel, ich hätte zuhause gesagt, ich käme ja wohl nie zurück. Daran erinnere ich mich nicht mal mehr. Nein, das ist nicht schlimm gewesen!“, sagte sie freundlich und ich traute mal wieder meinen Ohren nicht.
„Ich habe es voll realisiert, zwei Kilo abgenommen, nur geheult, nicht mehr geschlafen und miserabel gearbeitet, aber jetzt ist ja alles vorbei!“, sagte ich leise, denn vorwurfsvoll traute ich mich nicht. Das hatte der nette Professor auch nicht verdient.
Wir packten die Sachen meiner Mutter zusammen und warteten noch auf die Assistenzärztin, die meiner Mutter den 14. April für das nächste CT und die erneute stationäre Aufnahme mitteilte. Ich nahm die Tasche, fasste meine Mutter am Arm und wir gingen langsam zum Ausgang. Mein Auto stand wieder im Parkhaus auf derselben Etage, ja sogar in derselben Reihe wie am Freitag vor Rosenmontag, als ich sie mit ihrem Todesurteil hierher brachte. Mein Wunsch, sie wieder mitnehmen zu können, war in Erfüllung gegangen, aber irgendetwas stimmte nicht. Meine Mutter wirkte bedrückt und war ausgesprochen still. Ich versuchte, small talk zu machen, aber sie ging nicht darauf ein. Leider hatte ich es auch sehr eilig und konnte nicht mehr bei ihr und Willi bleiben.
„Erhol dich von dem Tag, ich rufe dich morgen früh an!“
Ich umarmte sie, streichelte ihre eiskalte kleine Hand und fuhr mit einem nicht definierbaren Unbehagen nach Hause.
Am nächsten Morgen telefonierten wir recht früh. Sie war immer noch bedrückt.
„Ich habe schlecht geschlafen“, klagte sie.
„Vermutlich hängt mir das jetzt alles nach oder kommt nun hoch, ich weiß es nicht. Ist ja auch egal....“, seufzte sie.
„Mami, denk da nicht mehr daran, es ist vorbei! Ich hatte mir so gewünscht, dich wieder nach Hause fahren zu können und ich war so glücklich gestern, dass es wirklich dazu gekommen ist. Du musst doch nur eine Spritze am Tag bekommen und kannst dein Leben so führen wie bisher – wenn man mal davon absieht, dass du nicht mehr schuften darfst und eine tägliche Hilfe im Haushalt brauchst!“
Wir redeten noch ein wenig, ich hatte keine Erklärung für diese depressive Stimmung meiner Mutter. Mein Büroalltag holte mich aber sehr schnell ein, und ich hatte keine Zeit mehr für trübe Gedanken. Um elf Uhr klingelte das Telefon und ich erkannte sofort die Handynummer meiner Mutter im display.
„Mami, was ist?“
„Reg dich nicht auf, ich muss wieder ins Krankenhaus. Ich habe Blut im Stuhl. War bei Dr. E. Der sagt, es sei sicher nicht schlimm, aber ich müsste wieder rein. Er hat schon den Professor angerufen. Ah, Mann, ich habe keine Lust, wieder zurückzugehen!“, klagte sie berechtigt.
„Soll ich mir frei nehmen?“
„Nein, nein, Willi bringt mich schon, das schafft er jetzt wohl. Meine Tasche ist ja noch nicht mal ausgepackt....“, sagte sie wehmütig.
„Ich komme sofort nach dem Büro zu dir!“
„Es tut mir leid, jetzt mache ich euch wieder Scherereien!“
Das waren die letzten Worte, die meine Mutter zu mir sagte. Danach habe ich nie wieder mit ihr sprechen können. Als ich sie wiedersah, war sie schon bewusstlos, bzw. im künstlichen Koma.
Um halb drei rief Willi mich an und schrie wie ein Irrer!
„Deine Mutter hat Blut gebrochen und wird jetzt notoperiert. Ich kann nicht mehr. Ich war die ganze Zeit dort! Und du sitzt im Büro und kümmerst dich um nichts!“
„Was ist denn los? Ich weiß doch gar nichts. Wo bist du denn jetzt?“, ich war grenzenlos geschockt.
„Zuhause! Ich kann nicht mehr! Aber ihr habt ja alle was Besseres zu tun!“ Willi war immer ungerecht, wenn er überfordert war.
„Ich habe einen Job, den habe ich ausgeübt. Mehr nicht. Wo ist meine Mutter?“
„Auf der Intensivstation. Sie hat drei Schalen Blut gebrochen! Sie stirbt!“
Dieses Gespräch machte keinen Sinn. Ich verabschiedete mich knapp und rannte aus dem Büro. Um mich herum standen zwar gerade ein Heini von der Technikzentrale, der mir schon den halben Tag mit einer neuen Telefonschaltung auf die Nerven ging und der Kustos des Hauses, der auch mal wieder etwas Brandeiliges für mich hatte.
„Meine Mutter ist totkrank. Ich muss weg!“
Ich schob mich zwischen den beiden hindurch, rannte auf dem Flur noch einem Kollegen in die Arme, den ich bat, mich für die letzten 30 Minuten meiner offiziellen Arbeitszeit zu entschuldigen, und raste zu meinem Auto. Im Laufen tippte ich meiner Schwester eine sm, die sinngemäß lautete: `Mami Not-Op, Willi dreht durch, ich fahre zum Franziskus!` Meine Schwester antwortete umgehend mit „ich komme jetzt auch“. Gott sei Dank!
Wir trafen beinahe zeitgleich ein und rannten auf die Intensivstation. Wir klingelten und eine Schwester öffnete uns. Wir stellten uns vor und fragten nach unserer Mutter. Sie verschwand wieder und wir warteten weiter. Ein paar Meter weiter saß eine junge weinende Frau, die von einer älteren tröstend immer wieder in die Arme genommen wurde.
Die Tür ging wieder auf, ein junger blonder, braun gebrannter Arzt holte uns herein.
„Ihre Mutter ist von Professor G. operiert worden. Es handelte sich um eine relativ kleine Blutung, die jetzt steht. Wir haben Ihre Mutter im künstlichen Schlaf behalten, damit die Strapazen für sie nicht so groß werden. Morgen früh werden wir noch einmal spiegeln. Wenn dann alles gut ist, kann sie aufgeweckt werden“, erklärte er freundlich.
„Wird sie beatmet?“, fragte ich.
Er nickte und wir erschraken heftig.
„Das sieht schlimmer aus, als es ist. Es ist besser für sie, so hat sie keine Schmerzen und wir haben jederzeit wieder Zugang, falls noch mal eine Blutung auftritt!“
Ich spürte das Zittern meiner Schwester und hätte gern meinen Arm um sie gelegt. Sie hatte im Gegensatz zu mir einen gesunden Horror vor all diesen schrecklichen Krankenhausapparaturen.
„Kann ich zu ihr?“, fragte ich vorsichtig.
Dr. F. nickte.
Meine Schwester hatte Tränen in den Augen.
„Ich warte draußen, ich kann das nicht.“
„Das ist doch völlig okay. Ich muss zu ihr, ich kann auch nicht anders!“, erwiderte ich.
Dr. F. brachte mich zu meiner Mutter. Sie lag mit einem dicken Schlauch im Mund und an piepsende Geräte angeschlossen, mit geschlossenen Augen und leichenblass in einem hohen Bett. In dem Moment, als ich den Raum betrat, fing sie an zu würgen und der Arzt holte eine Schwester.
„Wir müssen sie noch mal absaugen, da kommt noch Blut“, erklärte er entschuldigend.
„Warten Sie doch noch einen Moment draußen.“
„Ich kann das sehen, das macht mir nichts.“ Und es machte mir wirklich nichts aus. Ich empfand keinen Ekel, ich hatte seltsamerweise auch keine Angst. Es war nur alles so fremd, dass ich es nicht begriff. Da lag meine Mutter, nicht ansprechbar, würgend, mit Schläuchen im Hals und in der Nase und konnte sich nicht wehren. Sie sah mich nicht an, sie lächelte mich nicht an, sie war ein willenloses Bündel Mensch, das hier mithilfe modernster Geräte am Leben erhalten wurde. Sie war nicht mehr meine Mutter, aber unerklärlicherweise spürte ich seit vielen, ungezählten Jahren endlich wieder eine tiefe Liebe zu ihr. Liebe und grenzenloses Mitleid für diese unwürdige Situation, in der sie hier vegetierte. Meine eitle, superschöne und stets so elegante Mutter lag hier röchelnd, im blutverschmierten Krankenhaushemd, ein Watteröllchen zwischen den Lippen des zahnlosen Mundes. Ich nahm vorsichtig ihre Hand, während Schwester und Arzt den blutigen Schleim absaugten. Ein Geräusch, das jeder von uns vom Zahnarztbesuch kennt. Man sprach nicht mit ihr, man hantierte nur an ihr herum und das störte mich sehr. Als die Schwester fort war, sprach der Arzt mit einem Kollegen über die durchgeführten Therapien. Ich beugte mich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die kalte Stirn und suchte die Hand unter der Bettdecke. Sie war seltsamerweise einigermaßen warm. Ich kannte meine Mutter nur mit eiskalten Händen.
„Sie hat warme Hände!“, bemerkte ich schüchtern.
„Ja, es geht ihr gut!“ Der junge Arzt war sofort wieder an meiner Seite und wartete ab, ob ich noch Fragen hatte. Ich hatte Millionen Fragen, hatte aber Angst vor den Antworten. Manchmal ist Ungewissheit so tröstend.
„Sie würgt noch. Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?“ fragte ich schließlich den aufmerksamen jungen Arzt.
„Ja, der Würgereflex ist ganz normal, sie wehrt sich gegen den Schlauch, aber, keine Angst, sie merkt das nicht. Sie wird nicht gequält. Es ist wirklich besser für sie, dass sie schlafen kann.“
„Meinen Sie, dass sie spürt, dass ich da bin?“ Ich hatte vorsichtig meine Hand und die Bettdecke geschoben und umklammerte ihre warmen Finger.
„Das weiß man nicht, ich glaube schon, dass es gut für sie ist, dass Sie bei ihr sind!“ Ob er das wirklich glaubte?
„Da ist der Mann von Frau Hecker am Telefon!“ Ein anderer Arzt erschien und sah Dr. F. hilflos an.
„Ich rede mit ihm!“, bestimmte ich. „Wo ist das Telefon?“
Dr. F. begleitete mich. Ich versuchte irgendwie, Willi zu beruhigen, machte ihm Mut, dass alles gut würde, dass sie es schaffen könnte und dass ihr hier nichts passieren könnte.
„Er hat sicher schon sehr oft angerufen?“, fragte ich Dr. F.
„Ja, allerdings!“
„Bitte, rufen Sie mich an, wenn.....wenn etwas passiert. Nur mich! Nicht ihn, nicht meine Schwester. Ich möchte nicht, dass sie überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt. Wenn etwas passiert, dann möchte ich, dass sie es so vorsichtig wie möglich erfährt. Und er auch.“
Ich war ziemlich großspurig, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte, ab sofort auf das Telefon zu lauern!
Man notierte meine Telefonnummern und ich ging zurück zu meiner Mutter, die gerade mal unbeaufsichtigt war. Ich umarmte sie, so gut es ging, ich streichelte ihre Wangen, und ich flüsterte leise mit ihr:
„Mami, du musst durchhalten. Du darfst uns noch nicht verlassen. Wir beide haben doch erst gerade zueinander gefunden. Bitte, bitte, gib uns noch etwas Zeit. Bitte, sei weiter so stark, bitte geh nicht. Dein Mann braucht dich, er ist so tapfer, aber er kann doch nicht ohne dich leben. Und deine Enkelkinder, dein kleiner dicker Julian, der hat doch kaum Verwandte!“
Ich konnte die Tränen leider nicht zurückhalten. Sie tropften auf ihr Bett. Eine Schwester kam rein und sah mich vorwurfsvoll an. Was hatte die so blöd zu gucken? Weil ich mit einer Bewusstlosen sprach oder weil ich weinte?
Ich küsste meine Mutter und nahm zart den Geruch ihres Parfums und der Yves-Rocher-Antifaltencreme auf.
Draußen standen meine Schwester und ihr Mann. Meine Schwester weinte.
„Ich schäm mich so, dass ich da nicht reingehen mag!“
Dieses Bekenntnis traf mich tief und ich hätte sie so gern in die Arme genommen, aber ich traute mich nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihr das vorzuwerfen und war total entsetzt, dass sie sich offensichtlich quälte.
„Das brauchst du doch nicht!!! Steffi, bitte, es ist doch völlig okay, wenn du das nicht willst. Das ist doch keine Schwäche! Und, es ist kein schöner Anblick. Es ist so...so unwürdig. Es reicht, wenn eine sie so gesehen hat.“
Hilflos suchte ich die passenden Worte.
Zuhause empfing mich mein Freund humpelnd und mit schmerzverzerrter Miene. Er war morgens vom Roller gestürzt und sein Knie sah böse aus. Ich packte ihn sofort ins Auto und brachte ihn zu unserem Hausarzt. Julian und ich warteten geduldig, bis er mit einer Überweisung für die chirugische Ambulanz aus dem Sprechzimmer kam. Also fuhren wir wieder zum Krankenhaus. Gerd saß in der Notaufnahme und wartete erst einmal endlos. Julian rannte aufgeregt herum, die Warterei zerrte an den Nerven. Schließlich ging ich zur Intensivstation und fragte nach meiner Mutter.
„Bitte warten Sie zehn Minuten, wir legen ihr gerade einen Venenkatheter“, erklärte mir die Schwester und ich ging wieder in die Notaufnahme.
Dort hatte sich noch nichts bewegt. Gerd saß immer noch auf dem Behandlungstisch und Julian hockte vor ihm. Also warteten wir hier eine weitere Viertelstunde. Es rührte sich nichts. Ich ging wieder nach oben. Dort ließ man mich immer noch nicht zu meiner Mutter. Es würde noch dauern. Ich lief wieder nach unten. Alles unverändert, die Notaufnahme war wie ausgestorben.
„Mami, ich hab ein bisschen Hunger!“
„Komm, Juli, wir besorgen dir was zu essen!“
Ich nahm die ewig-klebrige weiche Kinderhand in meine und wir trabten über die Flure und suchten Automaten mit etwas Essbaren. Ich schaffte es sogar, mir einen lauwarmen Milchkaffee zu ziehen und Julian bekam einen Mini-Hot-Dog.
Bei Gerd hatte sich nichts verändert. Julian setzte sich wieder vor Gerds blutendes Knie und betrachtete es interessiert, während ich mich im Flur umsah, ob überhaupt ein Arzt da war. Da lief mir Dr. F. von der ITS über den Weg.
„Was machen Sie denn hier?“ fragte er erstaunt.
„Ich habe noch einen „Patienten“ hier, nur der wird leider wenig beachtet.“
„Wir haben drei Herzinfarkte gleichzeitig bekommen, das kann hier noch dauern! Das tut mir jetzt leid für Sie!“
Na, das war wenigstens mal eine Auskunft. Vielleicht sollten wir uns hier gleich für die Nacht einrichten.
Ich ging erst mal wieder nach oben. Mittlerweile murkste man seit über einer Stunde an meiner Mutter herum und ich wurde nervös.
„Ich will jetzt sofort zu meiner Mutter! Egal, was da jetzt veranstaltet wird, ich WILL sie jetzt sehen!“
Wortlos holte mich die Schwester herein.
Ein Arzt erklärte mir nuschelnd, sie habe ein „Venenproblem“ oder sei ausgetrocknet, daher habe es nicht geklappt, ihr einen Katheter zu legen. Aber der alte Zugang in der Armbeuge sei erhalten geblieben.
Bevor ich fragen konnte, was das für ein „Venenproblem“ war, verschwand der Mann wieder.
Meine Mutter war grau im Gesicht und sah mächtig mitgenommen aus. Sie hatte in den letzten Stunden deutlich abgebaut und ich erschrak fürchterlich. Ich nahm ihre Hand, sie war eiskalt. Ich sprach leise mit ihr, flehte sie an, noch durchzuhalten und begann vorsichtig, ihre eiskalten Finger zu massieren. Voller Entsetzten sah ich zwei dicke Verbände rechts und links am Hals. Der gescheiterte Venenkatheter!
„Mami, Mami, was haben die mit dir gemacht! Die tun dir so weh. Du musst dich wehren!“
Eine Schwester kam und sah mich entgeistert an.
„Warum sprechen Sie denn mit ihr? Sie hört Sie doch nicht!“
„Woher wollen Sie das wissen? Wer sagt Ihnen, dass sie nicht spürt, dass ich mit ihr spreche?“, giftete ich los.
Die Schwester antwortete nicht. Kurze Zeit später erschien sie wieder und sagte laut:
„Frau Hecker, ich muss Sie jetzt mal pieksen!“
Sie nahm ihr einen Tropfen Blut aus dem Finger ab.
„So, das war es schon, das tat doch nicht weh?“
Sie sah mich provozierend an und verschwand.
Ich blieb solange, bis die eiskalte Hand warm wurde. Tief deprimiert verließ ich den Raum. Dr. F. stand plötzlich wieder da.
„Sie stirbt. Ich weiß es“, sagte ich traurig.
„Nein, es geht ihr gut, kein Grund zur Aufregung!“
„Sie würgt nicht mehr. Der Schlauch stört sie nicht mehr. Sie ist morgen tot.“
Der Arzt widersprach mir nicht. Er sah mich erstaunt an und sagte dann nachdenklich:
„Manchmal spüren die Angehörigen mehr, als wir Mediziner wissen können. Ich hoffe sehr, dass Sie sich irren!“
Er berührte sanft meine Schulter.
„Sie rufen mich an!“
Es war eine Feststellung, nicht mal mehr eine Frage.
Vor der Tür setzte ich mich auf den Boden und weinte lange und lautlos. Dann ging ich hinunter zu Gerd und Julian. Dort hatte sich endlich etwas getan. Eine Ärztin hatte Gerd untersucht und er wollte sich gerade zum Röntgen aufmachen. Julian stützte ihn.
Eine Stunde später waren wir endlich zu Hause. Es war nach 21 Uhr, Gerd hatte über zweieinhalb Stunden in der Notaufnahme und beim Röntgen gehockt, um zu erfahren, dass er am nächsten Morgen zum MRT wiederkommen sollte. Julian war totmüde, ich versprach ihm, dass er am nächsten Tag von mir in der Schule lentschuldigt würde. Gerd legte sich stöhnend ins Bett. Ich war hellwach, ich wusste, es war die letzte Nacht im Leben meiner Mutter. Das Telefon lag neben mir, ich lag Stunde um Stunde und rechnete mit dem Klingeln. Gegen Morgen schlief ich ein, um halb acht war ich wieder wach und rief sofort auf der Station an.
„Sie hat die Nacht ganz gut überstanden, die Blutmenge stimmt noch. Wir haben ihr eine Bluttransfusion gegeben“, erklärte die Schwester.
Ich saß auf der Bettkante und überlegte.
„Was ist?“, fragte Gerd.
„Sie bekommt doch jetzt eine Embolie?“, überlegte ich.
„Sie haben ihr eine Transfusion gegeben, also wird sie eine Embolie bekommen!“
Gerd wusste nicht, was er antworten sollte und ging hilflos ins Bad.
Zwei Stunden später, ich war angezogen und saß beim Frühstück, klingelte das Telefon.
„Ihre Mutter hat jetzt Probleme mit dem Herzen und der Lunge! Wenn Sie sie noch einmal sehen möchten....“, es war dieselbe Stimme wie zwei Stunden zuvor.
„Sie stirbt! Meine Mutter stirbt. Wir müssen uns beeilen!“
Ich sprach meiner Schwester auf Band und wartete verzweifelt auf Gerd, der mal wieder nicht in die Gänge kam.
„Beeil dich, bitte, ich will sie noch einmal lebend sehen!“
Julian weinte.
„Meine Omi stirbt jetzt? Nein, meine Omi soll noch nicht sterben!“
Ich nahm ihn in die Arme.
„Ich bringe dich jetzt zu Papa, hab keine Angst, kleiner Julian!“
An die Fahrt zum Krankenhaus kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich selbst oder ob Gerd gefahren ist. Ich meine, Julian hätte hinten leise gewimmert.
Als ich auf die Station stürzte, war meine Schwester schon da. Ich sah eine Tür, die schon immer da gewesen war, deren Aufschrift ich jedoch jetzt erst realisierte. „Verabschiedungsraum“.
„Wie schrecklich“, flüsterte ich Steffi zu. „Stell dir vor, da kommt sie mal rein!“
Meine Schwester hatte geklingelt. Plötzlich stand ein junger Pfleger vor uns.
Er hatte blaue Kleidung an und erzählte irgendetwas, dass er vom Frühstück käme.
„Wir wollen zu Frau Hecker!“ forderte ich.
„Setzen Sie sich erst mal. Ich komme gerade vom Frühstück“, sagte der blaue Typ wieder.
„Wollen Sie einen Arzt sprechen?“
„Ich will zu meiner Mutter!“ Ich schrie fast.
„Beruhigen Sie sich. Ein Arzt kommt gleich!“
„Ist sie tot?“ Jetzt schrie ich und der blaue Junge nickte.
Steffi und ich sanken gleichzeitig nebeneinander auf die Knie. Während meine Schwester leise und unauffällig weinte, schluchzte ich hysterisch. Der Pfleger versuchte, mich zu beruhigen, legte mir die Hand auf die Schulter, die ich energisch abschüttelte.
„Ich will zu ihr! Sofort!“, forderte ich. Dann sah ich wieder dieses Schild, direkt gegenüber.
„Ist sie...?“ Der Pfleger nickte und brachte mich die paar Meter über den Flur. Er öffnete die Tür und ich schaute vorsichtig hinein. Sie lag in einem weißen Bett, man hatte ihr die Hände gefaltet. Auf dem Handrücken klebte noch ein dicker Tupfer. Ich ging hinein, zog einen Stuhl nah an ihr Bett und legte meine Arme um sie. Sie war warm und weich. Ich weinte und hielt sie fest. Der Pfleger war noch da und wollte erklären, was geschehen war. Die Hand meiner Schwester tauchte auf, sie berührte zart die gefalteten Hände meiner Mutter und ich wusste, dass sie mit dieser Berührung über sich hinausgewachsen war. Ich hörte, wie sie leise sagte:
„Mami, Mami, warum hast du uns das angetan!“
Der Pfleger stand immer noch da und ich bat ihn zu gehen. Er nickte und sagte, ich könne mindestens noch zwei Stunden hier bei ihr bleiben. Plötzlich überkam mich eine unglaubliche Ruhe, ich legte meinen Kopf auf die Schulter meiner Mutter und weinte leise. Zwei Stunden nur. Ich hatte nicht vor, auch nur eine Minute davon abzugeben. Die Tür war angelehnt. Meine Schwester umarmte mich von hinten.
„Rike, komm!“ Es war das erste Mal seit ungezählten Jahren, dass meine Schwester mich umarmte. Gut, ich war nicht allein. Sie war wieder da, meine große Schwester.
„Ich möchte noch ein bisschen hier bleiben, ja?“ Sie nickte und ging hinaus. Ich sah hinter ihr her. Gerd stand dort, bleich, erschüttert. Ich ging kurz zu ihm.
„Geh du ruhig zum Röntgen. Das muss ja geklärt werden und ich muss noch hier bleiben.“ Ich wusste, dass er meinen Wunsch verstand.
Ich saß vor ihr, starrte auf den Brustkorb, der sich nicht mehr hob und senkte und hatte immer das Gefühl, sie müsse die Augen öffnen und mich anlächeln. Man hatte ihr ein gelbes Handtuch um den Hals gewickelt. Ich zog es ein wenig zur Seite und sah die Spuren des missglückten Venenkatheters an beiden Seiten des Halses. Ich traute mich noch nicht, diese Pflaster abzunehmen, weil ich Angst hatte, sie könne noch bluten. Aber die Verklebung vom Handrücken und aus der Armbeuge nahm ich ab. Ihre Finger waren wächsern und geschwollen. Auch der Bauch schien unnatürlich aufgebläht. Später erfuhr ich, dass sie von acht Litern zugeführter Flüssigkeit gerade mal einen Liter ausgeschieden hatte. Sämtliche Organe hatten nach und nach ihren Dienst versagt. Multiorganversagen. Doch in dieser Stunde interessierte mich das Medizinische überhaupt nicht. Ich versuchte, irgendwie noch etwas Wärme, etwas Lebendiges meiner Mutter mitzunehmen und klammerte mich daher an sie.
„Du kommst hinter mein Sternchenfeld und dann passt du da oben auf meine Regine auf. Die ist schon so lange allein. Jetzt hat sie endlich ihre Omi bei sich.“ Plötzlich legte wieder jemand seine Hand auf meine Schulter. Der Professor hatte den Raum betreten. Er sah sehr traurig aus.
„Ich habe es gewusst, aber ich hätte mir so gern noch etwas Zeit gewünscht mit ihr“, erklärte ich.
„Es tut mir so leid, ich hätte Ihnen gern noch Zeit gegönnt.“ Er sah ein wenig hilflos aus und setzte sich vorsichtig auf den zweiten Stuhl.
„Was war es? Embolie?“, fragte ich, nur um etwas zu sagen, denn im Grunde störte mich jeder Fremde in der kurzen Zeit, die ich noch mit ihr hatte.
Er nickte.
„Vermutlich. Ihre Mutter litt am myeloproliferativen Syndrom!“ Okay, irgendeinen Namen musste der Tod ja haben. Hier und jetzt interessierte mich das wirklich nicht. Ich war froh, als sich die Tür wieder öffnete und meine Schwester mit verweintem Gesicht hineinsah. Der Professor wünschte auch ihr sein Beileid und fragte uns dann, ob wir eine Obduktion wünschten. Wir verneinten beide vehement.
„Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie gern zu mir nach unten in mein Büro“, bot er an.
Ich war froh, dass meine Schwester das übernahm, denn sicher war es später wichtig, dass man einer von uns ihren Tod erklärt hatte. Ich schaute auf die Uhr. Schon eine Dreiviertelstunde war um. Ich hatte nun nur noch eine gute Stunde. Wieder legte ich meinen Kopf auf ihre Schulter und spürte ihr Schlüsselbein an meiner Wange. Sie war so dünn, so zart und so schön. Auch im Tod und mit 80 Jahren war sie noch immer eine wunderschöne Frau. Die wohl geformten Hände, die gepflegten Nägel und die frisch gefärbten Haare. Ja, sie war vor dem zweiten Krankenhausaufenthalt noch zum Friseur gegangen. Meine schöne, eitle Mutter.....
„Kannst du nicht die Augen noch einmal öffnen? Bitte, bitte, meine Mami! Sag noch einmal „Süße“ zu mir!“, flehte ich wieder weinend.
Und wieder ging die Tür auf. Gerd stand da.
„Darf ich reinkommen?“
Ich nickte.
Er hatte auch geweint und schaute voller Erschütterung auf die tote Frau, die ihn nicht besonders gemocht, ihn aber als meinen Lebenspartner akzeptiert hatte und ihn ihre Abneigung nie hatte spüren können. Gerd legte seine Hand auf ihre gefalteten Hände.
„Lass mich noch etwas mit ihr allein, bitte“, bat ich und er ging wieder.
Ich streichelte wieder ihr Gesicht und fühlte, wie sie kalt wurde. Alles, was meine Mutter ausgemacht hatte, schien ihren Körper zu verlassen. Die Hände waren schon kalt und auch ich begann zu frieren. Sie ging nun langsam weg von mir und ich konnte sie nicht aufhalten.
Mein Handy klingelte.
„Hier ist Willi. Rike, ist etwas nicht in Ordnung? Ich hab solange nichts gehört.“
Ich starrte auf meine tote Mutter. Ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ich am Bett seiner toten Frau saß.
„Es ist alles in Ordnung. Ich bin....ich bin auf der Intensivstation, da konnte ich nicht telefonieren. Aber ich komme jetzt gleich zu dir....“, log ich unbeholfen. Ich stand auf, küsste sie ein letztes Mal auf die kalte Wange und prägte mir dieses letzte Bild ein.
Heute, wo ich die Trauer ihres Mannes in Frage stelle, bin ich traurig um die Zeit, die ich nun nicht mehr mit ihr verbracht hatte, weil ich das verdammte Pflichtgefühl hatte, ihn nun zuhause vom Tod seiner Frau unterrichten zu müssen und bei ihm zu bleiben.
Meine Schwester kam gerade wieder nach oben. Gerd entdeckte ich am anderen Ende des Ganges.
„Willi hat mich angerufen, ich konnte es ihm nicht sagen. Ich muss jetzt hinfahren und mit ihm sprechen“, erklärte ich verzweifelt.
„Ich komme mit. Nono ist auch schon unterwegs“, sagte meine Schwester.
Wir verließen zusammen das Krankenhaus, während Gerd noch blieb, da er immer noch auf das Ergebnis seines MRT´s wartete. Er wollte dann mit meinem Auto nachkommen.
Meine Schwester hatte einen Strafmandat, den sie achtlos zu Boden warf. Im Auto gab sie mir ihr Handy und bat mich, ihre Freundin in Berlin anzurufen, die Bastian, Steffis Sohn unterrichten sollte, der zurzeit ein Praktikum in Berlin machte. Ich suchte die Telefonnummer in ihrem Handy und dachte darüber nach, wie vertrauensvoll das war. Mein Freund, den ich über sieben Jahre kannte, hielt sein Handy immer versteckt und wäre ums Verrecken nie auf die Idee gekommen, mich an seine Handydaten zu lassen. Niemals hatte ich erlebt, dass sein Handy offen herum lag und niemals hatte er in meiner Gegenwart nachgesehen, ob z. B. eine short message angekommen war. Nachdem ich mit Ulla, Steffis Freundin gesprochen hatte, rief ich noch Dr. E. an, um ihn zu bitten, Herrn Hecker aufzusuchen. Da erfuhr ich, dass dieser bereits unterwegs war, weil der Professor ihn schon angerufen hatte.
Die nächsten Stunden waren ein Alptraum, und da ich heute die damalige Trauer von Herrn Hecker nicht mehr als solche anerkenne, möchte ich meine Erinnerung an diese Stunden, in denen sich jedes einzelne Familienmitglied mit 100%-igem Einsatz um ihn bemühte, nicht mehr aufschreiben und nur noch verdrängen. So wie ich auch diesen Mann nur noch als Ehemann meiner Mutter bezeichne und mich selbst deutlich von ihm distanziere. Am Nachmittag war ich mit Steffi und Gerd beim Bestatter. Ich hatte mittags Herrn Lindemann von Stokkelaer angerufen, von dem ich wusste, das er äußerst sensibel und zuverlässig ist. Er holte meine Mutter sofort aus dem Krankenhaus und stand nachmittags zu unserer Verfügung. Jeder, der einmal eine Beerdigung arrangiert hat, wird wissen, dass man all diese notwendigen Dinge wie in Trance erledigt und irgendwie „neben sich steht“. Wir suchten einen Spruch für die Traueranzeige aus, wir suchten die Karten aus, den Blumenschmuck, und wir wählten einen Sarg aus. Es gab keine Differenzen, wir waren uns in allem sehr schnell einig. Das hatte nichts damit zu tun, dass es uns relativ gleichgültig war, wie die Bestattungszeremonie unserer Mutter aussehen sollte, sondern wohl eher damit, dass wir tatsächlich übereinstimmten. Nach so vielen Jahren des Schweigens war das erstaunlich-schön. Meine Schwester wollte, dass statt Blumen Geldspenden für meine Kontaktstelle erbeten wurden. Diese Idee rührte mich total. Die Beerdigung legten wir auf Mittwoch, den 17. März fest. Auch meine Oma war freitags gestorben und mittwochs beerdigt worden. Meine kleine Regine war ebenfalls an einem Freitag tot auf die Welt gekommen.
Am Samstag, 13. März konnte ich meine Mutter in der Aufbewahrungshalle des Bestatters besuchen. Ich hatte veranlasst, dass man ihr den Hosenanzug anzog, den sie am 10. März im Krankenhaus getragen hatte. Man führte mich die Treppen herab. Ich hatte plötzlich unerträgliche Angst, meine tote Mutter in dieser unbekannten Umgebung wiederzusehen. Es war ein Schock, sie dort im Sarg liegen zu sehen. Ich fing an zu weinen und brauchte lange, bis ich es schaffte, mich ihr zu nähern. Schließlich hatte ich diese Hürde überwunden und kniete am offenen Sarg. Vorsichtig berührte ich ihre Hände. Sie war eiskalt. Natürlich, man bewahrte sie hier im tiefgekühlten Leichenkeller auf. Ganz allmählich gewöhnte ich mich an die Situation und an den Anblick des kalten toten Menschen. Sie wurde wieder zu meiner Mutter und ich fühlte Sehnsucht und Mitleid. Das gelbe Handtuch hatte der Bestatter durch eines ihrer Halstücher ausgetauscht und endlich schaffte ich es auch, hier die Pflaster zu lösen. In den nächsten drei Tagen wurden meine täglichen Besuche bei meiner Mutter zur wichtigsten Stunde des Tages. Am Sonntag morgen begleitete mich Julians Tagesmutter. Sie war Grundschülerin meiner Mutter gewesen und sie hatte ihre eigene Mutter einige Tage bei sich im Haus aufbewahrt. Man hatte ihr den Schmuck abgenommen. Ich schlug Willi vor, ihr den Saphirring mitzugeben und den Ehering zu behalten. Er war einverstanden. Heute weiß ich, dass es ihm egal war. Als ich den Ring mitbrachte, sah er ihn nicht mal an, sondern warf ihn achtlos in eine Schublade. Ich hatte meiner Mutter zuvor unter Tränen den Saphirring selbst aufgesetzt. Ich hatte Angst gehabt, ihre gefalteten Hände zu lösen und dabei ihre dünnen Knochen zu brechen. Herr Lindemann hatte dabei gestanden und mir Mut gemacht. Am Ende ging es ganz einfach und ich war richtig ein bisschen stolz, dass ich das geschafft hatte. Am Montag machte Gerd eine Reihe von Fotos von ihr mit seiner Digitalkamera. Er spielte sie gleich auf meinen PC und ich brannte die Bilder auf CD, die ich eilig zum Fotoshop brachte. Die Bilder waren am Donnerstag fertig. Sie gehören neben den beiden Fotos von meiner toten Tochter zu meinen wichtigsten Erinnerungen.
Abends kam Julian nach Hause. Sein Vater brachte ihn bis zur Wohnungstür und wünschte mir Beileid. „Ich bin traurig, dass ich nicht noch Frieden mit ihr geschlossen habe“, erklärte er bedrückt. Meine Mutter hatte mit ihm gebrochen, als er sie völlig betrunken tagelang telefonisch beleidigt hatte und ihr Haus auf Sylt in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hatte. „Sie hätte dir verziehen“, sagte ich nur. Er nickte und zog sichtlich bedrückt von dannen. Julian wirkte sehr verängstigt. Ich nahm ihn in die Arme und zog ihn in sein Zimmer. Wir setzten uns auf sein Bett und ich erzählte ihm, wie ich die letzten beiden Tage mit seiner toten Omi erlebt hatte. „Muss ich sie auch ansehen?“, fragte er angstvoll.
„Nein, Julian, das musst du nicht, aber du darfst mitkommen zum Bestatter, wann immer du willst. Sie sieht nicht schlimm aus, nicht anders, so als ob sie schliefe.“
„Ich möchte sie lieber nicht sehen, ist das schlimm?“
„Nein, das ist nicht schlimm, du sollst das auch nicht tun, wenn du Angst hast. Ich habe mit 22 Jahren meine tote Oma auch nicht ansehen können und musste es aber. Behalt deine Omi so in Erinnerung, wie sie war und wenn du später mal wissen willst, wie sie aussah im Sarg, dann zeige ich dir Fotos. Gerd hat Bilder gemacht.“
Eine Stunde später fragte Julian nach seinem Großvater in Spanien, meinem richtigen Vater, den er überhaupt nicht kannte, weil dieser sich nie für ihn interessiert hatte. „Der hat Omi doch im Krankenhaus angerufen und Omi hat gesagt, er sei froh, dass sie jetzt vor ihm sterben würde. Stimmt das?“
„Ich fürchte, da hatte Omi Recht. Er hat so eine Angst vor dem Tod, dass er sich eines Tages umbringen wird, nur um es hinter sich zu haben!“
„Ich möchte ihn mal anrufen, ich will wissen, wie der drauf ist!“
Überrascht und beeindruckt suchte ich die Telefonnummer heraus und wählte die spanische Nummer. Mutiger kleiner Julian!
„Hier ist Julian! Julian Rosenfeld!“, hörte ich ihn brüllen.
„Julian ist hier! JULIAN ROSENFELD!!“ Er machte mir ein Zeichen, dass mein Vater offensichtlich nicht verstand, mit wem er es zu tun hatte.
Ich ging zu ihm und legte meinen Arm um seine Schultern. Ich hörte ein wenig von dem Gespräch. Mein Vater war sehr gut gelaunt, ich hörte so etwas wie „Wir haben Gäste, hier ist es schon schön warm, wir sitzen draußen und essen! Wie geht es dir?“
„Nicht gut, meine Omi ist tot!“
Die Antwort verstand ich nicht. Danach drehten sich die Fragen wohl nur hilflos um Schule und das Wetter in Deutschland. Julian beendete das Gespräch und sah mich verwirrt an. „Der feiert! Wie kann der feiern, wenn meine Omi tot ist?“
„Er hat sie geliebt und als er sie nicht mehr lieben durfte, hat er angefangen, sie zu hassen, aber das kannst du alles nicht begreifen. Ich möchte auch gar nicht, dass du solche Menschen verstehen lernst. Sie sind mir fremd, sie haben nichts mit uns zu tun!“
„Kommt der zur Beerdigung?“
„Nein, niemals, er würde meinen Anblick nicht ertragen und er hat Flugangst. Dann müsste er sich mit dem Auto ja allmählich auf den Weg machen und das hätte er dir gesagt!“
Am Montag morgen erschienen die Todesanzeigen in beiden regionalen Zeitungen:
„Für die Welt bist du nur ein Mensch, für einen Menschen kannst du die Welt sein“. Diesen Spruch hatten wir besonders für Willi ausgesucht, der fünf Wochen nach ihrem Tod bereits eine junge Polin als „Haushälterin“ bei sich wohnen hat und ihr Testament, in dem sie ihn so reich bedacht hat, angefochten hat.
Am Montag kniete ich noch einmal an ihrem Sarg und bat sie um ein Zeichen:
„Wenn es für dich okay war, dass du jetzt schon sterben musstest, dann scheint am Mittwoch die Sonne. Wenn es nicht okay ist, dann regnet es.“
Es war unheimlich warm am 17. März und die Sonne knallte wie im Sommer. Der Sarg sollte bis 13 Uhr noch bei Stokkelaer bleiben, weil mein Schwager mit seiner Familie noch zu ihr wollte. Warum aus diesem Abschiedsbesuch nichts geworden war, weiß ich nicht. Aber ich war bis kurz nach zwölf bei ihr. Während ich sie das letzte Mal anschauen, berühren und streicheln durfte, meinen Kopf auf ihre Brust legen durfte, piepste mein Handy. Meine Schwester fragte mich, ob sie wohl eine weiße Bluse anziehen durfte und ob die Grabsträußchen in der Kapelle sein würden. Ich antwortete: „Weiße Bluse ist okay, Blumen frage ich, ich bin gerade bei ihr, sie riecht noch immer wie unsere Mami!“ Ja, es war seltsam, vielleicht habe ich es mir auch eingebildet, aber ich habe fünf Tage nach ihrem Tod tatsächlich noch ihren Duft gerochen, diese Mischung aus Yves-Rocher-Creme und einem Parfum, das ich nicht kannte.
Der Tag der Beerdigung
Wir hatten uns nun doch gegen Lauheide entschieden und den Angelmodder Friedhof genommen, weil dieser näher war und Willi somit nicht weit fahren musste.
Er war bis heute nicht auf dem Friedhof, er hat mich nie nach dem Grab gefragt und er wird meine Mutter auch niemals dort besuchen. Wenn ich damals schon geahnt hätte, wie sich alles entwickeln würde, hätte ich Vieles anders gemacht. Wenn es möglich wäre, meine tote Mutter von diesem Mann scheiden zu lassen, täte ich dies sofort. Aber eines werde ich zu verhindern versuchen: Dass dieser Mann eines Tages die Doppelgrabhälfte für sich beansprucht und neben der Frau liegt, die ihm 37 Jahre ein Leben in Wohlstand ermöglicht hat, die ihn umsorgt, versorgt und ertragen hat. Sie hat sich auf ihn eingestellt, auf ihn, seine Wünsche, Forderungen und ständigen Nörgeleien an ihren Töchtern und Freunden. Fünf Wochen nach ihrem Tod habe ich begriffen, wie einsam sie war und wie entsetzlich egoistisch und selbstsüchtig dieser Mensch ist und immer war. Weitere drei Monate später musste ich mich einer anderen grauenvollen Realität stellen, die meine Schwester betraf, die ich in Folge nicht mehr Schwester nennen kann, da ich die biologische Verwandtschaft zu ihr zwar nicht leugnen kann, aber möglichst vergessen möchte. Aber in diesen Tagen ging es – wenigstens nach außen – allen um meine Mutter, den Menschen Lotte Hecker, die Ehefrau, die Mutter, die Oma, die Freundin, Bekannte, die Kollegin und Nachbarin.
Um kurz vor 14 Uhr trafen wir auf dem Friedhof ein. Mein früherer Schwager, der 1. Mann meiner Schwester lief bereits vor dem Parkplatz auf und ab. Ich stellte ihm meinen Freund und meinen Sohn vor, den er seit 8 Jahren nicht mehr gesehen hatte und bedankte mich für sein Kommen. Ich fand das sehr mutig, aber ich kannte ja auch seine eigentlichen Beweggründe nicht. Wir redeten hilflos eine Weile hin und her, mir graute vor dem Gang zur und in die Kapelle. Ich wusste, dass mich der Anblick des geschlossenen Sarges schockieren würde. Geschlossene Särge mit einem Blumengesteck hatten für mich seit jeher etwas Bedrohliches, Endgültiges gehabt. Selbst wenn ich im Film einen geschlossenen Sarg sah, wo ja mit Sicherheit kein Mensch darin lag, fühlte ich eine unerklärliche Beklemmung. Immer mehr Trauergäste kamen, ich sah mit Erstaunen, dass die Nachbarn meiner Mutter mit verweinten Augen erschienen. Meine Sandkastenfreundin kam, wir hatten wenig Kontakt, seitdem sie geschieden worden war und ein ausgeprägtes Singledasein mit vorwiegend nächtlichen Unternehmungen pflegte. Sie hatte seitdem leider so gut wie nie Zeit und nachdem ich ein halbes Jahr lang alles mögliche unternommen hatte, um ein gemeinsames Treffen zustande zu bringen, hatte ich aufgegeben. Aber so eine lange Freundschaft lässt sich eben nicht zerstören und ich sank ihr weinend um den Hals. Auch ihre Mutter stand mit verweinten Augen da. In der Scheidungszeit meiner Eltern hatten diese Menschen mir halbwegs meine Kindheit bewahrt, da ich immer zu ihnen kommen konnte und auch täglich, oft auch über Nacht dort war. Bei Bells war immer alles in Ordnung, es gab nie Streit, keine Katastrophen, keine außergewöhnlichen Ereignisse bis auf die Scheidung meiner Freundin Susanne. Aber diese Familie hatte immer zusammen gehalten und darauf war und bin ich ein wenig neidisch, was nicht bedeuten soll, dass ich diesen unglaublich lieben und gütigen Menschen ihre Verbundenheit nicht gönnte. Niemals habe ich vergessen, wie sich diese Menschen um das kleine Scheidungskind Friederike gekümmert haben. Vielleicht war ihnen nie bewusst, wie sie mit ihrer selbstlosen Art meine Klein-Mädchen-Welt halbwegs erhalten haben, danken kann man so etwas richtig angemessen nie. Aber ich glaube, dass mich diese Hilfsbereitschaft und Güte ein wenig zu dem gemacht hat, was ich heute noch bin: Eine Frau, die den Sinn im Leben nicht in Reichtum, Macht und vielen nichtssagenden Bekanntschaften sieht, sondern die sich immer eine Aufgabe sucht, wo sie anderen irgendwie helfend zur Seite stehen kann.
Meine Freundin Dany kam, umarmte mich ganz fest und flüsterte mir tröstende Worte ins Ohr. Julians Tagesmutter, meine Freundin Andrea und die Grundschülerin meiner Mutter kam auch. Eine Geste, die ich ihr nie vergessen werde, denn sie ließ sogar ihre beiden Kinder für diese Stunde allein und hielt später auf dem Weg zum Grab meinen Julian fest. Waltraud saß vor der Kapelle und meine Schwester kam nun auch mit ihrem Mann und ihren Kindern. Steffis Schwiegereltern stützten einen schwankenden Willi, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Ich umarmte ihn kurz und flüsterte ihm zu:
„Willi, ich bin da, ich lass dich nie allein, wir stehen das jetzt hier gemeinsam durch!“
Und dann musste Gerd mich fast in die Kapelle schleifen. Ich machte mehrere Anläufe und hatte so eine Angst vor dem Sarg, dass ich immer wieder zurückwich. Schließlich schaute ich vorsichtig um die Ecke. Die Kapelle war klein und es wirkte freundlich und friedlich. Ich wurde plötzlich ganz ruhig und ging hinein. Dort stand der Sarg, geschmückt mit einem intensiv duftenden Gesteck. Daneben lag ein Kranz aus weißen und lila Veilchen mit einer Abschiedsschleife von „Gerhard und Gisela in tiefer Trauer“. Mein biologischer Vater, über den ich an diesem Tag nicht nachdenken wollte, der mir so fremd und so unangenehm war, dass ich ihn auch in ihrem Tode nicht an meine Mutter heranlassen konnte, trauerte nun angeblich mit seiner zweiten Frau, die meine Mutter nicht einmal gekannt hatte. Ich ging zu diesem Kranz und zerrte daran, ich wollte ihn zur Seite schieben, doch er war zu schwer. So drehte ich die Schleife so herum, dass niemand die Aufschrift lesen konnte. Ich kniete vor dem Sarg nieder und flüsterte ganz leise meine Abschiedsworte:
“Die Sonne scheint, meine Mami, du bist also einverstanden mit deinem Tod, aber all die Menschen hier sind es nicht. Es sind so viele Menschen da, so viele weinen und trauern um dich. So viele haben dich geliebt und niemand wird dich je vergessen. Ich passe auf deinen Mann auf und ich werde dein Grab immer wunderschön machen. Gib mir weiterhin Zeichen, sei mir nahe....“ Gerd berührte meine Schulter und ich stand auf und setzte mich in die erste Reihe neben Willi zur Linken und Julian zur Rechten.
Es waren so unglaublich viele Menschen in der Kapelle, die ich nicht einmal alle kannte. Aber ich sah nun, dass meine Mutter eine geliebte und geschätzte Frau gewesen war und ich sah nur verzweifelte, verweinte Gesichter um mich herum. Annemette Hein hatten wir als Organistin engagiert. Meine Mutter hatte sie einmal singen und spielen gehört und war beeindruckt gewesen. Herr Lindemann stand neben Annemette und ich rechnete eigentlich damit, dass er der Zeremonie nicht bis zum Ende beiwohnen würde. Doch er blieb und man sah ihm seine Bewegtheit bei der Predigt und angesichts der vielen trauernden Menschen an. Er tat hier nicht nur seinen Job. Pfarrer Dechow erschien und begann mit dem Gottesdienst. Ein mir unbekanntes Lied wurde angestimmt, aber ich konnte nicht singen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, meine Tränen zurückzuhalten und bestaunte meine Schwester, die ihre Fassung nicht eine Sekunde verlor. Heute weiß ich, dass sie nicht nicht zusammenreißen musste, weil sie überhaupt nicht trauerte. Aber an diesem Tag waren wir eine Familie, selten genug war es ja gewesen in den vergangenen Jahrzehnten, dass wir alle geschlossen beisammen waren und geschlossen eine Situation meisterten, die kaum aushaltbar war. Gerd stand am Rand und sah immer wieder besorgt zu mir herüber. Julian schob seine klebrige Hand in meine und legte seinen Kopf auf meinen Oberarm. Willi fing immer wieder laut an zu schluchzen und ich umarmte ihn sofort, um ihn zu beruhigen. Pfarrer Dechow schilderte meine Mutter und er machte das so gut und bildhaft, dass wir alle gespannt zuhörten. Er schilderte ihr Temperament, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Liebe zu ihren Enkeln. Aber er stellte auch ihren Starrsinn und ihre Dominanz und ihre Eitelkeit dar, allerdings auf eine äußerst sympathische Weise. Ich musste sogar ein- bis zweimal schmunzeln. Annemette sang, dann kamen noch ein paar Worte des Pfarrers und die Ankündigung einer CD, die wir Töchter uns gewünscht hatten, weil wir beim Gedanken an dieses Lied das Bild unserer Mutter, summend und tanzend vor uns hatten. Dieser Song kostete mich sehr viel Kraft, ich weinte und schluchzte so sehr, dass ich dachte, nie wieder aufhören zu können. So sehr hatte ich nur bei Regines Tod geweint.
„Somewhere over the rainbows, skys are blue.....“ Ist ihre Seele, also alles, was die Persönlichkeit Lotte Hecker ausgemacht hat, wirklich irgendwo da oben auf einem wunderschönen Regenbogen und schaut auf ihre Welt am Pirolweg herab, die sich in den Wochen nach ihrem Tod so dramatisch verändert hat?
Der Gottesdienst war vorbei und die Trauergemeinde bewegte sich langsam aus der kleinen Kappelle heraus. Acht Sargträger mit schwarzen Gewändern und Zylindern trugen mit unbewegter Miene den Sarg meiner Mutter und die Familie schleppte sich hinterher. Ich habe bisher nicht viele solcher Wege mitmachen müssen, die von einer Kapelle zur Grabstelle führten, aber eines haben diese Wege alle gemeinsam: Sie kommen einem unendlich lang und schwer vor. Gerd und mein Schwager schleppten den Witwer mehr als dass er ging, meine Schwester mit ihren Kindern folgten, dann kam ich mit Julian, dessen kleine weiche Kinderhand so warm und beruhigend in meiner eiskalten lag. Julian hatte Angst vor den Sargträgern, die bedrohlich in ihrer Verkleidung wirkten und ihm so fremd waren. Diese Männer trugen seine geliebte Omi endgültig von ihm fort.
An die Zeremonie am Grab kann ich mich nicht mehr genau erinnern. All die Tage vorher hatte ich eine wahnsinnige Angst davor gehabt, wenn der Sarg in die dunkle Graböffnung gelassen würde. Vermutlich sprach der Pfarrer noch ein paar Worte, dann versank meine Mutter in der dunklen kalten Erde. Ich weiß nicht mehr, ob der Witwer eine Blume ins Grab warf, ich weiß nur, dass meine Schwester mit weiterhin unbewegter Miene ihren kleinen Strauß hineinwarf und ich schaffte es nur von Weinkrämpfen geschüttelt. Diese Endgültigkeit mit dem Herablassen des Sarges saugte das letzte Bisschen Kraft aus mir heraus und ich schluchzte schier verzweifelt laut und haltlos. Die Trauergemeinde ging an uns vorbei, wir schüttelten Hände, gaben die Dankeskarten ab, nickten unentwegt ein Danke nach dem anderen. Ich sah nur noch schemenhaft und schien alles wie von Ferne zu hören. Wir drückten den Trauergästen die Dankeskarten in die Hände, wir hatten das letzte Foto meiner Mutter, das an ihrem 81. Geburtstag entstanden war, vervielfältigen lassen. Darunter stand: „Danke, dass ihr gekommen seid“. Nach und nach löste sich die Versammlung langsam auf.
Nach der Beerdigung ertrugen wir höchst konventionell den „Leichenschmaus“. Kaffee und Streuselkuchen im Kaffeehaus Sebon, wo ich die letzte Feier zur Taufe meines Sohnes erlebt hatte. Damals war meine Mutter nicht dabei gewesen, nur mein Vater und meine Schwester mit Familie. Meine Mutter hatte sich die gesamte Schwangerschaft über so ignorant verhalten, während mein Vater zum ersten Mal in meinem Leben sich normal und väterlich verhalten hatte, dass ich die Taufe feierte, als er gerade in Deutschland war und seine zweite Frau Gisela zur Patentante machte. Gisela hatte mich nach Julians Geburt besucht und mir zu meinem größten Erstaunen von einigen – wie ich fand, wirklich schlimmen – Problemen mit meinem Vater berichtete. Ich hatte nie unbedingt ihr Vertrauen besessen und war damals sehr verwundert über diese Beichte. Ich hatte nicht viel geantwortet, ihr eigentlich nur mit den Worten:
„Du brauchst mir gar nicht viel zu erklären, ich kenne ihn, er ist mein Vater....“ mein Verständnis bekundet. Ein halbes Jahr später hörte der Kontakt zu ihr und meinem Vater für alle Zeiten auf. Ich hatte die Scheidung einreichen müssen, weil Julians Vater nach 15 Jahren Trockenheit wieder getrunken hatte und mehrfach versucht hatte, mich im Suff umzubringen. Den Rückfall meines Mannes hatte ich um Ostern 1994 festgestellt, 2 Monate nach Julians Geburt. Es gelang mir, ihn ins Krankenhaus zu bringen, aber dann saß ich in unserer Ehewohnung und wusste instinktiv, dass meine Ehe zu Ende war. Rückblickend wurde mir klar, dass er auch auf Julians Taufe schon besoffen gewesen war. Ich war so verzweifelt, dass ich meine Mutter anrief, die immer noch tödlich beleidigt war, weil ich meinen Vater zur Taufe eingeladen hatte und sie daher nicht kommen wollte. Ich hatte sie nicht ausgeschlossen, aber sie war zu diesem Zeitpunkt verreist und nahm es mir sowieso übel, dass ich die Taufe mit meinem Vater feiern wollte, und zu allem Überfluss noch die verhasste zweite Frau als Patentante eingesetzt hatte. Niemals hatte ich die Beteuerungen meiner Mutter „Ich habe ja nichts gegen diese Gisela....“ ernst genommen, genauso wenig blieb mir die Eifersucht meines Vaters verborgen, wenn er von Willi Hecker immer nur als „der Mann“ sprach. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich eines Tages wieder mit meinem Vater einer Meinung sein würde und dass es sich dabei auch noch um „den Mann“ drehte. Inzwischen nenne ich ihn nur noch „Herrn Hecker“ oder „der Mann meiner toten Mutter“.
Als ich meine Mutter damals um Hilfe suchend anrief, legte sie direkt wieder auf. So war sie, unerbittlich, unversöhnlich.....Ich rief einen Psychotherapeuten an, der sowohl meinen Mann als auch mich gut kannte. Er hatte mich noch zu Julians Geburt im Krankenhaus besucht und da hatte ich schon Andeutungen gemacht, dass mein Mann teilweise so aggressiv war. Ich heulte ihm hysterisch die Ohren voll und er stauchte mich in seiner unverwechselbaren Art so zusammen, dass ich mein Selbstmitleid in den Hintergrund stellte und mich der Situation stellte, bzw. es versuchte. Eine Stunde nach dem Gespräch rief mich meine Mutter an. Der Psycho hatte sie angerufen und ihr klar gemacht, dass ich jetzt praktische Hilfe bräuchte. Nach anfänglichen Vorwürfen wie „jetzt bin ich wieder gut genug, anstatt dich an deinen Vater zu wenden, darf ich jetzt wieder den Dreck aufwischen....“, kam nach und nach ihre Hilfsbereitschaft hervor. Das Ende des Gespräches war die Ankündigung, mich sofort zu besuchen. Eine Stunde später stand sie vor der Tür und ich fiel ihr ohne zu Zögern um den Hals. Großzügig nahm sie meine Entschuldigung an. Wofür hatte ich mich eigentlich entschuldigt? Dafür, dass ich meinen Vater zur Taufe meines Sohnes eingeladen hatte und sie dies als persönlichen Affront ansah? Meine Mutter hat sich nie entschuldigt, egal, wie sehr ihr ihr eigenes Unrecht hätte klar sein müssen. Ich habe niemals erlebt, dass sie auf irgendjemanden, schon gar nicht auf ihre Töchter, zugegangen wäre und gesagt hätte: „Es tut mir so leid, ich habe dir Unrecht getan!“ Unrecht taten immer andere. Dennoch half sie mir in meiner Scheidungszeit ungeheuer. Sie nahm mich im Souterrain-Apartment auf, als das Leben mit Eugen unerträglich wurde, sie milderte die täglichen Spannungen zwischen Herrn Hecker und mir, der sich über alles, was mit mir zu tun hatte, aufregte. Ich parkte mein Auto falsch, ich halste meiner Mutter ständig mein Baby auf, ich schmarotzte, und ich war eine entsetzliche Plage, weil gelegentlich Anrufe für mich über den Telefonanschluss meiner Mutter kamen. Ich hatte erst einmal keinen Pfennig, da Eugen mir die Kontovollmacht entzogen hatte und so nun auch noch mein Erziehungsgeld einkassierte. Sie lieh mir Geld, heimlich natürlich, sie kaufte Babysachen und sie hielt meine hysterische Angst vor meinem Mann aus. Irgendwann gab es einen furchtbaren Krach zwischen ihr und ihrem Mann, weil er mich so drangsaliert hatte, dass ich mir sogar einen eigenen Telefonanschluss in das Apartment legte, damit ich in Ruhe Anrufe auf meine Wohnungsgesuche entgegennehmen konnte. Sie saß unten bei mir und regte sich fürchterlich über ihn auf. Ich habe sogar ihre Worte noch ziemlich genau in Erinnerung:
“Dieser Großkotz. Ich kann ihn nicht mehr ertragen, er benimmt sich wie ein Prolet, er zieht ständig die Nase hoch, er furzt und schmatzt und stinkt!“ Ja, das hat sie gesagt und sie hat es auch so gemeint. Sie dachte über Scheidung nach und ich versuchte nicht, ihr das auszureden. Hätte sie es bloß getan.....
Ich saß in diesem Kaffeehaus und beobachtete mit Erstaunen, wie Hecker aufzublühen schien. Er hat rote Wangen, aß ein Stück Kuchen nach dem anderen und unterhielt sich mit Hans und Franz übers Golf spielen. Damals schrieb ich diese Reaktion dem Schock zu, den er meines Erachtens gehabt haben musste, so plötzlich und dramatisch den wichtigsten, ja sogar einzigen Menschen im Leben zu verlieren, doch heute weiß ich es besser, bzw. ich unterstreiche die oft gemachten Aussagen meiner Mutter über ihren Mann, den sie halb im Spaß aber halb auch in traurigem Ernst gemacht hat: „Für Willi gibt es in erster Linie den Golfplatz, dann kommt lange lange gar nichts. Früher kam dann irgendwann der Hund und dann wieder sehr lange nichts. Irgendwann kam dann ich, aber vermutlich nur, weil ich den Wagen besitze, den er braucht, um täglich zum Golfplatz fahren zu können!“
Sie ist tot, das Auto gehört zwar heute mir, aber er hat das Nutzungsrecht und fährt nun, wann immer ihm danach zumute ist, zum Golfplatz. Da ist niemand mehr, mit dem er sich abstimmen muss. Er kann endlich sein egoistisches Dasein unbehelligt alle Tage, die der liebe Gott ihm noch schenkt, auskosten. Sowohl er als auch meine Schwester verklagen mich andauernd, denn das Testament, das meine Mutter machte, wird nicht von ihnen respektiert. Ich suche Trost am Grab, ich halte aus und sage mir immer wieder, sie hätte es auch durchgestanden und sie hat viel mehr ausgehalten in ihrem Leben.
Resumé:
Heute, 3, 5 Jahre nach ihrem Tod ist auch ihr Mann längst begraben und ich bin in ungezählten Erbstreitereien immer nur meinem roten Faden gefolgt: Alles so zu machen, wie meine Mutter es von mir erwartet hätte und mich dabei nicht zu verbiegen. Ich rieche oft noch ihren Duft, ganz plötzlich und unerwartet, wenn ich etwas tue, was gar nichts mit ihr zu tun hat. Ich habe mich im Stillen mit ihrem Mann ausgesöhnt und ich habe es sogar geschafft, auch ihn in der Leichenhalle zu besuchen und anzufassen. Der Tod ist kein Fremder für mich. Ich habe durch den Tod meiner Tochter gelernt, ihn zu akzeptieren und „anzufasssen“. Der Tod gehört zum Leben, meine Mutter gehört auch immer noch zu meinem Leben so wie meine tote Tochter. Ich war meiner Mutter niemals im Leben so nah wie kurz vor und nach ihrem Tod. Die Zeit des Abschiednehmens mit den vielen Besuchen beim Bestatter, wo ich die tote Mutter immer wieder im Sarg umarmte und sie – auch tot – „meine Mami“ war und bleibt, ist die wichtigste Zeit in meinem Leben als Tochter. Die Erinnerung verblasst nicht, es ist heute noch so, als hätte ich sie gestern erst umarmt dort in der kalten Leichenhalle.
Meine Mutter starb am 12. März 2004, knapp 7 Wochen nach ihrem 80-sten Geburtstag, den sie in großer Runde mit allen Freunden und Bekannten feierte.
Sie starb plötzlich und auf tragische Weise.
Am 18. Februar hatte ich meine letzte kurze Auseinandersetzung mit ihr, weil ich gerade mal wieder vergeblich versuchte, mich von meinem Freund zu trennen und meine Mutter sich eingemischt hatte, indem sie sich auf ein längeres Telefonat mit ihm eingelassen hatte. Ich schickte ihr eine wütende Nachricht übers Handy und sie reagierte ganz anders, als ich es normalerweise von ihr gewohnt war. Normal wäre gewesen, wenn sie sich aufgeregt hätte und eine heftige Auseinandersetzung mit mir begonnen hätte. Das hätte ihrem Temperament entsprochen und auch ihrer mangelnden Fähigkeit, Kritik einzustecken. Doch es kam nur eine traurige Antwort, wie immer rührend fehlerhaft, weil sie aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit ständig die richtigen Tasten auf dem Handy verfehlte. Ja, meine 80-jährige Mutter hatte ein Handy, beherrschte das smsen und hatte auch einen PC mit Internetzugang, um sich ihren Kindern und Enkelkindern per Email mitzuteilen. Ihre Antwort an diesem 18. Februar hat mich aufgerüttelt: „Auch das noch, Streit mit dir, wo es mir so schlecht geht wie noch nie.“ Meine Mutter hat sich nie über Schmerzen beklagt, sie hat so gut wie nie gejammert, und die Worte „Es geht mir schlecht“ hatte ich niemals von ihr gehört. Als mich diese Nachricht erreichte, saß ich mit meinem 10jährigen Sohn im Wartezimmer unseres Arztes. Meinem Jungen sollte Blut abgenommen werden, es war später Nachmittag. Ich rannte ins Treppenhaus und rief sie an. „Mami! Was ist los?“
„Ich habe solche Bauchschmerzen, mir ist so übel, ich habe morgen einen Termin zum CT im Franziskushospital.“
Ihre Stimme klang schwach und klein.
„Es tut mir Leid, verzeih mir bitte. Ich wollte das nicht. Bitte sag mir, was ich tun kann!“
„Ist schon gut, es geht schon...irgendwie.“
Genau eine Woche vorher hatte die Leidensgeschichte meiner Mutter ärztliche Ausmaße angenommen, die für uns alle sehr schnell unbegreiflich wurden. Angefangen hatte alles mit einem Blutbild, das sie machen ließ, weil sie am 4. Februar heftige Schmerzen in der Herzgegend gehabt hatte und sich nicht sicher war, ob es „nur“ ein Bechterew-Schmerz im Sternum oder ein Herzanfall war. Mein Sohn war damals zufällig bei ihr, weil er die Reste einer schweren Grippe auskurierte und ich arbeiten musste. Ich hatte sie kurz danach angerufen und da hatte sie es schon wieder heruntergespielt mit den Worten „Mach dir keine Sorgen, ich halte durch, ich koche schon das Mittagessen für Willi. Julian bekommt ein Müslijogurt!“ Julian hatte mich abends nach dem Notruf gefragt. „Was macht man, wenn man ganz schnell einen Arzt braucht?“
„Man wählt 112! Warum fragst du?“
Er hätte solche Angst gehabt, dass er den Notarzt rufen wollte, die Omi hätte keine Luft mehr bekommen und lange auf der Couch gelegen. Nach diesem Anfall hat der Kardiologe Blut abgenommen und das Ergebnis war niederschmetternd. Am Freitag, den 13. Februar rief mich mein Stiefvater ganz verzweifelt an, weil der Kardiologe ihn angerufen hatte und meine Mutter nicht zu Hause war. Sie spielte Bridge und war dann immer für viele Stunden weg. „Rike, es ist was mit Lotti! Der Dr. K. sagt, sie habe vermutlich eine Vorstufe von Leukämie!“ Als er mich anrief, saß ich gerade in meinem Wohnzimmer und hielt meinen eigenen Befund, der mir mit der Post zugestellt worden war, selig in der Hand. Ich hatte eine dramatische Krankheit überwunden, ich las es nun schwarz auf weiß, dass alle Tumormarker im Normbereich waren. Wie grotesk war dieses Zusammenspiel von zwei menschlichen Schicksalen, die so eng miteinander verbunden waren! Um 19 Uhr stand ich bei meinen Eltern vor der Tür. Meine Mutter war noch nicht da. Wir warteten zusammen. Nie werde ich ihren Blick vergessen, als sie mich dort stehen sah. Unsicherheit und Angst. Angst in den Augen meiner Mutter habe ich so gut wie nie gesehen. Ich erklärte ihr, was geschehen war. Sie sagte gar nichts, zog ihren Mantel aus und setzte sich an die Küchenbar, wo ihr Mann ihr den Tisch gedeckt hatte. Sie goss sich Tee ein und tat so, als ginge sie das alles nichts an.
„Mami! Wir schaffen das!“
Sie sah mich an und sagte ganz ruhig:
“Dann hab ich eben Leukämie. Irgendwas muss ich ja wohl mit 80 bekommen! Aber ich mache keine Chemotherapie!“
Sie sagte das ganz ruhig und fing an, sich ihr Butterbrot zu machen.
In dieser Nacht lag ich viele Stunden wach und versuchte mir vorzustellen, wie meine Mutter den langsamen Tod einer Leukämiekranken stirbt. Ich konnte es nicht. Es war außerhalb meiner Vorstellungskraft, mir meine Mutter mit ausgemergelten Körper, kahlköpfig und ohne Wimpern, ständig kotzend auf irgendeiner onkologischen Station vorzustellen. Obwohl sie gesagt hatte, sie werde keine Chemo machen, war mir klar, dass sie leben wollte und dies auch tun würde, wenn es ihrem Leben eine Chance geben könnte.
Am 15. Februar war ich mit meinem Freund und meinem Sohn morgens bei ihr, um ihr unser Geburtstagsgeschenk die Digitalkamera zu erklären und ihr die Bearbeitung am PC zu ermöglichen. Mein Freund fummelte an ihrem PC herum und meine Mutter war munter und hektisch wie eh und je. Sie rannte herum, erzählte viel, war gepflegt und elegant wie immer. Sie drängte uns (kurz nach dem Frühstück) Torte auf und war so glücklich, uns bei sich zu haben.
Als wir fuhren, sagte sie „Danke für den Besuch!“ Das hatte ich auch noch nie gehört. Im Auto sagte ich zu meinem Freund:
“Hast du ihre Freude und ihre Dankbarkeit bemerkt? Meine Güte, warum bin ich so selten dort, sie freut sich doch so....“
In den nächsten Tagen rief ich sie täglich an. Sie freute sich, war zwar überrascht über meine Sorge, und spielte ihre Beschwerden auch ständig herunter, aber ich bemerkte doch hier und da ihre Unsicherheit und Sorge um ihren ungeklärten Zustand. Und es ging ihr zunehmend schlechter von Tag zu Tag. Am 20. Februar hatte sie einen Termin zum CT (Computertomografie). Der ständig schmerzende Bauchraum sollte unter Kontrastmittelgabe geröntgt werden und meine Mutter musste literweise Kontrastmittel trinken, was ihr äußerst schwergefallen war. Zum einen konnte sie sowieso immer nur kleine Mengen essen und trinken und außerdem schmeckte das Zeug wohl auch recht widerlich und diese Mengen an Flüssigkeit verursachten ihr noch mehr Beschwerden. Wir standen ständig im Kontakt über Handy. Immer, wenn sie telefonieren durfte, rief sie mich an und informierte mich. Sie schien meine Anteilnahme zu brauchen, denn sonst hätte sie mich sicher nicht permanent und detailliert über alles, was geschah, auf dem laufenden gehalten und auch um Rat gefragt.
„Warum muss denn das Ganze mit Kontrastmittel gemacht werden? All die Jahre hat sich nie ein Mensch um meinen Blähbauch gekümmert und jetzt auf einmal dieser Aufstand!“
„Nur so können die sehen, wo etwas nicht in Ordnung ist! Und es wird ja wohl mal Zeit, dass es geklärt wird!“, antwortete ich.
Schließlich kam der Anruf von zuhause.
„Meine Güte hat das gedauert!“, stöhnte sie.
„Aber mir geht es besser, seltsam! Seitdem ich diese Unmengen an Kontrastmittel geschluckt habe, geht es meinem Bauch besser. Ich werde mal sehen, dass wir jetzt hier was zu essen bekommen!“
„Mami! Lenk nicht ab! Was hat der Radiologe gesagt?“
„Ach, das war so ein reizender lustiger junger Mann....“
„WAS hat er gesagt? Hast du einen schriftlichen Befund?“
Ich wusste nicht, was dieses Ablenkungsmanöver zu bedeuten hatte und bekam Angst.
„Ja, ich habe alle Bilder dabei! Aber da kann man ja nichts erkennen. – Und einen Brief habe ich auch!“
„Was steht darin?“
„Er ist zugeklebt!“
„Mami! DU bist die Patientin und hast ein Recht darauf, den Befund zu lesen. Mach den Brief auf! BITTE!“
„Ach, das geht auch wohl, das ist so ein selbstklebender Umschlag, das merken die gar nicht, wenn ich das ganz vorsichtig mache!“
Endlich hörte ich ein leises Knistern und dann wurde mir stückchenweise der Befund vorgelesen. Ich hörte nur Worte wie „raumfordernd“ und „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit maligne“, „deutlich vergrößerte Milz und Leber“. Die Stimme meiner Mutter wurde immer schwächer. Ich setzte mich hin und bemerkte, wie mir lautlos Tränen übers Gesicht liefen.
„Mein Gott,“ flüsterte ich, „das ist ja schrecklich! Was hat der denn gesagt? Der muss doch irgendwas gesagt haben, dieser Radiologe?“
„Ja, er hat mir das alles mitgegeben, damit ich den Befund bei mir habe, wenn es schlimmer wird und ich am Wochenende behandelt werden muss,“ erklärte sie ausweichend. „Er muss doch was erklärt haben! Dieser Befund heißt doch wohl Leberkrebs! Der kann dich doch nicht so ziehen lassen!“
Ich schluchzte nun unverhohlen in den Hörer.
„Riekchen! Nun reg dich nicht auf! Das ist doch nur ein Verdacht und außerdem kann man ja ein Teil der Leber wegnehmen. Das ist doch nicht so schlimm.“
Ich weiß bis heute nicht, warum meine Mutter mich beruhigte und dies auch noch so gut schaffte, dass ich für den Rest des Abends und der Nacht die Bedrohung dieses Befundes nicht realisierte. Ich weiß nur, dass ich dieses Wort „Leberkrebs“ nicht mehr dachte oder aussprach. Ich glaubte es einfach nicht. Mein Freund erschien und ich wurde abgelenkt, weil wir beide unseren letzte Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen hatten. Mein Freund schaffte es sofort, mich wieder einmal nur auf seine Probleme und seine Unzulänglichkeiten zu lenken und der Rest des Abends verlief in fruchtlosen Diskussionen um sein Unvermögen, ganz normale Dinge ganz normal zu regeln. Am nächsten Morgen rief ich gegen halb neun bei meiner Mutter an. Sie meldete sich mit matter Stimme.
„Was ist?“, fragte ich panisch.
„Ach, es geht mir nicht gut, ich habe nicht geschlafen und solche Bauchschmerzen. Ich musste mich übergeben, danach war es etwas besser. Ich habe dann eine Schlaftablette genommen und ein bisschen geschlafen.“
„Ich bin in einer halben Stunde da! Reicht das?“
„Ja, natürlich!“
Ich hatte erwartet, dass sie sagte, ich bräuchte nicht zu kommen, so schlimm sei es nicht. Dass sie ohne Debatten zustimmte, einfach „Ja“ sagte, versetzte mich in große Unruhe. Ich sprang unter die Dusche und zog mich schnell an. Mein Freund war aufgewacht und stand unschlüssig in der Küche. Er wusste nicht, ob er Frühstück machen sollte oder ob ich ihn gleich zum Teufel schicken würde, nachdem wir am Abend vorher zu keinem Ergebnis gekommen waren.
„Es tut mir Leid, ich muss zu meiner Mutter, es geht ihr schlecht!“
Er nickte nur und ging schnell ins Bad.
„Kann ich was tun?“, fragte er, als ich bereits im Mantel wartend an der Tür stand. Ich zuckte mit den Schultern und rannte aus der Wohnung. Er rief mir nach:
„Rike, ich bin in meiner Bude, du kannst mich immer anrufen, wenn ich was tun soll!“
Früher hätte ich es beklagt, dass ich immer in solchen Situationen auf mich allein gestellt war. Mein Freund war ein Mensch, der mir nie etwas umsonst gegeben hatte, er führte unsere schlecht laufende Beziehung wie eine Kalkulation. Nehmen und Geben durften bei ihm nie über einen längeren Zeitraum im Ungleichgewicht sein. Das bedingungslose, weil von Liebe und Vertrauen gelenkte Sich-vor-den-Partner-Stellen kannte er leider auch nicht. Bevor dieser bevorstehende Tag sich in eine Kosten-Nutzen-Rechnung verwandelte, wollte ich es lieber allein durchstehen. Dass es dramatisch würde, befürchtete ich aber immer noch nicht wirklich. Dann stand ich vor meiner kleinen kranken Mutter. Sie lief noch im Bademantel umher, ihr Mann war schon längst aufgestanden und redete sogleich auf mich ein:
„Ich denke, sie muss ins Krankenhaus!“
Meine Mutter hatte gar keine Meinung. Sie setzte sich in den großen roten Plüschsessel ins Wohnzimmer und sah mich ratlos an. Meine Mutter erwartete von mir, dass ich nun die Führung übernahm! Ich begriff es sofort, obwohl es das Außergewöhnlichste war, das ich je mit ihr erlebte. Sie konnte nicht mehr handeln. Sie war zu krank. Ich rannte eine Weile überlegend hin und her und las dabei diesen grässlichen CT-Befund, den ich natürlich auch nicht bis ins Kleinste verstand. Im Grunde interessierte es mich auch nicht so sehr. Die Tatsache, dass meine Mutter dort saß und mir die weitere Vorgehensweise anvertraute, war viel entscheidender.
„Weiß dein Kardiologe schon Bescheid?“
„Das könnte sein, ich glaube, der Radiologe hat ihm das schon gefaxt.“
Ich suchte das Telefonbuch.
„Ich rufe den jetzt an! Kann man den samstags anrufen oder legt der dann gleich auf?“
„Nein, der ist so nett, den kann man immer anrufen! Der ist zuhause, der hatte die ganze Woche eine Grippe!“
Ich wählte schon die Privatnummer des Kardiologen. Seine Frau war am Apparat. Ich stellte mich vor und bat um Entschuldigung für die Störung. Die Frau war nett, übergab sofort den Hörer. Die nächsten Sätze werde ich nie vergessen.
„Sie sind die Tochter! Schön, dass Sie anrufen!“, ertönte die junge Stimme des Kardiologen.
„Haben Sie den Befund aus der Radiologie schon? Meiner Mutter geht es schlecht, wir überlegen, was wir tun sollen!“
„Ja, ich habe es gestern gelesen. Es ist zu befürchten, dass ihre Schmerzen in den nächsten Tagen noch viel schlimmer werden. Bringen Sie sie ins Krankenhaus, damit sie Schmerzmittel bekommt. Und kümmern Sie sich um Ihren Vater! Für Ihre Mutter können Sie nichts mehr tun!“
Ein Weinkrampf schüttelte mich. Lautlos und heftig. Meine Mutter sah mich an und ich entdeckte Angst in ihren Augen.
„Hmmm. So schlimm, also....“ Mein Stiefvater stand vor mir. Die nackte Angst spiegelte sich in seinen Augen wieder. Ich musste gar nicht viel erklären. Er lief in die Küche, setzte sich an die Küchenbar und schlug mit dem Kopf auf die Theke.
„Nein, nein, nicht meine Lotti! Nicht meine Lotti!“
Ich nahm ihn in die Arme.
„Willi!!!! Bitte, wir müssen jetzt stark sein, wir müssen sehen, dass es für sie leicht wird. Bitte, lass sie jetzt nicht im Stich. Du hast mich. Egal, was passiert. Mich hast du noch und wir stehen das hier zusammen durch!“
Meine Mutter war in ihrem Zimmer und kramte dort ihre Sachen zusammen. Ich umfasste ihre schmalen Schultern.
„Komm, Mami, ich bring dich ins Krankenhaus. Dort wird man dir was gegen die Schmerzen geben. Soll ich deine Sachen packen?“
„Ach, das hab ich doch längst. Meinst du, ich wusste gestern nicht, was heute werden wird?“
Ich sah sie entsetzt an und lief dann weinend zurück ins Wohnzimmer. Mein Stiefvater heulte weiterhin laut wie ein malträtierter Wolf und ich setzte mich ans Telefon. Ich versuchte, ruhig zu werden und die Dinge irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Mein Handy bimmelte. Es war mein Freund. Ich weinte und gab ihm das Gespräch mit dem Kardiologen wieder.
„Mein Gott, das ist ja furchtbar. Kann ich was tun? Soll ich kommen?“
„Ich melde mich.“
Meine Mutter stand hinter mir.
„Ich würde so gern noch duschen? Darf ich das? Oder hast du nicht so viel Zeit?“ fragte sie und es klang richtig schüchtern.
„Natürlich hab ich Zeit! Ich bleibe bei dir!“
Dann schaute ich auf meinen Stiefvater, der immer noch weinend mit dem Kopf auf der Küchenbar lag. Ich entschloss mich, meine Schwester anzurufen und um Hilfe zu bitten, obwohl ich befürchten musste, dass ich abgeschmettert würde. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt und ich wusste auch bis heute nicht, was ich anderes vor Jahren verbrochen hatte, als mal wieder ungelegen anzurufen und mich bei ihr ausjammern zu wollen. Ich sprach auf den Anrufbeantworter ein paar kurze Sätze und bat darum, dass sie sich um Willi kümmern solle, da sie ja vis-a-vis wohnte. Dann fand ich zufällig im Telefonregister die Handynummer meines Schwagers. Ich rief ihn an und erklärte in knappen Worten, dass ich meine Mutter mit dem Verdacht auf Leberkrebs im Endstadium in die Klinik bringen müsste und man sich um Willi kümmern sollte, der allein sei. Mein Schwager versprach, sofort zurückzukommen. Einige Zeit später klingelte das Telefon und meine Schwester meldete sich unwirsch.
„Was ist das jetzt wieder für eine Hysterie?“
Ich legte einfach auf. Ich hatte nichts anderes erwartet.
Ich musste etwas tun, solange meine Mutter im Bad war. Ich konnte hier nicht stehen, mir die liebevoll gestaltete Fotowand anschauen und im Hintergrund das Weinen des alten Mannes hören, dem in diesem Moment der Boden unter den Füßen gezogen wurde. Spontan dachte ich an meine Freundin Andrea, die frühere Grundschülerin meiner Mutter und heute Tagesmutter meines Sohnes. Ihre Mutter war vor drei Jahren gestorben und sie würde mir helfen können, damit umzugehen. Glücklicherweise war sie sofort erreichbar.
„Andrea, meine Mutter ist totkrank. Der Arzt sagt, sie habe nur noch wenig Zeit. Ich bringe sie jetzt ins Krankenhaus. Wie werde ich damit fertig? Wie hast du das damals geschafft, wie viel Zeit hattest du mit deiner Mutter?“
„Von dem Tag der Diagnosestellung an waren es zweieinhalb Jahre. Nutze die Zeit, die euch noch bleibt so intensiv wie möglich!“
„Wir haben keine zweieinhalb Jahre mehr. Bei der Diagnose nur ein paar Monate. Wie schaffe ich das? Sie kann doch jetzt nicht sterben!!! Ich glaube das auch alles nicht. Der Befund des Radiologen kann einfach nicht stimmen!“
„Du schaffst das. Irgendwie geht es. Du hast ja auch dein Kind und Willi. Für den musst du doch da sein. Nur verbring jetzt so viel Zeit wie möglich mit ihr. Ich kümmere mich um Julian, wann du willst. Meine Güte, das ist aber plötzlich. Das erschlägt mich jetzt auch. Es tut mir so Leid! Wo ist denn Julian?“
„Mit Jojo im Wochenendhaus, der kommt erst heute Abend!“
„Und Gerd?“ „Naja, du kennst ihn ja. Die letzten Tage drehte sich rund um die Uhr alles um ihn. Er ist einfach nicht der Mann, der so etwas bedingungslos mit mir durchsteht!“
„Ja, ich weiß. Das ist sehr traurig. Aber auf uns kannst du dich immer verlassen. Das weißt du doch. Und grüße deine Mutter ganz lieb....“
Meine Mutter zog sich an, die Badezimmertür war ein wenig geöffnet. Willi weinte weiterhin laut und verzweifelt.
„Meine Lotti! Nie Streit gehabt. In 40 Jahren niemals Streit gehabt!“
„Na, das stimmt ja nun auch nicht!“, Meine Mutter kam aus dem Bad, in Unterwäsche und cremte sich das Gesicht ein.
„Wir haben ganz schön gestritten!“
Doch Willi hörte nicht und ich dachte einigermaßen beruhigt: ´Solang sie sich noch wehrt, ist es gut! Aber sie darf nicht aufhören zu widersprechen und alles besser zu wissen!`
Sie kramte wieder in ihrem Zimmer herum und ich versuchte noch einmal, den alten Mann zu trösten. Ich umklammerte ihn weinend und sagte immer wieder: “Willi, ich hab dich doch lieb, ich bin doch eigentlich DEINE Tochter und du bist Julians Opa! Egal, was passiert, wir sind immer noch da und brauchen dich und sind deine Familie!“, „Ich schaff das nicht. Ich kann nicht ohne meine Lotti sein! Warum hat es nicht mich getroffen? Ich bin doch alt, ich kann doch gehen. Ich kann aber nicht ohne sie zurückbleiben!“,ich flehte und weinte, ich kniete vor ihm und faltete sogar die Hände.
„Bitte, bitte, sei stark. Für sie! Sie muss jetzt spüren, dass wir für sie da sind. Du darfst jetzt nicht schlapp machen! Soll ich Dr. E. anrufen, dass er kommt und dir eine Beruhigungsspritze gibt?“ Er schien mich zum ersten Mal wahrzunehmen. „Ich halte durch. Solange sie lebt, halte ich durch. Das bin ich ihr schuldig. Sie war so eine tolle Frau!“
„War?, meine Mutter erschien in der Tür. „Noch lebe ich doch wohl!“
Sie ging zurück in ihr Zimmer, ich folgte ihr.
„Bist du so weit? Können wir fahren?“
„Ich muss noch die Wäsche in die Waschmaschine tun!“
„Ich mach das nachher. Nun komm!“
„Warum soll ich mich so beeilen? Ich komme doch nie mehr zurück!“
Das sagte sie vollkommen ruhig und sachlich. Wieder liefen mir die Tränen lautlos übers Gesicht und ich tat ihr den Gefallen, mich in der Waschküche in ihre Waschmaschine einweisen zu lassen.
Endlich waren wir so weit. Sie zog ihren Mantel an, nahm ihre kleine elegante Handtasche und wollte noch der schweren Reisetasche greifen.
„Nun lass mal, die trägst du nicht!“, sagte ich bestimmt und ging mit der Tasche voraus. Ich wollte nicht sehen, wie die beiden sich verabschiedeten.
„Ich komm heute Nachmittag, Lotti!“, sagte Willi und klang wenig überzeugend.
Nun saß sie im Auto neben mir und ich überlegte, wann sie das letzte Mal dort gesessen hatte. Es war der 5. Dezember letzten Jahres gewesen. Meine Mutter hatte ein paar Tage vorher meinen Freund angerufen und gefragt, ob sie es wohl wagen könne, einfach zu kommen und zuzusehen. Als er mir von dem Anruf erzählt hatte, war ich völlig überrascht gewesen. Normal wäre bei meiner Mutter gewesen, dass ich sie hätte überreden müssen zu kommen und sie lange schwankte, ob das freitägliche Bridge nicht doch wichtiger wäre als die Tatsache, dass ich diese Auszeichnung der Stadt Münster bekäme. Und dann war ich bis zur letzten Sekunde unsicher gewesen, ob ich überhaupt zu dieser Verleihung gehen wollte, da ich am Abend zuvor bei einem Kontrolltermin erfahren hatte, dass mir so schnell wie möglich die nächste Brustoperation bevorstand. Ich hatte gedacht, ich hätte endlich mit dieser langwierigen und entwürdigenden Krankheit abgeschlossen ,und diese Diagnose warf mich so aus der Bahn, dass ich die ganze Nacht weinte und tobte und mich einfach nicht abfinden wollte. Freitag Nachmittag war ich so depressiv und unausstehlich, dass ich mich allein in meiner Wohnung verkroch und niemanden an mich heran ließ. Erst als Gerd mir klar machte, dass meine Mutter sich so auf dieses Ereignis freute, raffte ich mich dann doch auf. Schließlich war es das erste Mal, dass sie in der Öffentlichkeit neidlos stolz auf mich war. Wir hatten sie am Spätnachmittag abgeholt, und sie hatte die ganze Fahrt über geplappert wie ein aufgeregtes Kind. Im Festsaal hatte sie nicht neben mir sitzen können, weil dort mein Freund saß und ich werde bis an mein Lebensende bereuen, dass ich sie nicht an meine Seite geholt habe. So hatte sie irgendwo hinten am Rand gesessen und mir stolz und strahlend zugewunken, als ich vorn beim Oberbürgermeister stand, den riesigen Blumenstrauß bekam und mir die Nadel an meinen Blazer gesteckt wurde. Immer werde ich ihr kleines Gesicht sehen, als sie mir zu versteckt zuwinkte und ihre Wangen vor Stolz glühten. Ich weiß nicht, was mich damals glücklicher gemacht hat: Ihr unverhohlener neidlos-mütterlicher Stolz oder diese Nadel. Danach hatten wir lange im Foyer gestanden und Sekt getrunken und waren richtig albern und ausgelassen gewesen. Sie war so beeindruckt, weil mich so viele Leute ansprachen und mir Glück wünschten, sich für meine Arbeit bedankten und sie stand neben mir und strahlte, wenn ich sie als meine Mutter vorstellte.
Heute strahlte sie nicht. Sie saß zusammen gesunken neben mir und wirkte selbst in meinem Kleinstwagen winzig. Mein Handy klingelte. Es war wieder meine Schwester, die mich barsch aufforderte, meinen „hysterischen Anruf“ zu erklären. Ich sagte nur kurz:
„Ich faxe dir den Befund des Radiologen, mach dir selbst ein Bild oder sprich mit unserer Mutter!“
Ich übergab das Handy an meine Mutter und hörte, wie sie sich quasi rechtfertigen musste, weil sie totkrank auf dem Weg ins Krankenhaus fuhr. Meine Schwester weigerte sich also immer noch, der Realität ins Auge zu sehen und hielt uns für übergeschnappt. Ein wenig konnte ich sie verstehen, denn das Letzte, was sie gehört hatte, war die Diagnose Abart von Leukämie. Das passte ja nun überhaupt nicht zur heutigen Diagnose Leberkrebs. Meine Mutter gab mir resigniert das Handy zurück und ich weinte wieder vor mich hin.
„Warum glaubt sie dir denn nicht? So etwas sagt erzählt man doch nicht nur aus einer Laune heraus, um Panik zu verbreiten!“, sagte ich entsetzt.
„Ach, du weißt doch, wenn sie etwas nicht wahr haben will, dann ist sie eben so!“ „Es IST ja auch nicht wahr!“, heulte ich los.
„Ich glaube es auch nicht so richtig. Aber irgendwas muss ja sein.“
Sie hatte Angst. Ich sah es ihr an und ich streichelte ihre eiskalten Hände, die sie im Schoß gefaltet hatte. Wir kamen an der Hohenzollernklinik vorbei. Gegenüber standen 7 singende Menschen mit großen Bildtafeln, die Embryonen zeigten. „Was ist denn das?“, fragte meine Mutter erstaunt.
„Diese Menschen demonstrieren gegen den Gynäkologen dort in der Klinik, weil er legal Abtreibungen vornimmt. Die stehen da regelmäßig und singen. Eine Ärztin ist dabei, die mich zu einer Filmreportage überredet hat. Ein Film, den sie privat finanzierte und mit Profis drehte und der nie irgendwo gezeigt wird. Ich hab lediglich ein bisschen was über meine Kontaktstelle erzählt.“
Ich war froh, ein ablenkendes Gespräch führen zu dürfen.
Wir erreichten das Parkhaus des Krankenhauses und ich suchte einen Parkplatz nahe am Ausgang, damit meine geschwächte Mutter nicht weit laufen musste. Bevor sie ausstieg, wünschte ich mir inständig, dass ich sie eines Tages wieder abholen durfte und sie glücklich in mein Auto steigen würde. Glücklich und gesund – oder wenigstens nicht totkrank mit so einer geringen Lebenserwartung.
Wir gingen gleich zur Notaufnahme und dort empfing uns eine junge Ärztin im blauen Kittel. Meine Mutter hatte einen Aufnahmeschein des Radiologen. Den Befund hatte ich eingesteckt. Die Ärztin bat sie in ein kleines Behandlungszimmer. Meine Mutter sprach ruhig und langsam, aber erwähnte ihre heftigen Schmerzen nur am Rande und die Ärztin schien nicht ganz zu verstehen, warum sie hier in der Notfallaufnahme saß. Ich zog den Befund aus der Tasche und überreichte ihn ihr. Sie las dieses Todesurteil und stellte nun gezielte Fragen. Ja, sie habe heftige Bauchschmerzen und die Übelkeit sei ziemlich unerträglich, gab meine Mutter zu. Sie wurde untersucht und dann nahm ihr eine Schwester Blut ab. Plötzlich hörte ich draußen laut eine männliche Stimme und meine Mutter setzte sich ruckartig auf. „Das ist doch Dr. E.! Wieso ist der denn hier?“ Ich ging raus und entdeckte einen großen schlanken Mann um die fünfzig, dem ich mich als Tochter von Frau Hecker vorstellte. Bevor ich irgendetwas erklären konnte, griff er mich an:
„Was machen Sie denn für einen Aufstand? Ihre Mutter ist doch ganz in Ordnung bis auf ein paar Blähungen!“
Ich war diesem Angriff nicht gewachsen und bat ihn nur kurz, sich den radiologischen Befund durchzulesen. Ich drehte mich um und ging wieder zu meiner Mutter. Sie wurde gerade ans EKG angeschlossen. Die Tür öffnete sich wieder und Dr. E. kam herein. Er reichte meiner Mutter die Hand und fragte nach dem Befund.
„Ach, der liegt da jetzt wohl auf dem Schreibtisch! Diese junge Ärztin hat ihn gerade durchgelesen.“
Er ging zum Schreibtisch und las den Befund im Stehen. Dann ließ er sich schwer auf den nächsten Stuhl fallen und sah mich an. Schließlich stand er wieder auf und legte meiner Mutter die Hand auf die Schulter.
„Es ist sicher richtig, dass Sie jetzt hier sind! Ich kümmere mich um Ihren Mann.“
Er ging an mir vorbei und murmelte so etwas wie „Entschuldigung“. Mir war es egal. Ich hatte mir so oft Geschichten von meiner Mutter und Willi über diesen Arzt anhören müssen, dass ich ihm zwangsläufig nicht objektiv gegenübertreten konnte. Meine Mutter hat oft über ihn geschimpft, dass er launisch sei, dass er keinen Patienten abgeben könne, selbst wenn er nicht mit den notwendigen Geräten zur Diagnostik ausgestattet sei. Ich habe ihr immer versucht zu erklären, dass sie den Arzt wechseln müsse, wenn sie so unzufrieden sei. „Ach nein, er hat mir ja auch mal völlig unbürokratisch geholfen. Da kann ich nicht woanders hingehen!“
Diese Vorstellung von älteren Menschen, dass sie ihren Hausarzt bis an ihr Lebensende behalten müssen, war mir nicht neu und meine Mutter hat ja erst in den letzten Wochen ihres Lebens hier und da mal einen winzigen Rat von mir angenommen. Bis dahin hat sie ja immer ihre eigene Vorstellung von den Dingen gehabt und wenn sie der Meinung war, der Weg, den sie gerade ging, führe nach Norden, dann hätte ihr kein Mensch auf der Welt klar machen können, dass sie irrte und schnurstracks nach Süden ging. Sie ließ sich nur vom Leben selbst belehren, niemals von anderen Menschen. Aus diesen Gründen gab es auch viel Streit zwischen ihr und ihren Töchtern. Sie war unglaublich dominant und stellte sich leider auch immer als allwissend hin. Sie lobte uns nicht, sie erkannte unsere Leistungen nicht an, was nicht heißt, dass sie nur kritisierte, was wir beruflich oder privat taten. Sie zeigte einfach kein Interesse. Ich konnte erst in den letzten Jahren von meinem Job erzählen und sie hörte zu und stellte Fragen und bemitleidete mich sogar einmal, als ich fix und fertig mal wieder einen 8-Stunden-Tag mit nur 15 Minuten Kaffeepause hinter mir hatte. Ich denke, dass meine Schwester als selbstständige Juristin noch viel mehr unter mangelnder Anerkennung zu leiden hatte. Wie weh es tun muss, wenn man der eigenen Mutter stolz von einem gewonnenen Prozess erzählen will und diese ganz offensichtlich nicht zuhört, eventuell noch unterbricht mit den Worten: „Ich muss jetzt aber das Mittagessen kochen, weil ich in einer Stunde einen Friseurtermin habe....“ vermag ich mir nur schmerzhaft vorzustellen. Ich bin traurig und werde es immer sein, dass meine Mutter nicht nachgiebig sein konnte und einen Streit von sich aus beenden konnte. Da hatten wir Töchter mehr als einmal über Monate oder Jahre keinen Kontakt zu ihr und sie hat von sich aus keinen Versöhnungsversuch gemacht. Sie hat nach einem Streit grundsätzlich einen vorwurfsvollen Brief geschrieben und dann abgewartet. Ich habe sogar erlebt, dass ich nach über einem Jahr zu Weihnachten anrief und Willi einfach auflegte. Ich rief noch mal an und da war sie am Apparat und lehnte es schlichtweg ab, den Kontakt zu mir wieder aufzunehmen. Ich hatte mich nicht entschuldigt, denn ich hatte dazu keinen Grund. Ich wollte aber einen Strich machen, einfach – wie es so schön heißt – nach zwei Jahren des Schweigens zur Tagesordnung übergehen, weil sie mir fehlte, als Mutter und als Oma für meinen Jungen. Sie wollte nicht und ich lief Heilig Abend heulend mit meinem kleinen Jungen durch die Innenstadt, weil ich zuhause auch über Stunden nicht erwünscht war, solange die vier Kinder meines Freundes da waren. Meine Gefühle heute zu meiner Mutter sind äußerst ambivalent. Einerseits sehe ich die kleine gütige Frau, die sie in den letzten beiden Jahren war, vor mir, andererseits kommen natürlich Erinnerungen an Streitereien, an ihre Rechthaberei und Unerbittlichkeit hoch. Ich versuche, mich mit dem zu begnügen, was wir an schönen harmonischen Stunden hatten, denn die Dominanz meiner Mutter und ihre unerklärliche Unerbittlichkeit hat den größten Teil meines Tochter-Lebens eingenommen. Als ich klein war, habe ich sie bewundert und angebetet. Sie war so schön, so perfekt und klug. Sie war mein Vorbild. Als sie mit 42 Jahren ehrgeizig ein Mikaz-Studium als Grundschullehrin machte, übernahm ich sogar ihren Ehrgeiz und lernte wie eine Irre für die Schule. Ich erhielt aber nie die Anerkennung, die ich mir wünschte, wenn ich eine Eins oder ein hervorragendes Zeugnis nach Hause brachte. Sie lobte mich zwar und gab mir Geld, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie wirklich stolz war.
Meine Mutter wurde Lehrerin, denn natürlich schaffte sie dieses Studium mit einem glänzenden Abschluss. Aber sie fehlte mir als Mutter an allen Ecken und Enden. Heute weiß ich, wie mein Sohn sich oftmals fühlen muss, weil ich ebenfalls immer zu beschäftigt bin, um für ihn da zu sein. Ich weiß nicht, ob meine Mutter dieses schlechte Gewissen hatte, das mich ständig begleitet, denn ich habe mich als Kind nie beklagt, wenn zum Beispiel meine Oma mit mir zum ersten Schultag im Gymnasium ging. Meine Oma war immer da und führte den Haushalt. Nur mit ihrer Hilfe war es meiner Mutter möglich, dieses Studium zu machen und als Lehrerin zu arbeiten. Meine Oma war es auch, die mich beim heftigen Liebeskummer tröstete und meine Oma half mir, das dritte Reich zu verstehen und schilderte mir die Geschichte der Juden, so wie sie sie miterlebt hatte. Als meine Oma eines Tages schwer krank wurde, war ich zwölf oder 13 Jahre. Sie bekam heftiges Nasenbluten und ich fand sie im Bad, den Kopf übers Waschbecken gebeugt. Ich erschrak und rief meine Mutter, die völlig hysterisch reagierte. Sie rief einen Krankenwagen und ich blieb solange bei meiner Oma und legte ihr einen kalten Lappen in den Nacken. Meine Oma war die Ruhe selbst, und diese Ruhe übertrug sich auf mich. Der Krankenwagen kam und ein junger Sanitäter wurde beim Anblick des vielen Blutes kreidebleich.
„Willst du mitfahren?“, fragte er mich und so kam es, dass ich die Nierenschale hielt und im Krankenwagen bei meiner Oma blieb. Sie wurde allmählich immer schwächer und schließlich nahm sie meine Hand und sagte:
„Riekchen, bitte versprich mir, dass ich nicht im Krankenhaus sterben muss!“, Das Leiden meiner Oma dauerte viele Jahre und wir wissen nicht, woran sie letztendlich gestorben ist. Sie bekam immer mal wieder Nasenbluten, erlitt einen Schlaganfall, nach dem sie nicht mehr sprach. Sie lag zwei Jahre zuhause und wurde klein und dünn und starb so langsam vor sich hin. Ihr Bauch wurde immer dicker. Wenn sie gelegentlich mal mithilfe einer Pflegerin und Willi stand, erinnerte sie mich an die verhungernden Dritte-Welt-Frauen mit ihrem ausgemergelten Körper. Ein Bild des Grauens, eine entsetzlich würdelose Art sein Leben zu beenden. Als es ihr noch so gut ging, dass sie stundenweise im Sessel sitzen konnte, haben meine Schwester und ich oft vor ihr gekniet und ihre Hände gehalten und ihr aus unserem Leben erzählt. Ich sehe noch immer ein Bild von mir, wie meine Oma meiner Schwester über die Wange strich und ihre dunklen großen Augen strahlten. Meine Schwester kam mit Tränen in den Augen aus dem Zimmer, denn sie hatte eine Antwort bekommen und wir wussten damals schon nicht mehr, ob unsere Oma überhaupt noch jemanden erkennt und wie viel sie versteht.
Meine Oma starb an einem Freitag Nachmittag. Sie starb auf den Tag genau 20 Jahre nach ihrem Mann. Bei ihrer Beisetzung Ende September 1980 war es ungewöhnlich warm und wir schwitzten erbärmlich in unseren schwarzen Trauerkleidern. Da es am Mittwoch, den 17. März, dem Beerdigungstag meiner Mutter auch so ungewöhnlich warm war, fange ich an, daran zu glauben, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir Menschen nicht beeinflussen können, die wir aber als Zeichen von den verstorbenen Menschen verstehen können. Als meine Mutter gestorben war, habe ich viele Stunden an ihrem offenen Sarg gesessen und mir ihr „geredet“. Ich bat sie um ein Zeichen. „Bitte gib mir ein Zeichen, ob es für dich okay ist, dass du sterben musstest. Wenn es am Mittwoch regnet, bist du nicht einverstanden. Wenn die Sonne scheint, ist es für dich in Ordnung!“
Es beruhigte mich kolossal, als es am 17. März so warm war.
An diesem 21. Februar 2004, dem Samstag vor Rosenmontag erlebte ich meine Mutter auch so unerklärlich ruhig und geduldig wie es meine Oma immer war, wenn sie im Krankenhaus lag. Alles hier in der Notaufnahme dauerte entsetzlich lange und meine Mutter hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Schließlich wurde sie zum Röntgen der Lunge geschickt. Ich schleppte wieder die schwere Reisetasche und wir suchten gemeinsam die Röntgenabteilung, die sich im dunklen alten Gebäudetrakt befand. Dort saßen wir dann in einer dunklen Ecke und warteten ab. Meine Mutter zeigte mir die Überweisung auf der Notaufnahme: “V.a. Klatskin-Tumor“ stand dort.
„Was ist das denn?“
Ich wusste es, denn ich hatte am Morgen im Pschychrembel geblättert. Das Todesurteil hatte nun einen Namen und man suchte bereits Metastasen.
„Ich komm gleich wieder, ja? Ist das okay? Ich muss mal telefonieren!“
Ich lief davon, stellte mich in einen dunklen Krankenhausflur und weinte. Mein Handy vibrierte in der Manteltasche. Es war wieder mein Freund und ich erzählte ihm weinend von diesem Verdacht.
„Soll ich kommen? Ich kann ja in der Caféteria auf dich warten?“
Ich trocknete mein Gesicht und ging zurück zu meiner Mutter, die immer noch allein in der dunklen Ecke vor der Anmeldung saß. Sie lächelte mich an.
„Gleich kommt der Gerd, macht es dir etwas aus, wenn ich kurz mit ihm in der Caféteria einen Kaffee trinke? Ich komme danach sofort wieder zu dir!“
„Ja, mach du das ruhig. Mir kann ja hier nichts passieren!“
Ob sie das wirklich so meinte? Hatte sie dieses Gottvertrauen in Ärzte und fühlte sich sicher? Ich hoffte es für sie. Mein Vertrauen in Ärzte ging jedenfalls mal gerade so weit, dass ich im Falle meiner Mutter äußerst dankbar war, dass sie privat versichert war, also ein Anrecht auf Einbettzimmer mit Chefarztbehandlung hatte. Der Chefarzt der Inneren hatte einen sehr guten Ruf, aber auch er würde sie nicht gesund machen können, wenn dieses Todesurteil der Wahrheit entsprach. Wir saßen nebeneinander und sie fragte mich, was Klatskin-Tumor sei.
„Ich glaube, das ist nur ein sehr ungewisser Verdacht. Bei Leberkrebs kann es Metastasen in der Lunge geben. Aber dann wärst du ja immer müde und erschöpft....“
„Aber ich schlafe doch so schlecht und Husten hab ich auch nicht. Das da“, und sie zeigte verächtlich auf die Röntgen-Überweisung, „hab ich garantiert nicht!“, Mein Handy vibrierte und ich verabschiedete mich kurz von ihr, um einen Kaffee trinken zu gehen. Sie streichelte mir kurz über die Wange, eine ungewöhnliche Geste für meine Mutter, und ich hatte sofort wieder einen dicken Kloß im Hals. Mein Freund stand vor dem Eingang und sah mich unsicher an. Wir setzten uns in die total überfüllte Caféteria und ich erzählte weinend die Einzelheiten.
„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie in ein paar Monaten nicht mehr da sein soll! Ich begreife erst jetzt, wie wichtig sie für mich ist. Gerade in den letzten beiden Jahren haben wir doch erst ein normales Verhältnis gehabt und sie hörte auf, mich so zu beherrschen und sich in alles einzumischen. Sie war einfach nur lieb.“
Mein Freund sagte wenig. Er sah mich bestürzt an, schließlich wusste er zu gut, wie schwierig meine Mutter früher gewesen war, wie ich gelitten hatte unter ihrer Unerbittlichkeit, und er hatte auch mitbekommen, wie verändert und entspannt unser Verhältnis in den letzten beiden Jahren gewesen war.
„Ich muss wieder zu ihr. Womöglich ist sie schon auf der Inneren!“
„Kann ich mitkommen? Ich bleibe auch draußen.“
Wir liefen zur Röntgenabteilung. Sie war nicht mehr da, die Tasche war ebenfalls fort. Ich fragte mich durch und fand sie schließlich in einem 2-Bett-Zimmer auf der Inneren. Sie saß dort verloren auf dem Krankenhausbett und sah unsicher zu der Zimmergenossin hinüber, einer alten zierlichen Dame, die laut röchelnd mit halb geschlossenen Augen im ersten Bett lag. Ich eilte zu ihr, nahm sie in die Arme und sie sagte leise mit Blick auf die andere:
„Das ist ja schrecklich! Die hatten kein Einzelzimmer!“
Ein Pfleger stürmte herein.
„Frau Hecker, möchten Sie Mittagessen?“
„Oh, ist es schon so spät? Ja, ein bisschen möchte ich schon.“
Der Pfleger brachte einen undefinierbaren Eintopf und einen Pudding in der typischen faden Krankenhausfarbe und Konsistenz. Meine Mutter begann zu essen und ich sah ihr zu.
„Ist dein Freund noch da?“
„Er wartet draußen.“
„Dann hol ihn doch rein!“
Ich holte Gerd herein, nun standen wir beide unsicher herum und fühlten uns unbehaglich.
„Was geschieht denn jetzt?“, fragte ich meine Mutter.
„Ich denke, nicht viel. Vielleicht war es doch nicht so gut, hierher zu kommen.“ Der Pfleger kam wieder herein.
„Können Sie meine Mutter in einem Einbettzimmer unterbringen?“
Er guckte mich an, als hätte ich etwas Unanständiges gefragt.
„Nnnnein, ddddas geht nnnnicht. Wirrrrr ssssind überbelegt!“, stotterte er. „Vvvvielleicht fragen Sie nananachher den Chefarzt!“
„Der kommt noch. Das ist gut. Wann?“
„Am Nachmittag!“, brachte er stotterfrei hervor und ich sah die kleinen Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten.
„Mami, ich fahre mal kurz zu Willi. Ich seh nach der Wäsche und komme nachmittags zurück. Wenn der Chefarzt kommt, wäre ich gern hier. Ist das okay?“
„Ja, natürlich. Vielleicht muss ich ja gar nicht hier bleiben.“
Sie schaute verzweifelt zu der röchelnden alten Frau hinüber.
„Ich bringe dir Ohropax mit!“
„Oja, das ist gut.“
Ich umarmte sie vorsichtig. Sie schien so zerbrechlich und ich fühlte ihre Rippen deutlich unter meinen Fingerkuppen.
„Tschüss, Frau Hecker, machen Sie es gut.“
Gerd legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter und sie sah ihn freundlich lächelnd an.
Vor der Tür fing er auch an zu weinen. Sie hatte so rührend gewirkt, die kleine alte Frau, die so gelassen und tapfer ihr schlimmes Schicksal angenommen hatte.
Ich fuhr zurück nach Gremmendorf zu Willi, der mir erwartungsvoll die Tür öffnete. Ich erzählte, was sich bisher zugetragen hatte und er stellte jede Frage mindestens drei- bis viermal. Er hing an meinen Lippen und wollte unbedingt etwas Positives hören, irgendetwas, an das er sich klammern konnte. Ich hatte keinen Strohhalm, ich konnte ihm nur versichern, dass seine Frau tapfer war und keine Angst zeigte.
„Ich mach dir jetzt mal was zu essen!“
Es waren noch Reste vom Tag zuvor da und ich briet Fleisch, machte Rotkohl und Kartoffelpüree warm. Er aß nicht viel, aber er schien dankbar zu sein, dass ich ihm diese Arbeit abgenommen hatte. Ich spülte, räumte den Kühlschrank auf und ging dann in die Waschküche. Unten vibrierte wieder mein Handy. Meine Schwester! Sie entschuldigte sich für ihr barsches Telefonat am Vormittag, sie habe es einfach nicht ernst genommen und bat um Waffenstillstand.
„Sehr gern!“
Ich war so erleichtert. Die Feindseligkeit zwischen uns beiden hätte alles deutlich erschwert. Momentan dachte ich nicht weiter über den Anruf nach und was meine Schwester wirklich vorhatte. Von meiner Seite aus würde es jedenfalls keine Anfeindungen geben, falls wir uns zufällig einmal im Krankenhaus oder hier treffen würden.
Ich hängte die Wäsche auf. Es tat so weh, ihr Unterhemd und ihr Nachthemd auf die Leine zu spannen. Würde sie das alles überhaupt noch brauchen? Angenommen man hatte Metastasen oder den Primärtumor in der Lunge gefunden, dann hätte sie nur noch ein paar Wochen. Diese Vorstellung war grausam. Nein, das konnte nicht sein! Ich dachte darüber nach, was mir in den letzten zehn Jahre an schweren Schicksalsschlägen widerfahren war und kam zu dem Ergebnis, dass ich nicht mehr verdient hätte. Außerdem stimmte die Reihenfolge nicht, es konnte nicht sein, dass sie vor ihrem Mann starb. Plötzlich hatte ich wieder eine Szene vor Augen, die mich sehr nachdenklich gemacht hatte. Im Oktober letzten Jahres hatte Willi einen Herzschrittmacher bekommen und war eine Nacht in demselben Krankenhaus gewesen. Am Morgen des kleinen Eingriffs war ich gekommen, um den beiden beizustehen, denn meine Mutter hatte sich seit Wochen ganz allein beinahe ununterbrochen die Ängste ihres Mannes im Zusammenhang mit diesem Routineeingriff anhören müssen. Ich hatte glücklicherweise ein paar Tage Urlaub und konnte problemlos vor dem Eingriff da sein. Willi war ein überängstliches Nervenbündel und löcherte uns ständig mit denselben überflüssigen Fragen. Meine Mutter bekam eine Anweisung nach der anderen, was sie im Laufe des Tages noch alles von zuhause mitbringen sollte. Schließlich wurde sie sauer.
„Ja, meinst du denn, ich schleppe hier kofferweise deine Klamotten für eine Nacht an? Ich bin doch nicht dein Packesel!“, schimpfte sie – und ich muss sagen – völlig berechtigterweise. Endlich wurde er in den OP geschoben und wir gingen in die Caféteria, wo sie ein Brötchen aß. Etwa ein bis zwei Stunden später war er wieder im Zimmer und hatte alles bestens in Lokalanästhesie überstanden.
„Ob das wohl alles richtig ist....“, waren seine ersten Worte und auch die letzten gewesen, die er vor dem Eingriff gesagt hatte.
Wir versuchten, ihn zu beruhigen, natürlich vergeblich. Schließlich ging ich zum Stationsarzt und bat ihn, meinem Stiefvater noch mal gut zuzureden.
„Ja, er ist sehr nervös, ich weiß das wohl. Ich rede noch mal mit ihm, es ist alles sehr gut verlaufen“, berichtete der nette Arzt. Als ich zurückkam, stellte ich fest, dass meine Mutter unnatürlich gerötete Wangen hatte und ihr Gesicht aufgequollen war.
„Jetzt fährst du mal nach Hause, Mami!“, bestimmte ich.
„Willi kann jetzt schlafen und du siehst aus, als hättest du Blutdruck in astronomischer Höhe.“
„Ja? Mir ist nur so warm im Kopf, aber das bedeutet nichts!“
Vor der Tür atmete sie tief durch und nahm sie in den Arm. Zum ersten Mal dachte ich für einen Moment, dass es eines Tages so kommen könnte, dass sie still und schnell starb, während Willi all die Jahre seine mehr oder weniger realen Beschwerden zum Toppthema gemacht hatte und sie sich darauf eingelassen hatte. Ich schob diesen Gedanken ganz schnell zur Seite, aber als ich sie eine Stunde später zuhause anrief und nach dem Blutdruck fragte, war der tatsächlich viel zu hoch. Sie versprach, sich ein wenig auszuruhen.
Ich fuhr zu mir nach Hause. Julian hatte mir auf den AB gesprochen, dass er gegen 18 Uhr nach Hause käme. Wie sollte ich ihm erklären, dass seine Omi so krank war und bald sterben würde? Er hatte zwar sehr früh begriffen, dass Tod zum Leben gehörte, aber seine Familie bestand zuverlässig dann nur noch aus mir. Die Unzuverlässigkeit des Vaters hatte meine Mutter über viele Jahre mit ihrer Präsenz und Liebe gemildert. Es klingelte. Mein Freund kam mit frischen Brötchen. Ich kochte Kaffee und wir aßen schweigend. Es war vierzehn Uhr. Ich wollte um 16 Uhr wieder ins Krankenhaus fahren und Willi vorher abholen. Meine Schwester würde jetzt da sein. Doch als ich kurz vorher bei ihm anrief, erklärte er mir, dass er außerstande sei mitzukommen. Er müsse erst einmal die Situation „ganz in Ruhe“ verarbeiten. Ich verstand ihn nicht. Warum hatte er nicht den Wunsch, bei seiner Frau zu sein und zu erfahren, wie es um sie stand? Dafür hatte Gerd den Wunsch, mich zu begleiten. Ich war unsicher, ob meiner Mutter das so recht sei, aber ich wollte keine endlose Diskussion mit ihm beginnen. Es ging ihm sowieso nicht um meine Mutter oder um mich, sondern darum, nicht von mir weggeschickt zu werden. So bot ich ihm an, hier bei mir zu warten, damit jemand da sei, wenn Julian nach Hause käme und ich nicht so unter Zeitdruck stünde. Es war ihm recht, sehr sogar, denn ich hatte ihm wieder Einlass in meine Wohnung und mein Leben gewährt.
Meine Mutter lag inzwischen im Bett und wirkte wieder einmal winzig. Sie hatte einen extrem kleinen Kopf, und zu ihrem eigenen Leidwesen hatten ihr daher nie Hüte oder Mützen gestanden. Sie wirkte gestresst, man hatte eine Infusion angeschlossen und sie erklärte uns, dass ihr das Essen schwer im Magen läge. Außerdem wäre sie halb wahnsinnig vom ständigen Röcheln der Bettnachbarin.
„Sie kann ja nichts dafür, sie ist eine ganz arme Frau, aber wie soll ich denn heute nacht schlafen?“
„Vielleicht kann man ja noch was regeln, wenn ein Arzt kommt“, sagte ich hoffnungsvoll, denn selbst mir ging nach zwei Minuten dieses laute Schnarchen auf die Nerven.
Ich blieb bis zum Abendessen. Wir waren die ganze Zeit allein und ich genoss das Zusammensein mit ihr. Wir redeten über alles Mögliche, am wenigsten über ihre Krankheit. Sie ignorierte diesen Befund weiterhin, und das war gut so. Beim Abendessen schaffte sie eineinhalb Scheiben Brot und war völlig überrascht über ihre Maßlosigkeit. Ich machte ihr klar, dass es erst gerade mal 18 Uhr sei und sie ungefähr 14 Stunden damit auskommen müsse.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag, 22. Februar vor Rosenmontag, fuhr ich zusammen mit Julian und Gerd zu Willi. Er war bereits fix und fertig angezogen und bereit mitzukommen. Schwerfällig quälte er sich in meinen kleinen Ford Ka, aber ich war froh, dass er mitkam. Als wir kamen, war meine Mutter gerade im Bad. Sie hatte sich übergeben müssen. Völlig erschöpft legte sie sich wieder ins Bett. Ich gab Gerd ein Zeichen, erst einmal mit Julian rauszugehen. Der Junge war entsetzt angesichts der kranken Oma und der röchelnden Frau im Bett nebenan.
„Das Schmerzmittel reicht nicht aus“, stöhnte meine Mutter.
Ich ging zum Schwesternzimmer und fragte nach der Stationsschwester.
„Meine Mutter hat so starke Schmerzen. Kann sie etwas Stärkeres bekommen?“
„Nachher kommt der Chefarzt, ich werde es ihm sagen!“
Wir mussten nicht lange warten. Prof. G. erschien. Er schien erstaunlich jung für einen Professor und machte einen sympathischen Eindruck. Gerd ging solange vor die Tür. Der Professor ließ sich von meiner Mutter erzählen, warum sie gekommen war und tastete dann ihren Bauch ab.
„Frau Hecker, wir werden morgen eine Magenspiegelung vornehmen, und bis dahin bekommen Sie Infusionen und ein stärkeres Schmerzmittel als bisher. Von der Spiegelung werden Sie nichts merken, wir geben Ihnen vorher eine Spritze.“
Meine Mutter nickte. Sie sah zum anderen Bett hinüber und sah mich unsicher an.
„Kann ich ein Einzelzimmer bekommen?“, fragte sie schließlich.
„Das wird sicher erst am Montag oder Dienstag möglich sein. Wir sind leider überbelegt. Aber ich kann versuchen, Sie dann auf der Station der Ordensschwestern unterzubringen. Da ist es nicht ganz so komfortabel, aber Sie liegen da allein“, erklärte er freundlich.
„Die Dame kann ja wirklich nichts dafür, aber ich schlafe so schlecht und...“, entschuldigte meine Mutter ihre berechtigte Forderung. Der Professor legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Ich kann Sie gut verstehen und werde mich morgen sofort darum kümmern. – Haben Sie noch Fragen?“, er sah mich kurz an. Willi schien nicht das Meiste mitbekommen zu haben, er war entsetzlich schwerhörig, und ich vertraute in diesem Moment auch weiter auf seine Schwerhörigkeit:
„Darf ich etwas fragen?“, begann ich vorsichtig.
Er nickte.
„Sie haben den Befund des Radiologen gesehen?“
Er nickte wieder.
„Gibt es noch eine winzige Hoffnung, dass es doch gutartig ist und der sich geirrt hat?“
Er sagte nur ein einziges Wort.
„Nein!“
Sofort kamen mir die Tränen, und ich sah meine Mutter an. Sie blickte ernst und unsicher von mir zum Professor und zu ihrem Mann, der ahnungslos in die Runde blickte und Gottlob nichts gehört hatte. Ich hätte gern noch so viel gefragt, zum Beispiel ob sie noch stärkere Schmerzen bekommen würde, ob sie bald künstlich ernährt werden müsste, ob sie hier oder zuhause behandelt werden konnte, aber ich konnte natürlich nicht in ihrer Gegenwart so konkret von ihren letzten Lebenswochen sprechen. Außerdem war ich noch weit davon entfernt, den Verdacht des Röntgenarztes zu glauben.
„Melden Sie sich bitte, wenn Sie Schmerzen haben, Sie bekommen gleich erst einmal andere, stärkere Tropfen. Heute Abend bekommen Sie etwas zum Schlafen.“
Der Professor ging wieder und setzte mich auf die Bettkante und nahm die eiskalten Hände meiner Mutter.
„Ich glaube das nicht“, sagte sie.
„Ich auch nicht!“, stimmte ich ihr zu.
Gerd und Julian erschienen und Willi wollte nun wissen, was der Professor gesagt hatte. Meine Mutter strengte sich sehr an, laut zu sprechen, aber er verstand sie trotzdem nicht und fragte immer wieder nach. Schließlich schlug sie genervt mit der geballten Faust auf die Bettdecke und schimpfte los:
„Mensch, dann tu doch endlich mal deine Hörgeräte rein, ich spiele hier seit ewigen Zeiten den Dolmetscher!“
Julian kicherte angesichts des Temperamentsausbruches. Wenn sie noch so schimpfen konnte, hatte sie nicht mit dem Leben abgeschlossen!
Die Rückfahrt verlief beinahe schweigend. Ich saß hinten und hielt Julians klebriges Kinderhändchen. Als wir in Gremmendorf ankamen, und Willi sich mit seinem schmerzenden Rücken aus meinem Auto wälzte, kamen mir wieder die Tränen. Der Anblick des alten Mannes, der gebeugt und schwankend die Treppe hochhangelte, zerriss mir fast das Herz.
„Der arme arme Opa“, sagte Julian.
„Mein Gott, ich kann das nicht sehen. Es ist so ungerecht! Warum nur diese verkehrte Reihenfolge? Meine Mutter hätte es geschafft, ohne ihn irgendwie weiterzuleben, aber ihn wird es umbringen!“
Julian umarmte mich und klammerte mich dankbar an meinen Zehnjährigen.
„Mami, wir rufen Opa gleich mal an und ich sage ihm, er soll das Radio anmachen oder den Fernseher, damit es nicht so leise ist.“
Mein waiser kleiner Julian....
Am Spätnachmittag bekam ich eine Kurznachricht von meiner Schwester, sie wollte wissen, was der Professor gesagt hätte und wie meine Festnetznummer lautete. Ich antwortete und kurz danach ging mein Telefon. Das Gespräch war kurz und distanziert. Ich konnte ja eigentlich auch nur zwei Sätze wiedergeben, die der Professor und ich gewechselt hatte. Meine Schwester versprach noch, sich um Willis Essen zu kümmern.
Ich fuhr auch an diesem Spätnachmittag noch mal allein zu meiner Mutter. Es ging ihr gar nicht gut. Sie hatte Tramaltropfen bekommen und dieses starke Schmerzmittel hatte als häufigste Nebenwirkung Übelkeit bis zum Erbrechen. Als ich in der Kinderonkologie gearbeitet hatte, wurde dieses Medikament sehr wirksam gegen Knochenschmerzen eingesetzt. Doch ich hatte nie verstanden, wie man die armen Chemopatienten noch zusätzlich mit diesem Brechmittel quälen konnte. Da musste es doch noch etwas Anderes geben! Einigermaßen wütend ging ich zur Stationsschwester und erklärte ihr, dass es meiner Mutter sehr schlecht ginge vom Tramal. Sie nickte verständnisvoll.
„Wir tun ihr etwas in den Tropf gegen Übelkeit. Dann muss sie eben wieder Novalgin bekommen!“
Ich blieb noch solange, bis ein Pfleger kam und ihr das versprochene Mittel in den Tropf spritzte und sie sich langsam zu erholen schien.
Als ich am nächsten Morgen gegen halb elf auf die Station kam, war das Bett meiner Mutter fort und ich bekam einen tiefen Schreck. Panisch rannte ich zum Stationszimmer. Die anwesende Schwester lächelte mich an.
„Ihre Mutter ist auf Station 40, sie hat dort ein Einzelzimmer.“
Ich irrte durch die Gänge und fand sie schließlich friedlich aussehend in einem kleinen Einzelzimmer. Die Magenspiegelung hatte sie auch schon überstanden und nichts davon gemerkt. Sie wartete nun auf ihren Tee, denn sie hatte noch nichts gefrühstückt.
„Hat man denn was gefunden? Oder hat sich mal irgendjemand zum Röntgenbild der Lunge geäußert?“
„Ach, das interessiert mich doch sowieso nicht!“
Steckte sie den Kopf in den Sand oder glaubte sie tatsächlich nicht daran, dass sie so krank war. Der Tee kam und kurz danach erschien auch wieder der Professor.
„Frau Hecker, wir haben ja heute früh den Magen gespiegelt und dabei ein bisschen Klarheit bekommen. In der Speiseröhre sind sehr viele Varizen, also Krampfadern, und der Gallengang war verschlossen. Da habe ich Ihnen eine Prothese eingesetzt. Wir haben jetzt auch das Blutbild genau angesehen und wollen Ihnen blutverdünnende Mittel geben. Ihr Blut ist zu dick!“
Meine Mutter nickte zustimmend.
„Wir werden morgen noch einmal eine Spiegelung des Gallengangs vornehmen und versuchen, ein Leberbiopsie vorzunehmen. Ich hoffe, es gelingt uns morgen, sonst müssen wir von außen an die Leber, aber ich möchte es erst einmal so probieren, denn das ist ungefährlicher.
„Haben Sie irgendetwas gesehen, das auf Bösartigkeit hindeutet?“, fragte ich ängstlich.
Er schüttelte den Kopf und ich nickte befriedigt.
Meine Mutter bedankte sich noch artig für das Zimmer und der Professor ging wieder.
Wir unterhielten uns eine Weile über die Krampfadern in der Speiseröhre und meine Mutter sagte, sie hätte das sicher schon lange und es sei wohl bedeutungslos. Ich wollte sie nicht beunruhigen und wechselte das Thema. Lange blieb ich nicht, denn sie war müde und ich war froh, wenn sie schlafen konnte.
Wie jeden Tag kam ich auch abends wieder und blieb eine Weile. Wir liefen über den Flur, sie trug meinen blauen Frotteebademantel und sie hatte sich bei mir eingehakt. Warum war das Zusammensein mit meiner Mutter nicht immer so friedlich gewesen wie hier? Die Umgebung war nicht die richtige, aber die Harmonie zwischen uns stimmte endlich. Lag es an mir oder an ihr oder an ihrer Erkrankung? Als ich mich verabschiedete, versprach ich, morgen vom Büro aus anzurufen und nach der Arbeit zu kommen. Sie lächelte mich müde an, wollte noch ein wenig fernsehen und hoffte dann zu schlafen, denn ich hatte ihr ihre eigenen Schlaftabletten mitgebracht.
Am nächsten Tag musste ich wieder arbeiten und stellte nun zum ersten Mal fest, dass mich meine Arbeit nicht ablenkte. Ununterbrochen dachte ich an meine Mutter. Anzurufen hatte wenig Sinn, sie würde nun gerade wieder die nächste Spiegelung bekommen. Meine Kolleginnen aus dem Labor fragten mich nach ihr und ich berichtete von dem grauenvollen Wochenende und gleichzeitig erwähnte ich deutlich meine Hoffnung, dass der Radiologe sich geirrt hatte, weil die Magenspiegelung keinen Anhalt für Malignität gegeben hatte. Doch meine Kolleginnen waren sehr skeptisch und rissen mir mit wenigen Worten den Boden unter den Füßen weg.
„So ein CT-Befund ist eindeutig und diese Krampfadern gehören zum Krankheitsbild. Außerdem: Wenn der Chefarzt nichts Gegenteiliges gesagt hat, musst du dich wohl damit abfinden!“
„Klatskin-Tumor?“, fragte ich entsetzt.
Christine nickte.
„Wie lange? Noch ein halbes Jahr oder länger?“
„Eher weniger. Das geht schnell.“
„Drei Monate?“
„Wenn sie Glück hat.....“
Ich begann haltlos zu schluchzen, und Christine nahm mich in die Arme.
„Ich kann doch jetzt nicht hier sitzen und tun, als sei nichts geschehen – ich kann mich doch heute nicht mit Studenten und sämtlichen Idioten herumärgern!“, heulte ich verzweifelt.
„Lass dich krank schreiben, nimm dir Zeit für deine Mutter“, riet meine andere Kollegin.
Ich wartete, bis mein Chef kam und versuchte ihm in einigermaßen coolen Worten meine Situation zu erklären und bat um ein paar Tage Urlaub.
„Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!“
Mein Chef hatte mich überhaupt noch nie traurig und verzweifelt erlebt, sondern kannte nur eine humorvolle Frau, die immer gut drauf war.
Im Auto rief ich meinen Freund an. Normalerweise rief ich ihn nicht in seinem Büro an, da ich nichts davon hielt, sich während der Arbeitszeit zu stören. Außerdem hatte er es mir jahrelang verboten und war immer unfreundlich gewesen, wenn ich es doch mal gewagt hatte. Doch jetzt reagierte er verständnisvoll und versuchte mich zu beruhigen. Er riet mir ebenfalls, mich ein paar Tage krank schreiben zu lassen und schlug vor, Willi anzurufen und ihm zu sagen, dass ich am späteren Vormittag ins Krankenhaus fahren würde. Willi wollte möglichst stündlich auf dem Laufenden gehalten werden.
Ich rief bei meinem Arzt an und bat ganz dreist am Telefon um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Die Arzthelferin war sehr verständnisvoll und sagte, ich könne diese in einer halben Stunde abholen. Ich fuhr los und setzte mich ins Wartezimmer meines Arztes. Irgendwann wurde ich aufgerufen und ins Sprechzimmer gebeten. Ich sprach mit meinem Arzt über den Radiologiebefund meiner Mutter und das Ergebnis der Magenspiegelung.
„Ich habe diesen Professor G. gefragt, ob es noch eine kleine Hoffnung für Gutartigkeit gibt und er hat das deutlich verneint. Aber bei der Magenspiegelung hat er keinen Krebs gesehen!“
Ich sah meinen Arzt fragend an.
„Ich kenne den Befund nicht, aber Prof. G. ist einer der besten. Sie können froh sein, dass Ihre Mutter dort ist. Und wenn es Krebs ist, ich meine, ich habe ja im Johannes Hospiz zu tun, wir können ja mal sehen, was wir tun können.“
Er reichte mir die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, und ich fuhr zum Krankenhaus. Als ich in ihr Zimmer kam, fehlte das Bett. Sie war wohl noch bei der Spiegelung. Ich ging in die Caféteria und bestellte mir einen Kaffee. Danach ging ich wieder nach oben und sah gerade, wie meine Mutter in ihrem Bett über den Flur geschoben wurde. Sie hatte die Augen auf und ich sah zum ersten und vorvorletztem Mal, dass sie keine Zähne im Mund hatte. Ich zog mich zurück, denn ich wollte ihr ersparen, dass ich sie in diesem Zustand entdeckt hatte. Nach einer angemessenen Zeit des Wartens klopfte ich an die Zimmertür. Sie lächelte mich an, schien aber deutlich abgekämpft. Dieses Mal hatte es länger gedauert, sie hatte auch einiges mitbekommen und sie durfte auch nichts trinken. Sie konnte kaum sprechen, weil der Hals so trocken und malträtriert war. Ich hatte das Gefühl, es sei besser, sie erst einmal ein paar Stunden in Ruhe zu lassen. Sie nickte müde. Ich fuhr heim und telefonierte mit Willi, um ihn zu beruhigen. Er hatte beschlossen, am Nachmittag allein zu ihr zu fahren, doch sein Rücken machte ihm wieder solche Beschwerden. Also rief ich ihn am frühen Nachmittag wieder an, um ihm anzubieten, ihn mitzunehmen. Er konnte sich gar nicht rühren und wollte am nächsten Vormittag zum Orthopäden fahren und bis dahin in Ruhe gelassen werden. Nachmittags war meine Mutter wieder besser beieinander und berichtete, der Oberarzt hätte behauptet, er hielte die Veränderungen auf dem Röntgenbild für Gefäße, die dort nicht hingehörten.
„Kein Tumor?“, fragte ich gespannt.
„Er glaubt das nicht. Er sagte, er wolle heute Abend noch mal ein gründliches Ultraschall machen.“
„Mein Gott, das wäre ja Wahnsinn! Aber warum ist die Leber so dick? Wegen des Thrombus?“
„Ich weiß nicht. Ich hatte ja mal eine Gelbsucht. Vielleicht kommt das noch daher.“
Ich war richtig erleichtert, als ich an diesem Abend nach Hause fuhr und ich konnte auch am nächsten Morgen wieder arbeiten. Ich klammerte mich ganz fest an den positiven Verdacht des Oberarztes und daran, dass die Lungenaufnahme auch negativ gewesen war. Der Thrombus hatte die normale Durchblutung der Leber verhindert und so hatten sich die Gefäße einen anderen Weg gesucht und bildeten einen Kranz um die Leber herum. Diesen Kranz hatte das CT als Krebs identifiziert. Als ich nach der Arbeit zu ihr kam, war Willi da und sie strahlte mich an.
„Ich soll dich ganz herzlich grüßen..... vom Oberarzt!“
„Ich kenne den doch gar nicht“, erwiderte ich verdutzt.
Sie zeigte auf mein Buch, das auf ihrem Nachttisch lag.
„Er hat heute morgen einen Aderlass gemacht und dabei immer auf das Buch gesehen. Schließlich habe ich ihn gefragt, ob er es kennt. Da sagte er, er wisse einiges über die Kontaktstelle Sternschnuppe und diese Frau, die diese Initiative ins Leben gerufen habe. Es habe ja immer mal in der Zeitung gestanden. Vor einiger Zeit hatte eine Freundin von ihm eine Fehlgeburt und da habe er miterleben müssen, wie tragisch so etwas sei und dass die Babys richtig beerdigt würden. Ich habe ihm gesagt, dass du dafür gesorgt hättest, dass diese Beerdigungen auch nun anonym auf Lauheide möglich seien. Da wollte er wissen, ob das in dem Buch stünde und da hab ich gesagt, ich wisse es von der Autorin selbst, denn die sei meine Tochter!“
Welche Wandlung hatte meine Mutter durchgemacht! Als meine Skulptur eingeweiht wurde, war sie gänzlich uninteressiert gewesen und nicht gekommen. Ich war verlegen, wie immer, wenn mich jemand auf mein sogenanntes Ehrenamt ansprach und begann meine üblichen Fragen nach Schmerzen, weiterer Diagnostik und Therapie zu stellen. Sie hatte den ersten Aderlass bekommen, man hatte ihr 500ml Blut abgezapft und nun erhielt sie einen Liter NaCl. Willi sah mächtig angeschlagen aus, er war beim Orthopäden gewesen, der ihn mit Spritzen gepeinigt hatte. Aber er war stolz, selbst hierher gekommen zu sein und seine Frau einigermaßen munter und optimistisch gestimmt vorzufinden. Am Abend rief mich meine Mutter an und erzählte freudig, der Oberarzt habe noch einmal ein Ultraschall gemacht und sei sich jetzt sicher, dass es sich alles nur um Blutgefäße handele und sich nun auch mit dem Professor abstimmen wolle. Unendlich erleichtert konnte ich in dieser Nacht endlich mal wieder traumlos schlafen. Am nächsten Morgen telefonierte ich vom Büro aus gleich mit ihr und sie sagte, der Professor sei abends spät noch einmal zu ihr gekommen und habe ihr eine Knochenmarksbiopsie vorgeschlagen.
„Wieso das denn jetzt?“, fragte ich verwundert.
„Ja, ich weiß auch nicht so genau, vermutlich wegen des Blutbildes.“
„Ist man jetzt zur Anfangsdiagnose „Vorstufe von Leukämie“ zurückgekehrt? Wann soll denn die Biopsie gemacht werden und wer soll die durchführen?“
„Ich weiß nicht, ist ja auch egal, ich bin ja immer da.“ Diese Geduld passte so gar nicht zu ihr.
In der Frühstückspause schrieb ich eine Email an den Radiologen. Ich war mächtig sauer, dass dieser Mann gewissenlos vor einem langen Wochenende zwei alten Menschen so einen Befund in die Hand drückte, der zudem auch noch eine völlig verkehrte Diagnose enthielt. Knapp 30 Minuten später klingelte mein Handy und der Radiologe stellte sich meinen Vorwürfen. Er habe das getan, weil er sicher war, dass meine Mutter am Wochenende in die Notaufnahme käme und er ihr eine erneute Diagnostik ersparen wollte. Sein Arztbrief sei verschlossen gewesen und er könne nicht davon ausgehen, dass der Patient diesen Brief einfach öffnen würde.
„Ich bitte Sie! Wer hat denn wohl das Hauptinteresse daran, was in dem Brief steht und um wen geht es in dem Brief? Um den Patienten und die Zeiten sind ja wohl vorbei, wo der Patient kein Mitspracherecht und keinen Anspruch auf seine Unterlagen hat!“, ereiferte ich mich.
Der Radiologe war eigentlich sehr nett. Er gestand meinen Vorwürfen sogar eine gewisse Berechtigung zu.
„Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich natürlich anders vorgegangen. Ich wollte nicht, dass eine ganze Familie so ein traumatisches Wochenende erlebt, aber leider muss ich Ihnen sagen, dass ich zu meiner Diagnose stehe. Ich stehe im ständigen Kontakt mit Herrn Prof. G., aber an meiner Diagnose hat sich nichts geändert.“
„Sie stellen als Radiologe doch eigentlich keine Diagnosen sondern äußern Verdachte, oder irre ich mich da?“
„Nein, das ist richtig....“, gab er zu.
„Dann haben Sie sich bei meiner Mutter geirrt!“
„Ich wünsche es Ihrer Mutter sehr und ich habe absolut kein Problem damit, wenn ich mich hier vertan habe.“
Dass er nichts anderes sagen konnte, war auch klar, er wollte ja nicht unbedingt sein Gesicht verlieren, daher musste er weiterhin zu seinem Todesurteil stehen. Ich hatte seinen blöden Arztbrief mittlerweile gedanklich „in die Tonne gekloppt“.
Als ich abends bei meiner Mutter auftauchte, war die Biopsie bereits durchgeführt worden. Es hatte geschmerzt, aber sie beschwerte sich nicht. Ein weiterer Aderlass stand an und sie behauptete, dass ihr diese Blutentnahmen gut täten. Ich hatte wieder Mut und Zuversicht. Am Freitag Nachmittag fing es an zu schneien, und so stand ich am Samstag Morgen um 7 Uhr auf, fuhr nach Gremmendorf und schob vor dem Haus meiner Eltern den Schnee weg. Willi war immer noch leidend mit seinem Rücken. Mein Sohn war in diesen Tagen unausstehlich, wie meistens, und ich genoss daher die Stunden im Krankenhaus mit meiner Mutter. Hier kam ich seltsamerweise zur Ruhe, obwohl für mich im Allgemeinen Krankenhäuser unheimlich bedrohlich wirkten. Am Samstag morgen kam ich mal wieder in Begleitung meines Sohnes und meines Freundes und wir erlebten eine Überraschung, denn an der Tür zum Zimmer meiner Mutter hing ein Schild, dass Besucher sich bei der Schwester melden sollten. Ich erschrak fürchterlich, denn ich wusste, dass in der Nacht vorher eine Frau mit Vergiftungserscheinen im Nebenzimmer untergebracht worden war. Ja, meine Mutter habe sich übergeben und daher sollten wir alle sterile Kittel, Handschuhe und Mundschutz tragen, wenn wir zu ihr wollten. Julian fand das natürlich aufregend und sah urkomisch aus in seinem viel zu langen Kittel und dem Mundschutz, der Dreiviertel seines kleinen Gesichtes verdeckte. Meine Mutter lachte, als sie uns sah und machte überhaupt keinen „vergifteten“ Eindruck. Wir blieben nicht lange, es war für Julian zu anstrengend in dem engen Zimmer in dieser Verkleidung zu sitzen. Er wurde ungeduldig und dann unausstehlich. Bevor ich ihn deutlich zurecht weisen musste, gingen wir lieber und meine Mutter war natürlich sehr verständnisvoll. Es hatte sich auch Besuch für den Nachmittag angesagt. Als ich jedoch am Spätnachmittag anrief, war sie immer noch allein. Ich hatte wieder einen unerfreulichen Brief im Zusammenhang mit meinem Wohnungskauf erhalten und wollte daher jetzt erst in der Nachbarschaft mit den Grundstücksbesitzern ein dringendes Gespräch führen. Meine Mutter tröstete mich, so wie sie mich all die Jahre im Zusammenhang mit diesem unglückseligen Wohnungskauf immer wieder getröstet hatte. Ich hatte mir zwar schon lange abgewöhnt, mit Problemen zu ihr zu laufen, aber diese Wohnungsgeschichte hatten wir zusammen angefangen, indem sie mir ein Teil meines Erbes dafür auszahlte und somit immer natürlich auch ein großes Interesse daran hatte, dass sich alles zu einem guten Ende entwickelte. Da ich von Immobilienkäufen keine Ahnung hatte, war ich oft auf ihren Rat und ihre Erklärungen angewiesen und ich kann mir auch heute noch nicht vorstellen, wie ich diese unsägliche Geschichte ohne ihren moralischen Beistand nervlich durchstehen soll. Meine Krankheit, meine gescheiterte Ehe und meine Probleme mit meinem Freund hatte ich vor ihr weitgehend verbergen können und das war auch gut so gewesen. Es hätte sie viel zu viel Kraft gekostet, wenn sie alles hautnah mitbekommen hätte. Ich bin in meiner Beziehung zu Gerd durch eine sehr harte Schule gegangen und ich habe gelernt, dass es für mich besser ist, mich allein meinen Beziehungsproblemen zu stellen, anstatt andere mit hineinzuziehen. Natürlich habe ich Freunde und Freundinnen, an die ich mich wende, wenn ich mich aussprechen möchte, weil es zu dicke kommt, aber ich ziehe mich grundsätzlich erst einmal ganz zurück und versuche, mich allein einer schrecklichen, furcheinflößenden Situation zu stellen, bevor ich mich bei anderen ausheule. Meine Mutter hatte im Laufe der letzten beiden Jahre gelernt, mich mein Leben allein führen zu lassen, und sie hatte endlich das nötige Vertrauen entwickelt, dass ich nicht ohne ihre Einmischung beim kleinsten Problem scheitern würde. Sie wusste, dass ich nicht laut „Mami“ schreien würde, wenn ich nicht weiterkäme, aber ich wusste, dass ich dies konnte und sie würde mich nicht im Stich lassen. So gesehen war unsere Mutter-Tochter-Beziehung in den letzten beiden Jahren genauso geworden, wie ich sie mir immer erträumt hatte. Aber eigentlich war sie nur endlich normal geworden.
Als wir am Sonntag kamen, war die Schleuse aufgehoben und wir fanden meine Mutter zusammen mit Willi beim gemeinsamen Mittagessen vor.
„Die liebe Schwester Marion hat Willi auch gleich ein Essen vorgesetzt! Jetzt sitzen wir hier einträchtig und schlagen uns den Bauch voll!“, sagte sie lachend zur Begrüßung. Sie konnte also wieder besser essen und sie sprach auch kaum noch von Schmerzen und Übelkeit. Sie bekam nun Heparin-Spritzen, das Blut wurde langsam dünner und schien ihren Beschwerden damit beizukommen. Zum ersten Mal sprach ich von Entlassung.
„Ja, das habe ich auch gedacht. Ich muss ja nicht hier bleiben und auf das Knochenmarksbiopsieergebnis warten. Diese Spritzen kann mir ja auch Dr. E. geben und Schmerzmittel brauche ich kaum noch. Dazu muss ich eigentlich nicht hier liegen.“
Der Gedanke reifte in ihr und am Montag fragte sie den Arzt, der versprach, sich mit dem Kieler Pathologen in Verbindung zu setzen, welcher die Gewebeprobe untersuchen sollte. Am Dienstag hieß es dann, sie könne wahrscheinlich am Mittwoch entlassen werden, weil der Befund erst in einer Woche zu erwarten sei. Mittwoch morgen rief sie mich an und erzählte mir freudig, dass Willi sie gleich abholen würde. Es war der 3. März. Leider hörte sie nicht mehr auf das, was wir ihr gepredigt hatten und schaffte wieder wie eine Irre im Haushalt. Willi hatte weiter Rückenschmerzen und sie begann, ihn wie gewohnt zu versorgen. Am Freitag bekam ich von meiner Schwester eine Email:
„Irgendwas stimmt da nicht. Willi liegt flach und Mami rennt. Bin auch nicht immer da.“
Es war der 5. März. Am frühen Vormittag hatte ich zu meinem größten Entsetzen herausbekommen, dass mein Freund mich auf übelste Weise mal wieder hintergangen und belogen hatte. Wie immer in solchen Situationen war er dann natürlich nicht erreichbar, hatte sein Handy abgestellt und den AB ebenfalls. Er war auch nicht in Münster, so viel hatte ich herausbekommen. Wieder einmal hatte mir mein sechster Sinn gemeldet, dass er etwas tat, was mir/uns nicht gut tat und ich hatte den dummen Fehler gemacht, mich dieser Situation gleich zu stellen, anstatt einfach nichts zu tun und abzuwarten, welche Lügen er mir am nächsten Tage auftischen würde. Ich war durch die belastenden letzten Wochen so extrem dünnhäutig geworden, dass mich diese Sache total überforderte. Ich konnte nicht mehr arbeiten, ich zitterte nur noch und ließ mich schließlich von meiner Lieblingskollegin ins Tierhaus abholen, wo wir einen Tee tranken und ich meinen Tränen freien Lauf ließ. Sie war entsetzt und fragte mich nach seiner Handynummer.
„Mein Gott, was ist das für ein Schwein!“ Sie tippte ihm ein paar Zeilen, ich wusste, es war sinnlos, er stand grundsätzlich über den Vorwürfen anderer Menschen und war immer so sicher, absolut richtig gehandelt zu haben. Um halb elf rief meine Mutter an. Sie merkte an meiner Stimme, dass etwas nicht stimmte und ich schämte mich so sehr, weil ich ihr mein Herz ausschüttete. Sie war krank und ich heulte ihr die Ohren voll. Doch sie war nicht sauer, sondern hörte ruhig zu und sagte dann ganz langsam:
„Du musst Abschied nehmen, Rike, du musst dir einfach vorstellen, er wäre tot.“ „Aber dann könnte ich in Frieden Abschied nehmen. So muss ich immer damit rechnen, dass er mir begegnet, wenn man mal davon absieht, dass er mich nach seiner Rückkehr sowieso terrorisieren wird.“
„Das darfst du nicht zulassen. Ich weiß nicht viel über diesen Mann, nur das, was ich gelegentlich in homöopathischen Dosen von dir und Julian gehört habe, aber das, was er heute getan hat, ist unverzeihlich und das werde ich ihn auch wissen lassen.“
Zum ersten Mal hatte ich nicht mal was dagegen, dass sie sich einmischte. Am Abend saß ich bei ihr und weinte mich aus. Sie und Willi hörten sich die ganze Geschichte noch mal an und sie war immer noch ruhig und schimpfte nicht wie ich es eigentlich erwartet hatte. Früher hätte sie getobt, gewettert, und Willi und sie hätten sich so richtig schön hoch geschaukelt und nicht ein gutes Haar an Gerd gelassen. Doch sie suchte nach Gründen für sein Verhalten, sie versuchte tatsächlich, ihn zu entlasten. Leider gab es nicht ein einziges Entlastungsmoment und so blieb nur die Hoffnung, dass ich irgendwann mal den „Richtigen“ finden würde.
„Ich bin gern allein. Ich brauche mich nicht zu binden, ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Single-Dasein. Das glaubt mir zwar keiner, aber ich bin wirklich durch diese lange grauenvolle Gerd-Beziehung zur Einzelgängerin geworden und habe gelernt, das Alleinsein zu schätzen!“, erklärte ich meiner Mutter, die mich erstaunt und fast neidvoll ansah.
„Das ist toll, wenn es dann so ist. Das können die wenigsten.....“
Als ich ging, überkam mich wieder das schlechte Gewissen. Wie unglaublich egoistisch von mir, die beiden den halben Tag mit meinem Beziehungsmist zu behelligen. Ich nahm meine Mutter in den Arm und entschuldigte mich.
„Ach, mach dir keine Gedanken!“, sie legte den Arm um ihren Mann und strahlte mich an. „Uns beiden geht es doch gut, nicht wahr, Willi?“
Ein weiteres Bild, das ich mein Leben lang mit mir herumtragen werde. Außerdem gibt es ein Fax zu diesem 5. März, das meine Mutter – ich weiß nicht wie, denn sie hatte kein eigenes Faxgerät – an meinen Freund geschickt hat. Sie hat krakelig-aufgeregt auf meinen Krankenkassenblock, den ich ihr im Krankenhaus für ihre Notizen überlassen hatte, ein paar heftige und deutliche Worte an Gerd geschrieben. Nach ihrem Tod fand ich dieses Fax und habe es mitgenommen. Ich bin sehr stolz auf sie gewesen, dass sie sich so mutig vor mich stellte und ihm die Meinung gesagt hatte. Und ihre Botschaft war bei ihm angekommen. Zum ersten Mal hatte er sich Kritik zu Herzen genommen und sich geschämt. Als sie gestorben war und ich viele Wochen später ihr Handy bei mir hatte, um den Pincode herauszufinden, fand ich eine schamvolle short message, die er an meine Mutter geschickt hatte. Von dem Fax hatte er mir berichtet. Zum Inhalt hatte er geschwiegen, so dass ich es erst nach ihrem Tod kennen lernte. Eine letzte short message meiner Mutter habe ich auch noch auf meinem Handy, die sie mir am 6. März schickte, als ich bereits einen ganzen Tag und eine halbe Nacht mit Gerd diskutierte. Erst am 7. März schaffte ich es vormittags zu ihr zu kommen. Es war unser letztes vertrautes Gespräch. Wir saßen zusammen im Wintergarten und sie erzählte mir von ihren jahrzehnte zurückliegenden Problemen mit Willi. Dinge, die mir neu waren und die sie mir auf einmal anvertraute. Woher kam dieses Vertrauen? Sie war doch immer so souverän gewesen. Warum bekam ich jetzt plötzlich Schilderungen zu hören, die mir zeigten, dass meine Mutter eine Menge hatte einstecken und verzeihen müssen? Dass es Krach gegeben hatte, wusste ich natürlich, aber die Gründe waren mir weitgehend verborgen geblieben. Das hatte ich mich sowohl bei meinen Eltern als auch bei Willi und meiner Mutter immer gestört. Wir Töchter bekamen wüste Schreiereien mit, aber worum es ging, erzählte man uns nie. Plötzlich waren meine Eltern geschieden und wir Kinder wurden davon in Kenntnis gesetzt wie vom Kauf eines neuen Kleinwagen. Diese Ignoranz uns gegenüber hatte mich ziemlich lange gequält, und daher versuchte ich seit einigen Jahren, meinen Sohn kindgerecht einzuweihen, wenn er Auseinandersetzungen mitbekam.
Da er sich immer auf die Seite seiner Mutter schlägt, könnte man mein Verhalten als unfair und Beeinflussung auffassen. Aber es war stets Julian, der Gerd wieder zu uns holte, weil dieser ihm leid tat.
„Seine egoistischen Kinder kümmern sich doch nicht um ihn! Was ist, wenn er mal einen Rollerunfall hat? Oder wenn er sich was antut?“, so lauteten seine Befürchtungen. Gerd hatte häufig ziemlich bewusst Julian Mitleid erregt. Als meine Mutter erzählte, sah ich einige Szenen meiner Kindheit und Jugend vor mir. Auch mein Vater hatte geweint und wie ein gebrochener Mann im Wohnzimmer gesessen, während meine Oma seine Sachen packte, um ihn rauszuwerfen. Willi hatte sich später meine Vermittlungsversuche gern gefallen lassen, denn immer hatte er mir leid getan, wenn ich einen Streit mitbekommen hatte. Meine Mutter hatte nie geweint und mit hängenden Schultern herum gesessen. Sie hatte ständig irgendetwas getan und dabei geschimpft. Willi saß in seinem Zimmer, hatte entweder Migräne oder weinte. Natürlich hatte er mir leid getan und ich hatte ihn getröstet und mir keine Gedanken gemacht, wie es wohl in Wahrheit in meiner Mutter aussah. Heute spiele ich diese Szenen nach. Ich putze schimpfend die Wohnung und Gerd sitzt untätig da und schaut aus wie ein geprügelter Dackel. Selbstverständlich bin ich dann sehr schnell die Harte, die Böse, die Dominante und alle Beherrschende. Doch dass ich tief verletzt worden bin und eigentlich sehr gut das Recht hätte, weinend und klagend in der Ecke zu sitzen, sehen weder Julian noch Gerd. Ich bin die Meckerziege und die beiden Männer haben unter mir zu leiden. Am Ende mache ich beiden ein gutes Essen und habe ein schlechtes Gewissen. Bis zum nächsten Mal.
Meine Mutter hielt mir an diesem Vormittag den Spiegel vor, ohne es zu ahnen. Aber sie schaffte es damit, dass ich in den nächsten Tagen nicht schluckte und schluckte, bis ich überkochte, sondern, dass ich meine Ängste, meine Verletztheit und meine Verzweiflung äußerte. Damit konnte Gerd sogar umgehen, zumal ich in den nächsten Tage ängstlich meine Sorgen um meine Mutter zum Dauerthema machte. Ich war nicht stark, ich war schwach und anlehnungsbedürftig und er musste nichts weiter tun, als da sein und kostete meine Schwäche aus. Am Mittwoch, den 10. März musste meine Mutter wieder ins Krankenhaus, denn das Ergebnis des Blutbildes war da und der Professor wollte jetzt die Medikation mit ihr besprechen und diese auch stationär einleiten. Als ich nachmittags kam, war sie wieder auf einer anderen Station untergebracht, die ich nicht kannte und suchen musste. Sie hatte ein sehr großes Einzelzimmer. Sie saß in ihrem neuestem eleganten Hosenanzug am Fenster und der Professor saß auf der Bettkante.
„Ach, da ist wieder eine von meinen neugierigen Töchtern!“, bemerkte sie zufrieden, als ich hereinkam.
Das folgende Gespräch, war das letzte, das wir zu Dritt führten. Danach habe ich diesen Professor noch einmal gesehen, als meine Mutter bereits gestorben war. Das Gespräch verlief schleppend, und ich konnte mir nicht erklären, warum mir dieser Mann so unschlüssig, ja, sogar unsicher vorkam. Er erklärte meiner Mutter, wie immer mit kurzen Seitenblicken zu mir, dass ihr Blutbild noch grenzwertig sei und sie an einer Krankheit leide, die im ganz weiten Sinne einer Vorstufe von Leukämie zuzuordnen war. Er habe lange im Team überlegt, ob man ihr Medikamente geben solle, aber man sei sich einig, dass sie erst einmal nur Heparin-Spritzen bekommen sollte und sich in vier Wochen zu einer erneuten Spiegelung und einem weiteren CT vorstellen sollte. Er hoffe, dass der Befund dann deutlich besser sei. Diese relativ kurze Mitteilung kam sehr langatmig und umständlich herüber und ich wurde unruhig und wusste diese Situation nicht einzuschätzen. Der Arzt war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, warum nur brauchte er solange, um diese einfache Therapie vorzuschlagen? Meine Mutter schien es offenbar genau so zu gehen, denn sie fragte zweimal, ob sie nur Heparin-Spritzen bekäme und dann jetzt eigentlich nach Hause könne. Ja, das sei so richtig. Er wolle gern den neuen Aufnahmetermin mit ihr ausmachen und dann könne sie gehen. Er wolle den Hausarzt benachrichtigen.
„Das ist ja schön, dann kann meine Tochter mich ja mitnehmen!“
Ich nickte zustimmend.
Prof. G. druckste immer noch herum:
„Frau Hecker, ich hab so ein bisschen ein bedrückendes Gefühl in mir, weil ich damals auch an diese Leberkrebs-Diagnose geglaubt habe....“
Er sah mich an: „Sie haben mich damals so direkt gefragt und ich habe überhaupt keine Zweifel gehabt, dass es nichts Bösartiges sein könnte!“, er sah mich entschuldigend an.
„Niemand hatte den geringsten Zweifel, dieser Befund war so totsicher gestellt, im wahrsten Sinne des Wortes...!“, erwiderte ich und war beeindruckt von soviel Menschlichkeit. Er gestand seine Schuld ein und das fand ich bemerkenswert als Mann in seiner Position.
Er schaute meine Mutter an:
„Sind Sie stark traumatisiert dadurch?“
„Nein, nein, ich hab das irgendwie gar nicht realisiert. Meine Tochter sagte zum Beispiel, ich hätte zuhause gesagt, ich käme ja wohl nie zurück. Daran erinnere ich mich nicht mal mehr. Nein, das ist nicht schlimm gewesen!“, sagte sie freundlich und ich traute mal wieder meinen Ohren nicht.
„Ich habe es voll realisiert, zwei Kilo abgenommen, nur geheult, nicht mehr geschlafen und miserabel gearbeitet, aber jetzt ist ja alles vorbei!“, sagte ich leise, denn vorwurfsvoll traute ich mich nicht. Das hatte der nette Professor auch nicht verdient.
Wir packten die Sachen meiner Mutter zusammen und warteten noch auf die Assistenzärztin, die meiner Mutter den 14. April für das nächste CT und die erneute stationäre Aufnahme mitteilte. Ich nahm die Tasche, fasste meine Mutter am Arm und wir gingen langsam zum Ausgang. Mein Auto stand wieder im Parkhaus auf derselben Etage, ja sogar in derselben Reihe wie am Freitag vor Rosenmontag, als ich sie mit ihrem Todesurteil hierher brachte. Mein Wunsch, sie wieder mitnehmen zu können, war in Erfüllung gegangen, aber irgendetwas stimmte nicht. Meine Mutter wirkte bedrückt und war ausgesprochen still. Ich versuchte, small talk zu machen, aber sie ging nicht darauf ein. Leider hatte ich es auch sehr eilig und konnte nicht mehr bei ihr und Willi bleiben.
„Erhol dich von dem Tag, ich rufe dich morgen früh an!“
Ich umarmte sie, streichelte ihre eiskalte kleine Hand und fuhr mit einem nicht definierbaren Unbehagen nach Hause.
Am nächsten Morgen telefonierten wir recht früh. Sie war immer noch bedrückt.
„Ich habe schlecht geschlafen“, klagte sie.
„Vermutlich hängt mir das jetzt alles nach oder kommt nun hoch, ich weiß es nicht. Ist ja auch egal....“, seufzte sie.
„Mami, denk da nicht mehr daran, es ist vorbei! Ich hatte mir so gewünscht, dich wieder nach Hause fahren zu können und ich war so glücklich gestern, dass es wirklich dazu gekommen ist. Du musst doch nur eine Spritze am Tag bekommen und kannst dein Leben so führen wie bisher – wenn man mal davon absieht, dass du nicht mehr schuften darfst und eine tägliche Hilfe im Haushalt brauchst!“
Wir redeten noch ein wenig, ich hatte keine Erklärung für diese depressive Stimmung meiner Mutter. Mein Büroalltag holte mich aber sehr schnell ein, und ich hatte keine Zeit mehr für trübe Gedanken. Um elf Uhr klingelte das Telefon und ich erkannte sofort die Handynummer meiner Mutter im display.
„Mami, was ist?“
„Reg dich nicht auf, ich muss wieder ins Krankenhaus. Ich habe Blut im Stuhl. War bei Dr. E. Der sagt, es sei sicher nicht schlimm, aber ich müsste wieder rein. Er hat schon den Professor angerufen. Ah, Mann, ich habe keine Lust, wieder zurückzugehen!“, klagte sie berechtigt.
„Soll ich mir frei nehmen?“
„Nein, nein, Willi bringt mich schon, das schafft er jetzt wohl. Meine Tasche ist ja noch nicht mal ausgepackt....“, sagte sie wehmütig.
„Ich komme sofort nach dem Büro zu dir!“
„Es tut mir leid, jetzt mache ich euch wieder Scherereien!“
Das waren die letzten Worte, die meine Mutter zu mir sagte. Danach habe ich nie wieder mit ihr sprechen können. Als ich sie wiedersah, war sie schon bewusstlos, bzw. im künstlichen Koma.
Um halb drei rief Willi mich an und schrie wie ein Irrer!
„Deine Mutter hat Blut gebrochen und wird jetzt notoperiert. Ich kann nicht mehr. Ich war die ganze Zeit dort! Und du sitzt im Büro und kümmerst dich um nichts!“
„Was ist denn los? Ich weiß doch gar nichts. Wo bist du denn jetzt?“, ich war grenzenlos geschockt.
„Zuhause! Ich kann nicht mehr! Aber ihr habt ja alle was Besseres zu tun!“ Willi war immer ungerecht, wenn er überfordert war.
„Ich habe einen Job, den habe ich ausgeübt. Mehr nicht. Wo ist meine Mutter?“
„Auf der Intensivstation. Sie hat drei Schalen Blut gebrochen! Sie stirbt!“
Dieses Gespräch machte keinen Sinn. Ich verabschiedete mich knapp und rannte aus dem Büro. Um mich herum standen zwar gerade ein Heini von der Technikzentrale, der mir schon den halben Tag mit einer neuen Telefonschaltung auf die Nerven ging und der Kustos des Hauses, der auch mal wieder etwas Brandeiliges für mich hatte.
„Meine Mutter ist totkrank. Ich muss weg!“
Ich schob mich zwischen den beiden hindurch, rannte auf dem Flur noch einem Kollegen in die Arme, den ich bat, mich für die letzten 30 Minuten meiner offiziellen Arbeitszeit zu entschuldigen, und raste zu meinem Auto. Im Laufen tippte ich meiner Schwester eine sm, die sinngemäß lautete: `Mami Not-Op, Willi dreht durch, ich fahre zum Franziskus!` Meine Schwester antwortete umgehend mit „ich komme jetzt auch“. Gott sei Dank!
Wir trafen beinahe zeitgleich ein und rannten auf die Intensivstation. Wir klingelten und eine Schwester öffnete uns. Wir stellten uns vor und fragten nach unserer Mutter. Sie verschwand wieder und wir warteten weiter. Ein paar Meter weiter saß eine junge weinende Frau, die von einer älteren tröstend immer wieder in die Arme genommen wurde.
Die Tür ging wieder auf, ein junger blonder, braun gebrannter Arzt holte uns herein.
„Ihre Mutter ist von Professor G. operiert worden. Es handelte sich um eine relativ kleine Blutung, die jetzt steht. Wir haben Ihre Mutter im künstlichen Schlaf behalten, damit die Strapazen für sie nicht so groß werden. Morgen früh werden wir noch einmal spiegeln. Wenn dann alles gut ist, kann sie aufgeweckt werden“, erklärte er freundlich.
„Wird sie beatmet?“, fragte ich.
Er nickte und wir erschraken heftig.
„Das sieht schlimmer aus, als es ist. Es ist besser für sie, so hat sie keine Schmerzen und wir haben jederzeit wieder Zugang, falls noch mal eine Blutung auftritt!“
Ich spürte das Zittern meiner Schwester und hätte gern meinen Arm um sie gelegt. Sie hatte im Gegensatz zu mir einen gesunden Horror vor all diesen schrecklichen Krankenhausapparaturen.
„Kann ich zu ihr?“, fragte ich vorsichtig.
Dr. F. nickte.
Meine Schwester hatte Tränen in den Augen.
„Ich warte draußen, ich kann das nicht.“
„Das ist doch völlig okay. Ich muss zu ihr, ich kann auch nicht anders!“, erwiderte ich.
Dr. F. brachte mich zu meiner Mutter. Sie lag mit einem dicken Schlauch im Mund und an piepsende Geräte angeschlossen, mit geschlossenen Augen und leichenblass in einem hohen Bett. In dem Moment, als ich den Raum betrat, fing sie an zu würgen und der Arzt holte eine Schwester.
„Wir müssen sie noch mal absaugen, da kommt noch Blut“, erklärte er entschuldigend.
„Warten Sie doch noch einen Moment draußen.“
„Ich kann das sehen, das macht mir nichts.“ Und es machte mir wirklich nichts aus. Ich empfand keinen Ekel, ich hatte seltsamerweise auch keine Angst. Es war nur alles so fremd, dass ich es nicht begriff. Da lag meine Mutter, nicht ansprechbar, würgend, mit Schläuchen im Hals und in der Nase und konnte sich nicht wehren. Sie sah mich nicht an, sie lächelte mich nicht an, sie war ein willenloses Bündel Mensch, das hier mithilfe modernster Geräte am Leben erhalten wurde. Sie war nicht mehr meine Mutter, aber unerklärlicherweise spürte ich seit vielen, ungezählten Jahren endlich wieder eine tiefe Liebe zu ihr. Liebe und grenzenloses Mitleid für diese unwürdige Situation, in der sie hier vegetierte. Meine eitle, superschöne und stets so elegante Mutter lag hier röchelnd, im blutverschmierten Krankenhaushemd, ein Watteröllchen zwischen den Lippen des zahnlosen Mundes. Ich nahm vorsichtig ihre Hand, während Schwester und Arzt den blutigen Schleim absaugten. Ein Geräusch, das jeder von uns vom Zahnarztbesuch kennt. Man sprach nicht mit ihr, man hantierte nur an ihr herum und das störte mich sehr. Als die Schwester fort war, sprach der Arzt mit einem Kollegen über die durchgeführten Therapien. Ich beugte mich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die kalte Stirn und suchte die Hand unter der Bettdecke. Sie war seltsamerweise einigermaßen warm. Ich kannte meine Mutter nur mit eiskalten Händen.
„Sie hat warme Hände!“, bemerkte ich schüchtern.
„Ja, es geht ihr gut!“ Der junge Arzt war sofort wieder an meiner Seite und wartete ab, ob ich noch Fragen hatte. Ich hatte Millionen Fragen, hatte aber Angst vor den Antworten. Manchmal ist Ungewissheit so tröstend.
„Sie würgt noch. Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?“ fragte ich schließlich den aufmerksamen jungen Arzt.
„Ja, der Würgereflex ist ganz normal, sie wehrt sich gegen den Schlauch, aber, keine Angst, sie merkt das nicht. Sie wird nicht gequält. Es ist wirklich besser für sie, dass sie schlafen kann.“
„Meinen Sie, dass sie spürt, dass ich da bin?“ Ich hatte vorsichtig meine Hand und die Bettdecke geschoben und umklammerte ihre warmen Finger.
„Das weiß man nicht, ich glaube schon, dass es gut für sie ist, dass Sie bei ihr sind!“ Ob er das wirklich glaubte?
„Da ist der Mann von Frau Hecker am Telefon!“ Ein anderer Arzt erschien und sah Dr. F. hilflos an.
„Ich rede mit ihm!“, bestimmte ich. „Wo ist das Telefon?“
Dr. F. begleitete mich. Ich versuchte irgendwie, Willi zu beruhigen, machte ihm Mut, dass alles gut würde, dass sie es schaffen könnte und dass ihr hier nichts passieren könnte.
„Er hat sicher schon sehr oft angerufen?“, fragte ich Dr. F.
„Ja, allerdings!“
„Bitte, rufen Sie mich an, wenn.....wenn etwas passiert. Nur mich! Nicht ihn, nicht meine Schwester. Ich möchte nicht, dass sie überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt. Wenn etwas passiert, dann möchte ich, dass sie es so vorsichtig wie möglich erfährt. Und er auch.“
Ich war ziemlich großspurig, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte, ab sofort auf das Telefon zu lauern!
Man notierte meine Telefonnummern und ich ging zurück zu meiner Mutter, die gerade mal unbeaufsichtigt war. Ich umarmte sie, so gut es ging, ich streichelte ihre Wangen, und ich flüsterte leise mit ihr:
„Mami, du musst durchhalten. Du darfst uns noch nicht verlassen. Wir beide haben doch erst gerade zueinander gefunden. Bitte, bitte, gib uns noch etwas Zeit. Bitte, sei weiter so stark, bitte geh nicht. Dein Mann braucht dich, er ist so tapfer, aber er kann doch nicht ohne dich leben. Und deine Enkelkinder, dein kleiner dicker Julian, der hat doch kaum Verwandte!“
Ich konnte die Tränen leider nicht zurückhalten. Sie tropften auf ihr Bett. Eine Schwester kam rein und sah mich vorwurfsvoll an. Was hatte die so blöd zu gucken? Weil ich mit einer Bewusstlosen sprach oder weil ich weinte?
Ich küsste meine Mutter und nahm zart den Geruch ihres Parfums und der Yves-Rocher-Antifaltencreme auf.
Draußen standen meine Schwester und ihr Mann. Meine Schwester weinte.
„Ich schäm mich so, dass ich da nicht reingehen mag!“
Dieses Bekenntnis traf mich tief und ich hätte sie so gern in die Arme genommen, aber ich traute mich nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihr das vorzuwerfen und war total entsetzt, dass sie sich offensichtlich quälte.
„Das brauchst du doch nicht!!! Steffi, bitte, es ist doch völlig okay, wenn du das nicht willst. Das ist doch keine Schwäche! Und, es ist kein schöner Anblick. Es ist so...so unwürdig. Es reicht, wenn eine sie so gesehen hat.“
Hilflos suchte ich die passenden Worte.
Zuhause empfing mich mein Freund humpelnd und mit schmerzverzerrter Miene. Er war morgens vom Roller gestürzt und sein Knie sah böse aus. Ich packte ihn sofort ins Auto und brachte ihn zu unserem Hausarzt. Julian und ich warteten geduldig, bis er mit einer Überweisung für die chirugische Ambulanz aus dem Sprechzimmer kam. Also fuhren wir wieder zum Krankenhaus. Gerd saß in der Notaufnahme und wartete erst einmal endlos. Julian rannte aufgeregt herum, die Warterei zerrte an den Nerven. Schließlich ging ich zur Intensivstation und fragte nach meiner Mutter.
„Bitte warten Sie zehn Minuten, wir legen ihr gerade einen Venenkatheter“, erklärte mir die Schwester und ich ging wieder in die Notaufnahme.
Dort hatte sich noch nichts bewegt. Gerd saß immer noch auf dem Behandlungstisch und Julian hockte vor ihm. Also warteten wir hier eine weitere Viertelstunde. Es rührte sich nichts. Ich ging wieder nach oben. Dort ließ man mich immer noch nicht zu meiner Mutter. Es würde noch dauern. Ich lief wieder nach unten. Alles unverändert, die Notaufnahme war wie ausgestorben.
„Mami, ich hab ein bisschen Hunger!“
„Komm, Juli, wir besorgen dir was zu essen!“
Ich nahm die ewig-klebrige weiche Kinderhand in meine und wir trabten über die Flure und suchten Automaten mit etwas Essbaren. Ich schaffte es sogar, mir einen lauwarmen Milchkaffee zu ziehen und Julian bekam einen Mini-Hot-Dog.
Bei Gerd hatte sich nichts verändert. Julian setzte sich wieder vor Gerds blutendes Knie und betrachtete es interessiert, während ich mich im Flur umsah, ob überhaupt ein Arzt da war. Da lief mir Dr. F. von der ITS über den Weg.
„Was machen Sie denn hier?“ fragte er erstaunt.
„Ich habe noch einen „Patienten“ hier, nur der wird leider wenig beachtet.“
„Wir haben drei Herzinfarkte gleichzeitig bekommen, das kann hier noch dauern! Das tut mir jetzt leid für Sie!“
Na, das war wenigstens mal eine Auskunft. Vielleicht sollten wir uns hier gleich für die Nacht einrichten.
Ich ging erst mal wieder nach oben. Mittlerweile murkste man seit über einer Stunde an meiner Mutter herum und ich wurde nervös.
„Ich will jetzt sofort zu meiner Mutter! Egal, was da jetzt veranstaltet wird, ich WILL sie jetzt sehen!“
Wortlos holte mich die Schwester herein.
Ein Arzt erklärte mir nuschelnd, sie habe ein „Venenproblem“ oder sei ausgetrocknet, daher habe es nicht geklappt, ihr einen Katheter zu legen. Aber der alte Zugang in der Armbeuge sei erhalten geblieben.
Bevor ich fragen konnte, was das für ein „Venenproblem“ war, verschwand der Mann wieder.
Meine Mutter war grau im Gesicht und sah mächtig mitgenommen aus. Sie hatte in den letzten Stunden deutlich abgebaut und ich erschrak fürchterlich. Ich nahm ihre Hand, sie war eiskalt. Ich sprach leise mit ihr, flehte sie an, noch durchzuhalten und begann vorsichtig, ihre eiskalten Finger zu massieren. Voller Entsetzten sah ich zwei dicke Verbände rechts und links am Hals. Der gescheiterte Venenkatheter!
„Mami, Mami, was haben die mit dir gemacht! Die tun dir so weh. Du musst dich wehren!“
Eine Schwester kam und sah mich entgeistert an.
„Warum sprechen Sie denn mit ihr? Sie hört Sie doch nicht!“
„Woher wollen Sie das wissen? Wer sagt Ihnen, dass sie nicht spürt, dass ich mit ihr spreche?“, giftete ich los.
Die Schwester antwortete nicht. Kurze Zeit später erschien sie wieder und sagte laut:
„Frau Hecker, ich muss Sie jetzt mal pieksen!“
Sie nahm ihr einen Tropfen Blut aus dem Finger ab.
„So, das war es schon, das tat doch nicht weh?“
Sie sah mich provozierend an und verschwand.
Ich blieb solange, bis die eiskalte Hand warm wurde. Tief deprimiert verließ ich den Raum. Dr. F. stand plötzlich wieder da.
„Sie stirbt. Ich weiß es“, sagte ich traurig.
„Nein, es geht ihr gut, kein Grund zur Aufregung!“
„Sie würgt nicht mehr. Der Schlauch stört sie nicht mehr. Sie ist morgen tot.“
Der Arzt widersprach mir nicht. Er sah mich erstaunt an und sagte dann nachdenklich:
„Manchmal spüren die Angehörigen mehr, als wir Mediziner wissen können. Ich hoffe sehr, dass Sie sich irren!“
Er berührte sanft meine Schulter.
„Sie rufen mich an!“
Es war eine Feststellung, nicht mal mehr eine Frage.
Vor der Tür setzte ich mich auf den Boden und weinte lange und lautlos. Dann ging ich hinunter zu Gerd und Julian. Dort hatte sich endlich etwas getan. Eine Ärztin hatte Gerd untersucht und er wollte sich gerade zum Röntgen aufmachen. Julian stützte ihn.
Eine Stunde später waren wir endlich zu Hause. Es war nach 21 Uhr, Gerd hatte über zweieinhalb Stunden in der Notaufnahme und beim Röntgen gehockt, um zu erfahren, dass er am nächsten Morgen zum MRT wiederkommen sollte. Julian war totmüde, ich versprach ihm, dass er am nächsten Tag von mir in der Schule lentschuldigt würde. Gerd legte sich stöhnend ins Bett. Ich war hellwach, ich wusste, es war die letzte Nacht im Leben meiner Mutter. Das Telefon lag neben mir, ich lag Stunde um Stunde und rechnete mit dem Klingeln. Gegen Morgen schlief ich ein, um halb acht war ich wieder wach und rief sofort auf der Station an.
„Sie hat die Nacht ganz gut überstanden, die Blutmenge stimmt noch. Wir haben ihr eine Bluttransfusion gegeben“, erklärte die Schwester.
Ich saß auf der Bettkante und überlegte.
„Was ist?“, fragte Gerd.
„Sie bekommt doch jetzt eine Embolie?“, überlegte ich.
„Sie haben ihr eine Transfusion gegeben, also wird sie eine Embolie bekommen!“
Gerd wusste nicht, was er antworten sollte und ging hilflos ins Bad.
Zwei Stunden später, ich war angezogen und saß beim Frühstück, klingelte das Telefon.
„Ihre Mutter hat jetzt Probleme mit dem Herzen und der Lunge! Wenn Sie sie noch einmal sehen möchten....“, es war dieselbe Stimme wie zwei Stunden zuvor.
„Sie stirbt! Meine Mutter stirbt. Wir müssen uns beeilen!“
Ich sprach meiner Schwester auf Band und wartete verzweifelt auf Gerd, der mal wieder nicht in die Gänge kam.
„Beeil dich, bitte, ich will sie noch einmal lebend sehen!“
Julian weinte.
„Meine Omi stirbt jetzt? Nein, meine Omi soll noch nicht sterben!“
Ich nahm ihn in die Arme.
„Ich bringe dich jetzt zu Papa, hab keine Angst, kleiner Julian!“
An die Fahrt zum Krankenhaus kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich selbst oder ob Gerd gefahren ist. Ich meine, Julian hätte hinten leise gewimmert.
Als ich auf die Station stürzte, war meine Schwester schon da. Ich sah eine Tür, die schon immer da gewesen war, deren Aufschrift ich jedoch jetzt erst realisierte. „Verabschiedungsraum“.
„Wie schrecklich“, flüsterte ich Steffi zu. „Stell dir vor, da kommt sie mal rein!“
Meine Schwester hatte geklingelt. Plötzlich stand ein junger Pfleger vor uns.
Er hatte blaue Kleidung an und erzählte irgendetwas, dass er vom Frühstück käme.
„Wir wollen zu Frau Hecker!“ forderte ich.
„Setzen Sie sich erst mal. Ich komme gerade vom Frühstück“, sagte der blaue Typ wieder.
„Wollen Sie einen Arzt sprechen?“
„Ich will zu meiner Mutter!“ Ich schrie fast.
„Beruhigen Sie sich. Ein Arzt kommt gleich!“
„Ist sie tot?“ Jetzt schrie ich und der blaue Junge nickte.
Steffi und ich sanken gleichzeitig nebeneinander auf die Knie. Während meine Schwester leise und unauffällig weinte, schluchzte ich hysterisch. Der Pfleger versuchte, mich zu beruhigen, legte mir die Hand auf die Schulter, die ich energisch abschüttelte.
„Ich will zu ihr! Sofort!“, forderte ich. Dann sah ich wieder dieses Schild, direkt gegenüber.
„Ist sie...?“ Der Pfleger nickte und brachte mich die paar Meter über den Flur. Er öffnete die Tür und ich schaute vorsichtig hinein. Sie lag in einem weißen Bett, man hatte ihr die Hände gefaltet. Auf dem Handrücken klebte noch ein dicker Tupfer. Ich ging hinein, zog einen Stuhl nah an ihr Bett und legte meine Arme um sie. Sie war warm und weich. Ich weinte und hielt sie fest. Der Pfleger war noch da und wollte erklären, was geschehen war. Die Hand meiner Schwester tauchte auf, sie berührte zart die gefalteten Hände meiner Mutter und ich wusste, dass sie mit dieser Berührung über sich hinausgewachsen war. Ich hörte, wie sie leise sagte:
„Mami, Mami, warum hast du uns das angetan!“
Der Pfleger stand immer noch da und ich bat ihn zu gehen. Er nickte und sagte, ich könne mindestens noch zwei Stunden hier bei ihr bleiben. Plötzlich überkam mich eine unglaubliche Ruhe, ich legte meinen Kopf auf die Schulter meiner Mutter und weinte leise. Zwei Stunden nur. Ich hatte nicht vor, auch nur eine Minute davon abzugeben. Die Tür war angelehnt. Meine Schwester umarmte mich von hinten.
„Rike, komm!“ Es war das erste Mal seit ungezählten Jahren, dass meine Schwester mich umarmte. Gut, ich war nicht allein. Sie war wieder da, meine große Schwester.
„Ich möchte noch ein bisschen hier bleiben, ja?“ Sie nickte und ging hinaus. Ich sah hinter ihr her. Gerd stand dort, bleich, erschüttert. Ich ging kurz zu ihm.
„Geh du ruhig zum Röntgen. Das muss ja geklärt werden und ich muss noch hier bleiben.“ Ich wusste, dass er meinen Wunsch verstand.
Ich saß vor ihr, starrte auf den Brustkorb, der sich nicht mehr hob und senkte und hatte immer das Gefühl, sie müsse die Augen öffnen und mich anlächeln. Man hatte ihr ein gelbes Handtuch um den Hals gewickelt. Ich zog es ein wenig zur Seite und sah die Spuren des missglückten Venenkatheters an beiden Seiten des Halses. Ich traute mich noch nicht, diese Pflaster abzunehmen, weil ich Angst hatte, sie könne noch bluten. Aber die Verklebung vom Handrücken und aus der Armbeuge nahm ich ab. Ihre Finger waren wächsern und geschwollen. Auch der Bauch schien unnatürlich aufgebläht. Später erfuhr ich, dass sie von acht Litern zugeführter Flüssigkeit gerade mal einen Liter ausgeschieden hatte. Sämtliche Organe hatten nach und nach ihren Dienst versagt. Multiorganversagen. Doch in dieser Stunde interessierte mich das Medizinische überhaupt nicht. Ich versuchte, irgendwie noch etwas Wärme, etwas Lebendiges meiner Mutter mitzunehmen und klammerte mich daher an sie.
„Du kommst hinter mein Sternchenfeld und dann passt du da oben auf meine Regine auf. Die ist schon so lange allein. Jetzt hat sie endlich ihre Omi bei sich.“ Plötzlich legte wieder jemand seine Hand auf meine Schulter. Der Professor hatte den Raum betreten. Er sah sehr traurig aus.
„Ich habe es gewusst, aber ich hätte mir so gern noch etwas Zeit gewünscht mit ihr“, erklärte ich.
„Es tut mir so leid, ich hätte Ihnen gern noch Zeit gegönnt.“ Er sah ein wenig hilflos aus und setzte sich vorsichtig auf den zweiten Stuhl.
„Was war es? Embolie?“, fragte ich, nur um etwas zu sagen, denn im Grunde störte mich jeder Fremde in der kurzen Zeit, die ich noch mit ihr hatte.
Er nickte.
„Vermutlich. Ihre Mutter litt am myeloproliferativen Syndrom!“ Okay, irgendeinen Namen musste der Tod ja haben. Hier und jetzt interessierte mich das wirklich nicht. Ich war froh, als sich die Tür wieder öffnete und meine Schwester mit verweintem Gesicht hineinsah. Der Professor wünschte auch ihr sein Beileid und fragte uns dann, ob wir eine Obduktion wünschten. Wir verneinten beide vehement.
„Wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie gern zu mir nach unten in mein Büro“, bot er an.
Ich war froh, dass meine Schwester das übernahm, denn sicher war es später wichtig, dass man einer von uns ihren Tod erklärt hatte. Ich schaute auf die Uhr. Schon eine Dreiviertelstunde war um. Ich hatte nun nur noch eine gute Stunde. Wieder legte ich meinen Kopf auf ihre Schulter und spürte ihr Schlüsselbein an meiner Wange. Sie war so dünn, so zart und so schön. Auch im Tod und mit 80 Jahren war sie noch immer eine wunderschöne Frau. Die wohl geformten Hände, die gepflegten Nägel und die frisch gefärbten Haare. Ja, sie war vor dem zweiten Krankenhausaufenthalt noch zum Friseur gegangen. Meine schöne, eitle Mutter.....
„Kannst du nicht die Augen noch einmal öffnen? Bitte, bitte, meine Mami! Sag noch einmal „Süße“ zu mir!“, flehte ich wieder weinend.
Und wieder ging die Tür auf. Gerd stand da.
„Darf ich reinkommen?“
Ich nickte.
Er hatte auch geweint und schaute voller Erschütterung auf die tote Frau, die ihn nicht besonders gemocht, ihn aber als meinen Lebenspartner akzeptiert hatte und ihn ihre Abneigung nie hatte spüren können. Gerd legte seine Hand auf ihre gefalteten Hände.
„Lass mich noch etwas mit ihr allein, bitte“, bat ich und er ging wieder.
Ich streichelte wieder ihr Gesicht und fühlte, wie sie kalt wurde. Alles, was meine Mutter ausgemacht hatte, schien ihren Körper zu verlassen. Die Hände waren schon kalt und auch ich begann zu frieren. Sie ging nun langsam weg von mir und ich konnte sie nicht aufhalten.
Mein Handy klingelte.
„Hier ist Willi. Rike, ist etwas nicht in Ordnung? Ich hab solange nichts gehört.“
Ich starrte auf meine tote Mutter. Ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ich am Bett seiner toten Frau saß.
„Es ist alles in Ordnung. Ich bin....ich bin auf der Intensivstation, da konnte ich nicht telefonieren. Aber ich komme jetzt gleich zu dir....“, log ich unbeholfen. Ich stand auf, küsste sie ein letztes Mal auf die kalte Wange und prägte mir dieses letzte Bild ein.
Heute, wo ich die Trauer ihres Mannes in Frage stelle, bin ich traurig um die Zeit, die ich nun nicht mehr mit ihr verbracht hatte, weil ich das verdammte Pflichtgefühl hatte, ihn nun zuhause vom Tod seiner Frau unterrichten zu müssen und bei ihm zu bleiben.
Meine Schwester kam gerade wieder nach oben. Gerd entdeckte ich am anderen Ende des Ganges.
„Willi hat mich angerufen, ich konnte es ihm nicht sagen. Ich muss jetzt hinfahren und mit ihm sprechen“, erklärte ich verzweifelt.
„Ich komme mit. Nono ist auch schon unterwegs“, sagte meine Schwester.
Wir verließen zusammen das Krankenhaus, während Gerd noch blieb, da er immer noch auf das Ergebnis seines MRT´s wartete. Er wollte dann mit meinem Auto nachkommen.
Meine Schwester hatte einen Strafmandat, den sie achtlos zu Boden warf. Im Auto gab sie mir ihr Handy und bat mich, ihre Freundin in Berlin anzurufen, die Bastian, Steffis Sohn unterrichten sollte, der zurzeit ein Praktikum in Berlin machte. Ich suchte die Telefonnummer in ihrem Handy und dachte darüber nach, wie vertrauensvoll das war. Mein Freund, den ich über sieben Jahre kannte, hielt sein Handy immer versteckt und wäre ums Verrecken nie auf die Idee gekommen, mich an seine Handydaten zu lassen. Niemals hatte ich erlebt, dass sein Handy offen herum lag und niemals hatte er in meiner Gegenwart nachgesehen, ob z. B. eine short message angekommen war. Nachdem ich mit Ulla, Steffis Freundin gesprochen hatte, rief ich noch Dr. E. an, um ihn zu bitten, Herrn Hecker aufzusuchen. Da erfuhr ich, dass dieser bereits unterwegs war, weil der Professor ihn schon angerufen hatte.
Die nächsten Stunden waren ein Alptraum, und da ich heute die damalige Trauer von Herrn Hecker nicht mehr als solche anerkenne, möchte ich meine Erinnerung an diese Stunden, in denen sich jedes einzelne Familienmitglied mit 100%-igem Einsatz um ihn bemühte, nicht mehr aufschreiben und nur noch verdrängen. So wie ich auch diesen Mann nur noch als Ehemann meiner Mutter bezeichne und mich selbst deutlich von ihm distanziere. Am Nachmittag war ich mit Steffi und Gerd beim Bestatter. Ich hatte mittags Herrn Lindemann von Stokkelaer angerufen, von dem ich wusste, das er äußerst sensibel und zuverlässig ist. Er holte meine Mutter sofort aus dem Krankenhaus und stand nachmittags zu unserer Verfügung. Jeder, der einmal eine Beerdigung arrangiert hat, wird wissen, dass man all diese notwendigen Dinge wie in Trance erledigt und irgendwie „neben sich steht“. Wir suchten einen Spruch für die Traueranzeige aus, wir suchten die Karten aus, den Blumenschmuck, und wir wählten einen Sarg aus. Es gab keine Differenzen, wir waren uns in allem sehr schnell einig. Das hatte nichts damit zu tun, dass es uns relativ gleichgültig war, wie die Bestattungszeremonie unserer Mutter aussehen sollte, sondern wohl eher damit, dass wir tatsächlich übereinstimmten. Nach so vielen Jahren des Schweigens war das erstaunlich-schön. Meine Schwester wollte, dass statt Blumen Geldspenden für meine Kontaktstelle erbeten wurden. Diese Idee rührte mich total. Die Beerdigung legten wir auf Mittwoch, den 17. März fest. Auch meine Oma war freitags gestorben und mittwochs beerdigt worden. Meine kleine Regine war ebenfalls an einem Freitag tot auf die Welt gekommen.
Am Samstag, 13. März konnte ich meine Mutter in der Aufbewahrungshalle des Bestatters besuchen. Ich hatte veranlasst, dass man ihr den Hosenanzug anzog, den sie am 10. März im Krankenhaus getragen hatte. Man führte mich die Treppen herab. Ich hatte plötzlich unerträgliche Angst, meine tote Mutter in dieser unbekannten Umgebung wiederzusehen. Es war ein Schock, sie dort im Sarg liegen zu sehen. Ich fing an zu weinen und brauchte lange, bis ich es schaffte, mich ihr zu nähern. Schließlich hatte ich diese Hürde überwunden und kniete am offenen Sarg. Vorsichtig berührte ich ihre Hände. Sie war eiskalt. Natürlich, man bewahrte sie hier im tiefgekühlten Leichenkeller auf. Ganz allmählich gewöhnte ich mich an die Situation und an den Anblick des kalten toten Menschen. Sie wurde wieder zu meiner Mutter und ich fühlte Sehnsucht und Mitleid. Das gelbe Handtuch hatte der Bestatter durch eines ihrer Halstücher ausgetauscht und endlich schaffte ich es auch, hier die Pflaster zu lösen. In den nächsten drei Tagen wurden meine täglichen Besuche bei meiner Mutter zur wichtigsten Stunde des Tages. Am Sonntag morgen begleitete mich Julians Tagesmutter. Sie war Grundschülerin meiner Mutter gewesen und sie hatte ihre eigene Mutter einige Tage bei sich im Haus aufbewahrt. Man hatte ihr den Schmuck abgenommen. Ich schlug Willi vor, ihr den Saphirring mitzugeben und den Ehering zu behalten. Er war einverstanden. Heute weiß ich, dass es ihm egal war. Als ich den Ring mitbrachte, sah er ihn nicht mal an, sondern warf ihn achtlos in eine Schublade. Ich hatte meiner Mutter zuvor unter Tränen den Saphirring selbst aufgesetzt. Ich hatte Angst gehabt, ihre gefalteten Hände zu lösen und dabei ihre dünnen Knochen zu brechen. Herr Lindemann hatte dabei gestanden und mir Mut gemacht. Am Ende ging es ganz einfach und ich war richtig ein bisschen stolz, dass ich das geschafft hatte. Am Montag machte Gerd eine Reihe von Fotos von ihr mit seiner Digitalkamera. Er spielte sie gleich auf meinen PC und ich brannte die Bilder auf CD, die ich eilig zum Fotoshop brachte. Die Bilder waren am Donnerstag fertig. Sie gehören neben den beiden Fotos von meiner toten Tochter zu meinen wichtigsten Erinnerungen.
Abends kam Julian nach Hause. Sein Vater brachte ihn bis zur Wohnungstür und wünschte mir Beileid. „Ich bin traurig, dass ich nicht noch Frieden mit ihr geschlossen habe“, erklärte er bedrückt. Meine Mutter hatte mit ihm gebrochen, als er sie völlig betrunken tagelang telefonisch beleidigt hatte und ihr Haus auf Sylt in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hatte. „Sie hätte dir verziehen“, sagte ich nur. Er nickte und zog sichtlich bedrückt von dannen. Julian wirkte sehr verängstigt. Ich nahm ihn in die Arme und zog ihn in sein Zimmer. Wir setzten uns auf sein Bett und ich erzählte ihm, wie ich die letzten beiden Tage mit seiner toten Omi erlebt hatte. „Muss ich sie auch ansehen?“, fragte er angstvoll.
„Nein, Julian, das musst du nicht, aber du darfst mitkommen zum Bestatter, wann immer du willst. Sie sieht nicht schlimm aus, nicht anders, so als ob sie schliefe.“
„Ich möchte sie lieber nicht sehen, ist das schlimm?“
„Nein, das ist nicht schlimm, du sollst das auch nicht tun, wenn du Angst hast. Ich habe mit 22 Jahren meine tote Oma auch nicht ansehen können und musste es aber. Behalt deine Omi so in Erinnerung, wie sie war und wenn du später mal wissen willst, wie sie aussah im Sarg, dann zeige ich dir Fotos. Gerd hat Bilder gemacht.“
Eine Stunde später fragte Julian nach seinem Großvater in Spanien, meinem richtigen Vater, den er überhaupt nicht kannte, weil dieser sich nie für ihn interessiert hatte. „Der hat Omi doch im Krankenhaus angerufen und Omi hat gesagt, er sei froh, dass sie jetzt vor ihm sterben würde. Stimmt das?“
„Ich fürchte, da hatte Omi Recht. Er hat so eine Angst vor dem Tod, dass er sich eines Tages umbringen wird, nur um es hinter sich zu haben!“
„Ich möchte ihn mal anrufen, ich will wissen, wie der drauf ist!“
Überrascht und beeindruckt suchte ich die Telefonnummer heraus und wählte die spanische Nummer. Mutiger kleiner Julian!
„Hier ist Julian! Julian Rosenfeld!“, hörte ich ihn brüllen.
„Julian ist hier! JULIAN ROSENFELD!!“ Er machte mir ein Zeichen, dass mein Vater offensichtlich nicht verstand, mit wem er es zu tun hatte.
Ich ging zu ihm und legte meinen Arm um seine Schultern. Ich hörte ein wenig von dem Gespräch. Mein Vater war sehr gut gelaunt, ich hörte so etwas wie „Wir haben Gäste, hier ist es schon schön warm, wir sitzen draußen und essen! Wie geht es dir?“
„Nicht gut, meine Omi ist tot!“
Die Antwort verstand ich nicht. Danach drehten sich die Fragen wohl nur hilflos um Schule und das Wetter in Deutschland. Julian beendete das Gespräch und sah mich verwirrt an. „Der feiert! Wie kann der feiern, wenn meine Omi tot ist?“
„Er hat sie geliebt und als er sie nicht mehr lieben durfte, hat er angefangen, sie zu hassen, aber das kannst du alles nicht begreifen. Ich möchte auch gar nicht, dass du solche Menschen verstehen lernst. Sie sind mir fremd, sie haben nichts mit uns zu tun!“
„Kommt der zur Beerdigung?“
„Nein, niemals, er würde meinen Anblick nicht ertragen und er hat Flugangst. Dann müsste er sich mit dem Auto ja allmählich auf den Weg machen und das hätte er dir gesagt!“
Am Montag morgen erschienen die Todesanzeigen in beiden regionalen Zeitungen:
„Für die Welt bist du nur ein Mensch, für einen Menschen kannst du die Welt sein“. Diesen Spruch hatten wir besonders für Willi ausgesucht, der fünf Wochen nach ihrem Tod bereits eine junge Polin als „Haushälterin“ bei sich wohnen hat und ihr Testament, in dem sie ihn so reich bedacht hat, angefochten hat.
Am Montag kniete ich noch einmal an ihrem Sarg und bat sie um ein Zeichen:
„Wenn es für dich okay war, dass du jetzt schon sterben musstest, dann scheint am Mittwoch die Sonne. Wenn es nicht okay ist, dann regnet es.“
Es war unheimlich warm am 17. März und die Sonne knallte wie im Sommer. Der Sarg sollte bis 13 Uhr noch bei Stokkelaer bleiben, weil mein Schwager mit seiner Familie noch zu ihr wollte. Warum aus diesem Abschiedsbesuch nichts geworden war, weiß ich nicht. Aber ich war bis kurz nach zwölf bei ihr. Während ich sie das letzte Mal anschauen, berühren und streicheln durfte, meinen Kopf auf ihre Brust legen durfte, piepste mein Handy. Meine Schwester fragte mich, ob sie wohl eine weiße Bluse anziehen durfte und ob die Grabsträußchen in der Kapelle sein würden. Ich antwortete: „Weiße Bluse ist okay, Blumen frage ich, ich bin gerade bei ihr, sie riecht noch immer wie unsere Mami!“ Ja, es war seltsam, vielleicht habe ich es mir auch eingebildet, aber ich habe fünf Tage nach ihrem Tod tatsächlich noch ihren Duft gerochen, diese Mischung aus Yves-Rocher-Creme und einem Parfum, das ich nicht kannte.
Der Tag der Beerdigung
Wir hatten uns nun doch gegen Lauheide entschieden und den Angelmodder Friedhof genommen, weil dieser näher war und Willi somit nicht weit fahren musste.
Er war bis heute nicht auf dem Friedhof, er hat mich nie nach dem Grab gefragt und er wird meine Mutter auch niemals dort besuchen. Wenn ich damals schon geahnt hätte, wie sich alles entwickeln würde, hätte ich Vieles anders gemacht. Wenn es möglich wäre, meine tote Mutter von diesem Mann scheiden zu lassen, täte ich dies sofort. Aber eines werde ich zu verhindern versuchen: Dass dieser Mann eines Tages die Doppelgrabhälfte für sich beansprucht und neben der Frau liegt, die ihm 37 Jahre ein Leben in Wohlstand ermöglicht hat, die ihn umsorgt, versorgt und ertragen hat. Sie hat sich auf ihn eingestellt, auf ihn, seine Wünsche, Forderungen und ständigen Nörgeleien an ihren Töchtern und Freunden. Fünf Wochen nach ihrem Tod habe ich begriffen, wie einsam sie war und wie entsetzlich egoistisch und selbstsüchtig dieser Mensch ist und immer war. Weitere drei Monate später musste ich mich einer anderen grauenvollen Realität stellen, die meine Schwester betraf, die ich in Folge nicht mehr Schwester nennen kann, da ich die biologische Verwandtschaft zu ihr zwar nicht leugnen kann, aber möglichst vergessen möchte. Aber in diesen Tagen ging es – wenigstens nach außen – allen um meine Mutter, den Menschen Lotte Hecker, die Ehefrau, die Mutter, die Oma, die Freundin, Bekannte, die Kollegin und Nachbarin.
Um kurz vor 14 Uhr trafen wir auf dem Friedhof ein. Mein früherer Schwager, der 1. Mann meiner Schwester lief bereits vor dem Parkplatz auf und ab. Ich stellte ihm meinen Freund und meinen Sohn vor, den er seit 8 Jahren nicht mehr gesehen hatte und bedankte mich für sein Kommen. Ich fand das sehr mutig, aber ich kannte ja auch seine eigentlichen Beweggründe nicht. Wir redeten hilflos eine Weile hin und her, mir graute vor dem Gang zur und in die Kapelle. Ich wusste, dass mich der Anblick des geschlossenen Sarges schockieren würde. Geschlossene Särge mit einem Blumengesteck hatten für mich seit jeher etwas Bedrohliches, Endgültiges gehabt. Selbst wenn ich im Film einen geschlossenen Sarg sah, wo ja mit Sicherheit kein Mensch darin lag, fühlte ich eine unerklärliche Beklemmung. Immer mehr Trauergäste kamen, ich sah mit Erstaunen, dass die Nachbarn meiner Mutter mit verweinten Augen erschienen. Meine Sandkastenfreundin kam, wir hatten wenig Kontakt, seitdem sie geschieden worden war und ein ausgeprägtes Singledasein mit vorwiegend nächtlichen Unternehmungen pflegte. Sie hatte seitdem leider so gut wie nie Zeit und nachdem ich ein halbes Jahr lang alles mögliche unternommen hatte, um ein gemeinsames Treffen zustande zu bringen, hatte ich aufgegeben. Aber so eine lange Freundschaft lässt sich eben nicht zerstören und ich sank ihr weinend um den Hals. Auch ihre Mutter stand mit verweinten Augen da. In der Scheidungszeit meiner Eltern hatten diese Menschen mir halbwegs meine Kindheit bewahrt, da ich immer zu ihnen kommen konnte und auch täglich, oft auch über Nacht dort war. Bei Bells war immer alles in Ordnung, es gab nie Streit, keine Katastrophen, keine außergewöhnlichen Ereignisse bis auf die Scheidung meiner Freundin Susanne. Aber diese Familie hatte immer zusammen gehalten und darauf war und bin ich ein wenig neidisch, was nicht bedeuten soll, dass ich diesen unglaublich lieben und gütigen Menschen ihre Verbundenheit nicht gönnte. Niemals habe ich vergessen, wie sich diese Menschen um das kleine Scheidungskind Friederike gekümmert haben. Vielleicht war ihnen nie bewusst, wie sie mit ihrer selbstlosen Art meine Klein-Mädchen-Welt halbwegs erhalten haben, danken kann man so etwas richtig angemessen nie. Aber ich glaube, dass mich diese Hilfsbereitschaft und Güte ein wenig zu dem gemacht hat, was ich heute noch bin: Eine Frau, die den Sinn im Leben nicht in Reichtum, Macht und vielen nichtssagenden Bekanntschaften sieht, sondern die sich immer eine Aufgabe sucht, wo sie anderen irgendwie helfend zur Seite stehen kann.
Meine Freundin Dany kam, umarmte mich ganz fest und flüsterte mir tröstende Worte ins Ohr. Julians Tagesmutter, meine Freundin Andrea und die Grundschülerin meiner Mutter kam auch. Eine Geste, die ich ihr nie vergessen werde, denn sie ließ sogar ihre beiden Kinder für diese Stunde allein und hielt später auf dem Weg zum Grab meinen Julian fest. Waltraud saß vor der Kapelle und meine Schwester kam nun auch mit ihrem Mann und ihren Kindern. Steffis Schwiegereltern stützten einen schwankenden Willi, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Ich umarmte ihn kurz und flüsterte ihm zu:
„Willi, ich bin da, ich lass dich nie allein, wir stehen das jetzt hier gemeinsam durch!“
Und dann musste Gerd mich fast in die Kapelle schleifen. Ich machte mehrere Anläufe und hatte so eine Angst vor dem Sarg, dass ich immer wieder zurückwich. Schließlich schaute ich vorsichtig um die Ecke. Die Kapelle war klein und es wirkte freundlich und friedlich. Ich wurde plötzlich ganz ruhig und ging hinein. Dort stand der Sarg, geschmückt mit einem intensiv duftenden Gesteck. Daneben lag ein Kranz aus weißen und lila Veilchen mit einer Abschiedsschleife von „Gerhard und Gisela in tiefer Trauer“. Mein biologischer Vater, über den ich an diesem Tag nicht nachdenken wollte, der mir so fremd und so unangenehm war, dass ich ihn auch in ihrem Tode nicht an meine Mutter heranlassen konnte, trauerte nun angeblich mit seiner zweiten Frau, die meine Mutter nicht einmal gekannt hatte. Ich ging zu diesem Kranz und zerrte daran, ich wollte ihn zur Seite schieben, doch er war zu schwer. So drehte ich die Schleife so herum, dass niemand die Aufschrift lesen konnte. Ich kniete vor dem Sarg nieder und flüsterte ganz leise meine Abschiedsworte:
“Die Sonne scheint, meine Mami, du bist also einverstanden mit deinem Tod, aber all die Menschen hier sind es nicht. Es sind so viele Menschen da, so viele weinen und trauern um dich. So viele haben dich geliebt und niemand wird dich je vergessen. Ich passe auf deinen Mann auf und ich werde dein Grab immer wunderschön machen. Gib mir weiterhin Zeichen, sei mir nahe....“ Gerd berührte meine Schulter und ich stand auf und setzte mich in die erste Reihe neben Willi zur Linken und Julian zur Rechten.
Es waren so unglaublich viele Menschen in der Kapelle, die ich nicht einmal alle kannte. Aber ich sah nun, dass meine Mutter eine geliebte und geschätzte Frau gewesen war und ich sah nur verzweifelte, verweinte Gesichter um mich herum. Annemette Hein hatten wir als Organistin engagiert. Meine Mutter hatte sie einmal singen und spielen gehört und war beeindruckt gewesen. Herr Lindemann stand neben Annemette und ich rechnete eigentlich damit, dass er der Zeremonie nicht bis zum Ende beiwohnen würde. Doch er blieb und man sah ihm seine Bewegtheit bei der Predigt und angesichts der vielen trauernden Menschen an. Er tat hier nicht nur seinen Job. Pfarrer Dechow erschien und begann mit dem Gottesdienst. Ein mir unbekanntes Lied wurde angestimmt, aber ich konnte nicht singen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, meine Tränen zurückzuhalten und bestaunte meine Schwester, die ihre Fassung nicht eine Sekunde verlor. Heute weiß ich, dass sie nicht nicht zusammenreißen musste, weil sie überhaupt nicht trauerte. Aber an diesem Tag waren wir eine Familie, selten genug war es ja gewesen in den vergangenen Jahrzehnten, dass wir alle geschlossen beisammen waren und geschlossen eine Situation meisterten, die kaum aushaltbar war. Gerd stand am Rand und sah immer wieder besorgt zu mir herüber. Julian schob seine klebrige Hand in meine und legte seinen Kopf auf meinen Oberarm. Willi fing immer wieder laut an zu schluchzen und ich umarmte ihn sofort, um ihn zu beruhigen. Pfarrer Dechow schilderte meine Mutter und er machte das so gut und bildhaft, dass wir alle gespannt zuhörten. Er schilderte ihr Temperament, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Liebe zu ihren Enkeln. Aber er stellte auch ihren Starrsinn und ihre Dominanz und ihre Eitelkeit dar, allerdings auf eine äußerst sympathische Weise. Ich musste sogar ein- bis zweimal schmunzeln. Annemette sang, dann kamen noch ein paar Worte des Pfarrers und die Ankündigung einer CD, die wir Töchter uns gewünscht hatten, weil wir beim Gedanken an dieses Lied das Bild unserer Mutter, summend und tanzend vor uns hatten. Dieser Song kostete mich sehr viel Kraft, ich weinte und schluchzte so sehr, dass ich dachte, nie wieder aufhören zu können. So sehr hatte ich nur bei Regines Tod geweint.
„Somewhere over the rainbows, skys are blue.....“ Ist ihre Seele, also alles, was die Persönlichkeit Lotte Hecker ausgemacht hat, wirklich irgendwo da oben auf einem wunderschönen Regenbogen und schaut auf ihre Welt am Pirolweg herab, die sich in den Wochen nach ihrem Tod so dramatisch verändert hat?
Der Gottesdienst war vorbei und die Trauergemeinde bewegte sich langsam aus der kleinen Kappelle heraus. Acht Sargträger mit schwarzen Gewändern und Zylindern trugen mit unbewegter Miene den Sarg meiner Mutter und die Familie schleppte sich hinterher. Ich habe bisher nicht viele solcher Wege mitmachen müssen, die von einer Kapelle zur Grabstelle führten, aber eines haben diese Wege alle gemeinsam: Sie kommen einem unendlich lang und schwer vor. Gerd und mein Schwager schleppten den Witwer mehr als dass er ging, meine Schwester mit ihren Kindern folgten, dann kam ich mit Julian, dessen kleine weiche Kinderhand so warm und beruhigend in meiner eiskalten lag. Julian hatte Angst vor den Sargträgern, die bedrohlich in ihrer Verkleidung wirkten und ihm so fremd waren. Diese Männer trugen seine geliebte Omi endgültig von ihm fort.
An die Zeremonie am Grab kann ich mich nicht mehr genau erinnern. All die Tage vorher hatte ich eine wahnsinnige Angst davor gehabt, wenn der Sarg in die dunkle Graböffnung gelassen würde. Vermutlich sprach der Pfarrer noch ein paar Worte, dann versank meine Mutter in der dunklen kalten Erde. Ich weiß nicht mehr, ob der Witwer eine Blume ins Grab warf, ich weiß nur, dass meine Schwester mit weiterhin unbewegter Miene ihren kleinen Strauß hineinwarf und ich schaffte es nur von Weinkrämpfen geschüttelt. Diese Endgültigkeit mit dem Herablassen des Sarges saugte das letzte Bisschen Kraft aus mir heraus und ich schluchzte schier verzweifelt laut und haltlos. Die Trauergemeinde ging an uns vorbei, wir schüttelten Hände, gaben die Dankeskarten ab, nickten unentwegt ein Danke nach dem anderen. Ich sah nur noch schemenhaft und schien alles wie von Ferne zu hören. Wir drückten den Trauergästen die Dankeskarten in die Hände, wir hatten das letzte Foto meiner Mutter, das an ihrem 81. Geburtstag entstanden war, vervielfältigen lassen. Darunter stand: „Danke, dass ihr gekommen seid“. Nach und nach löste sich die Versammlung langsam auf.
Nach der Beerdigung ertrugen wir höchst konventionell den „Leichenschmaus“. Kaffee und Streuselkuchen im Kaffeehaus Sebon, wo ich die letzte Feier zur Taufe meines Sohnes erlebt hatte. Damals war meine Mutter nicht dabei gewesen, nur mein Vater und meine Schwester mit Familie. Meine Mutter hatte sich die gesamte Schwangerschaft über so ignorant verhalten, während mein Vater zum ersten Mal in meinem Leben sich normal und väterlich verhalten hatte, dass ich die Taufe feierte, als er gerade in Deutschland war und seine zweite Frau Gisela zur Patentante machte. Gisela hatte mich nach Julians Geburt besucht und mir zu meinem größten Erstaunen von einigen – wie ich fand, wirklich schlimmen – Problemen mit meinem Vater berichtete. Ich hatte nie unbedingt ihr Vertrauen besessen und war damals sehr verwundert über diese Beichte. Ich hatte nicht viel geantwortet, ihr eigentlich nur mit den Worten:
„Du brauchst mir gar nicht viel zu erklären, ich kenne ihn, er ist mein Vater....“ mein Verständnis bekundet. Ein halbes Jahr später hörte der Kontakt zu ihr und meinem Vater für alle Zeiten auf. Ich hatte die Scheidung einreichen müssen, weil Julians Vater nach 15 Jahren Trockenheit wieder getrunken hatte und mehrfach versucht hatte, mich im Suff umzubringen. Den Rückfall meines Mannes hatte ich um Ostern 1994 festgestellt, 2 Monate nach Julians Geburt. Es gelang mir, ihn ins Krankenhaus zu bringen, aber dann saß ich in unserer Ehewohnung und wusste instinktiv, dass meine Ehe zu Ende war. Rückblickend wurde mir klar, dass er auch auf Julians Taufe schon besoffen gewesen war. Ich war so verzweifelt, dass ich meine Mutter anrief, die immer noch tödlich beleidigt war, weil ich meinen Vater zur Taufe eingeladen hatte und sie daher nicht kommen wollte. Ich hatte sie nicht ausgeschlossen, aber sie war zu diesem Zeitpunkt verreist und nahm es mir sowieso übel, dass ich die Taufe mit meinem Vater feiern wollte, und zu allem Überfluss noch die verhasste zweite Frau als Patentante eingesetzt hatte. Niemals hatte ich die Beteuerungen meiner Mutter „Ich habe ja nichts gegen diese Gisela....“ ernst genommen, genauso wenig blieb mir die Eifersucht meines Vaters verborgen, wenn er von Willi Hecker immer nur als „der Mann“ sprach. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich eines Tages wieder mit meinem Vater einer Meinung sein würde und dass es sich dabei auch noch um „den Mann“ drehte. Inzwischen nenne ich ihn nur noch „Herrn Hecker“ oder „der Mann meiner toten Mutter“.
Als ich meine Mutter damals um Hilfe suchend anrief, legte sie direkt wieder auf. So war sie, unerbittlich, unversöhnlich.....Ich rief einen Psychotherapeuten an, der sowohl meinen Mann als auch mich gut kannte. Er hatte mich noch zu Julians Geburt im Krankenhaus besucht und da hatte ich schon Andeutungen gemacht, dass mein Mann teilweise so aggressiv war. Ich heulte ihm hysterisch die Ohren voll und er stauchte mich in seiner unverwechselbaren Art so zusammen, dass ich mein Selbstmitleid in den Hintergrund stellte und mich der Situation stellte, bzw. es versuchte. Eine Stunde nach dem Gespräch rief mich meine Mutter an. Der Psycho hatte sie angerufen und ihr klar gemacht, dass ich jetzt praktische Hilfe bräuchte. Nach anfänglichen Vorwürfen wie „jetzt bin ich wieder gut genug, anstatt dich an deinen Vater zu wenden, darf ich jetzt wieder den Dreck aufwischen....“, kam nach und nach ihre Hilfsbereitschaft hervor. Das Ende des Gespräches war die Ankündigung, mich sofort zu besuchen. Eine Stunde später stand sie vor der Tür und ich fiel ihr ohne zu Zögern um den Hals. Großzügig nahm sie meine Entschuldigung an. Wofür hatte ich mich eigentlich entschuldigt? Dafür, dass ich meinen Vater zur Taufe meines Sohnes eingeladen hatte und sie dies als persönlichen Affront ansah? Meine Mutter hat sich nie entschuldigt, egal, wie sehr ihr ihr eigenes Unrecht hätte klar sein müssen. Ich habe niemals erlebt, dass sie auf irgendjemanden, schon gar nicht auf ihre Töchter, zugegangen wäre und gesagt hätte: „Es tut mir so leid, ich habe dir Unrecht getan!“ Unrecht taten immer andere. Dennoch half sie mir in meiner Scheidungszeit ungeheuer. Sie nahm mich im Souterrain-Apartment auf, als das Leben mit Eugen unerträglich wurde, sie milderte die täglichen Spannungen zwischen Herrn Hecker und mir, der sich über alles, was mit mir zu tun hatte, aufregte. Ich parkte mein Auto falsch, ich halste meiner Mutter ständig mein Baby auf, ich schmarotzte, und ich war eine entsetzliche Plage, weil gelegentlich Anrufe für mich über den Telefonanschluss meiner Mutter kamen. Ich hatte erst einmal keinen Pfennig, da Eugen mir die Kontovollmacht entzogen hatte und so nun auch noch mein Erziehungsgeld einkassierte. Sie lieh mir Geld, heimlich natürlich, sie kaufte Babysachen und sie hielt meine hysterische Angst vor meinem Mann aus. Irgendwann gab es einen furchtbaren Krach zwischen ihr und ihrem Mann, weil er mich so drangsaliert hatte, dass ich mir sogar einen eigenen Telefonanschluss in das Apartment legte, damit ich in Ruhe Anrufe auf meine Wohnungsgesuche entgegennehmen konnte. Sie saß unten bei mir und regte sich fürchterlich über ihn auf. Ich habe sogar ihre Worte noch ziemlich genau in Erinnerung:
“Dieser Großkotz. Ich kann ihn nicht mehr ertragen, er benimmt sich wie ein Prolet, er zieht ständig die Nase hoch, er furzt und schmatzt und stinkt!“ Ja, das hat sie gesagt und sie hat es auch so gemeint. Sie dachte über Scheidung nach und ich versuchte nicht, ihr das auszureden. Hätte sie es bloß getan.....
Ich saß in diesem Kaffeehaus und beobachtete mit Erstaunen, wie Hecker aufzublühen schien. Er hat rote Wangen, aß ein Stück Kuchen nach dem anderen und unterhielt sich mit Hans und Franz übers Golf spielen. Damals schrieb ich diese Reaktion dem Schock zu, den er meines Erachtens gehabt haben musste, so plötzlich und dramatisch den wichtigsten, ja sogar einzigen Menschen im Leben zu verlieren, doch heute weiß ich es besser, bzw. ich unterstreiche die oft gemachten Aussagen meiner Mutter über ihren Mann, den sie halb im Spaß aber halb auch in traurigem Ernst gemacht hat: „Für Willi gibt es in erster Linie den Golfplatz, dann kommt lange lange gar nichts. Früher kam dann irgendwann der Hund und dann wieder sehr lange nichts. Irgendwann kam dann ich, aber vermutlich nur, weil ich den Wagen besitze, den er braucht, um täglich zum Golfplatz fahren zu können!“
Sie ist tot, das Auto gehört zwar heute mir, aber er hat das Nutzungsrecht und fährt nun, wann immer ihm danach zumute ist, zum Golfplatz. Da ist niemand mehr, mit dem er sich abstimmen muss. Er kann endlich sein egoistisches Dasein unbehelligt alle Tage, die der liebe Gott ihm noch schenkt, auskosten. Sowohl er als auch meine Schwester verklagen mich andauernd, denn das Testament, das meine Mutter machte, wird nicht von ihnen respektiert. Ich suche Trost am Grab, ich halte aus und sage mir immer wieder, sie hätte es auch durchgestanden und sie hat viel mehr ausgehalten in ihrem Leben.
Resumé:
Heute, 3, 5 Jahre nach ihrem Tod ist auch ihr Mann längst begraben und ich bin in ungezählten Erbstreitereien immer nur meinem roten Faden gefolgt: Alles so zu machen, wie meine Mutter es von mir erwartet hätte und mich dabei nicht zu verbiegen. Ich rieche oft noch ihren Duft, ganz plötzlich und unerwartet, wenn ich etwas tue, was gar nichts mit ihr zu tun hat. Ich habe mich im Stillen mit ihrem Mann ausgesöhnt und ich habe es sogar geschafft, auch ihn in der Leichenhalle zu besuchen und anzufassen. Der Tod ist kein Fremder für mich. Ich habe durch den Tod meiner Tochter gelernt, ihn zu akzeptieren und „anzufasssen“. Der Tod gehört zum Leben, meine Mutter gehört auch immer noch zu meinem Leben so wie meine tote Tochter. Ich war meiner Mutter niemals im Leben so nah wie kurz vor und nach ihrem Tod. Die Zeit des Abschiednehmens mit den vielen Besuchen beim Bestatter, wo ich die tote Mutter immer wieder im Sarg umarmte und sie – auch tot – „meine Mami“ war und bleibt, ist die wichtigste Zeit in meinem Leben als Tochter. Die Erinnerung verblasst nicht, es ist heute noch so, als hätte ich sie gestern erst umarmt dort in der kalten Leichenhalle.
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