Mit dem Schmerz leben lernen
Sternschnuppe und Gedenkstein für Mütter tot geborener Kinder
Von Claudia Bakker
Panik und Ekel habe sie empfunden, denn sie wusste keinen Ausweg. Ganz allein sei sie gewesen, denn keiner habe ihr helfen können.Ganz allein mit dem toten Kind im Bauch.„Doch einer war für mich da“, erinnert sich Friederike Rosenfeld, „mein Hausarzt hat mich durch diese schwere Zeit gebracht.“ Keine Selbstverständlichkeit. Aber das habe sie erst später verstanden. Regine, so hat sie das kleine Mädchen genannt, das im fünften Schwangerschaftsmonat von ihr gegangen ist, fehlt ihr noch immer. Zunächst waren da nur Abscheu, Wut und Trauer.„Natürlich gibt man sich die Schuld, wenn man ein Kind verliert.“Das Schlimmste sei die Hoffnungslosigkeit gewesen und die Einsamkeit.
Als sie das Kind zur Welt brachte, habe sie es nicht sehen wollen. „Eine Wasserleiche habe ich mir vorstellt“, sagt die zierliche Frau. Denn auch ein totes Baby muss geboren werden, ganz normal, ganz schmerzhaft und ganz alleine. „Es ist wie eine normale Schwangerschaft, nur das Baby fehlt am Ende.“
Es gibt kein Grab, denn „Tot Geborene“ werden üblicherweise nicht beerdigt“, sagt man ihr im Krankenhaus. Friederike Rosenfeld hat lange Zeit keinen Ort, zu dem sie ihre Trauer tragen konnte. Heute gibt es auf dem Waldfriedhof Lauheide eine Gedenkstätte für die tot geborenen Kinder. Möglich wurde sie durch Spenden und das unermüdliche Drängen der Hiltruperin. „Damals hätte es mir geholfen, wenn ich einen Zufluchtsort gehabt hätte.“ Heute möchte sie Frauen mit dem gleichen Schicksal helfen, ihnen Trost geben, den sie selbst vermisste, ihnen beistehen und das Leben wieder in richtige Bahnen lenken. Sie möchte einfach nur da sein, zuhören und diesen „schlimmsten Schmerz, den eine Frau nur haben kann", ein wenig mildern. Eine Umarmung, ein liebes Wort, was hätte sie darum gegeben. „Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann das nachfühlen“, entschuldigt Rosenfeld die Hilflosigkeit der meisten Anteil nehmenden Menschen. Sie aber kann helfen. Sie hat das Unfassbare erlebt.
„Jede Frau hat das Recht, ihr Kind beerdigen zu lassen, es zu sehen, in den Armen zu halten, Abschied zu nehmen“, setzt sie sich für Mütter und ihre toten Babys ein. Es gebe noch zu viele Mediziner, die eine Totgeburt als Vorfall ansähen, der es nicht wert sei, erwähnt zu werden. Dieses Denken will die starke Frau ändern: “Es muss mehr Aufklärung und Fürsorge betrieben werden.“ Keine Frau müsse einer Obduktion oder der Entsorgung des kleinen Körpers zustimmen. Selbstbewusstsein sei in dieser Situation sehr wichtig. Trotz aller Verzweiflung und Trauer müsse die Betroffene auf ihre Bedürfnisse hören. „Man darf sich zu nichts überreden lassen“, warnt die Münsteranerin. Ruhe und Zeit stehe einem für jede Entscheidung zu.
Die Betreuung lasse in den meisten Fällen sehr zu wünschen übrig. „Die Frauen entbinden und werden häufig sogar auf die Wöchnerinnenstation gebracht“, kritisiert Rosenfeld. Dort müssten sie dann glückliche Familien mit gesunden Neugeborenen erleben. Ein Anblick, den manche Frau nicht ertragen könne. Auswege sähe man selbst nicht mehr. Das Gespenst Selbstmord geistert durch die Gedanken. Auch sie sei so weit gewesen, habe aber bei einer Krankenschwester Hebamme Hilfe gefunden, die ihr Halt gegeben habe.
Halt geben möchte sie auch. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter gründete Friederike Rosenfeld die Kontaktstelle „Sternschnuppe“. Jeder kann mich Tag und Nacht anrufen oder in unseren Gesprächskreis kommen“, ermutigt sie andere Betroffene.
Zusammen seien viele Situationen leichter zu meistern. Sie selbst könne auch im Umgang mit Krankenhäusern und Ärzten helfen. Sensibilisierung für dieses Tabuthema sei ihr vordringlichstes Anliegen: „Die Gedenkstätte soll ein erster Schritt sein.“ Unglaublichen Zuspruch habe sie erhalten. Anrufe von Frauen, oft weit über 70 Jahre alt, drückten ihre Dankbarkeit aus, endlich einen Ort zu haben, der Trost gibt und Schmerzen lindern kann.
Auch Friederike Rosenfeld kann hier ihren Frieden finden. Ihre Tochter Regine vermisst sie zwar immer noch. Heute ist sie jedoch froh, ihre Angst überwunden zu haben und ihr kleines Mädchen in die Arme genommen zu haben. Keine Spur mehr von Ekel oder Panik. Nur noch Liebe für das kleine Geschöpf und Trauer, das Leben nicht mit ihm teilen zu dürfen. Trauer, die jetzt einen Ort in Münster hat. 06. Juni 2001 Kaufen und Sparen
Sternschnuppe und Gedenkstein für Mütter tot geborener Kinder
Von Claudia Bakker
Panik und Ekel habe sie empfunden, denn sie wusste keinen Ausweg. Ganz allein sei sie gewesen, denn keiner habe ihr helfen können.Ganz allein mit dem toten Kind im Bauch.„Doch einer war für mich da“, erinnert sich Friederike Rosenfeld, „mein Hausarzt hat mich durch diese schwere Zeit gebracht.“ Keine Selbstverständlichkeit. Aber das habe sie erst später verstanden. Regine, so hat sie das kleine Mädchen genannt, das im fünften Schwangerschaftsmonat von ihr gegangen ist, fehlt ihr noch immer. Zunächst waren da nur Abscheu, Wut und Trauer.„Natürlich gibt man sich die Schuld, wenn man ein Kind verliert.“Das Schlimmste sei die Hoffnungslosigkeit gewesen und die Einsamkeit.
Als sie das Kind zur Welt brachte, habe sie es nicht sehen wollen. „Eine Wasserleiche habe ich mir vorstellt“, sagt die zierliche Frau. Denn auch ein totes Baby muss geboren werden, ganz normal, ganz schmerzhaft und ganz alleine. „Es ist wie eine normale Schwangerschaft, nur das Baby fehlt am Ende.“
Es gibt kein Grab, denn „Tot Geborene“ werden üblicherweise nicht beerdigt“, sagt man ihr im Krankenhaus. Friederike Rosenfeld hat lange Zeit keinen Ort, zu dem sie ihre Trauer tragen konnte. Heute gibt es auf dem Waldfriedhof Lauheide eine Gedenkstätte für die tot geborenen Kinder. Möglich wurde sie durch Spenden und das unermüdliche Drängen der Hiltruperin. „Damals hätte es mir geholfen, wenn ich einen Zufluchtsort gehabt hätte.“ Heute möchte sie Frauen mit dem gleichen Schicksal helfen, ihnen Trost geben, den sie selbst vermisste, ihnen beistehen und das Leben wieder in richtige Bahnen lenken. Sie möchte einfach nur da sein, zuhören und diesen „schlimmsten Schmerz, den eine Frau nur haben kann", ein wenig mildern. Eine Umarmung, ein liebes Wort, was hätte sie darum gegeben. „Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann das nachfühlen“, entschuldigt Rosenfeld die Hilflosigkeit der meisten Anteil nehmenden Menschen. Sie aber kann helfen. Sie hat das Unfassbare erlebt.
„Jede Frau hat das Recht, ihr Kind beerdigen zu lassen, es zu sehen, in den Armen zu halten, Abschied zu nehmen“, setzt sie sich für Mütter und ihre toten Babys ein. Es gebe noch zu viele Mediziner, die eine Totgeburt als Vorfall ansähen, der es nicht wert sei, erwähnt zu werden. Dieses Denken will die starke Frau ändern: “Es muss mehr Aufklärung und Fürsorge betrieben werden.“ Keine Frau müsse einer Obduktion oder der Entsorgung des kleinen Körpers zustimmen. Selbstbewusstsein sei in dieser Situation sehr wichtig. Trotz aller Verzweiflung und Trauer müsse die Betroffene auf ihre Bedürfnisse hören. „Man darf sich zu nichts überreden lassen“, warnt die Münsteranerin. Ruhe und Zeit stehe einem für jede Entscheidung zu.
Die Betreuung lasse in den meisten Fällen sehr zu wünschen übrig. „Die Frauen entbinden und werden häufig sogar auf die Wöchnerinnenstation gebracht“, kritisiert Rosenfeld. Dort müssten sie dann glückliche Familien mit gesunden Neugeborenen erleben. Ein Anblick, den manche Frau nicht ertragen könne. Auswege sähe man selbst nicht mehr. Das Gespenst Selbstmord geistert durch die Gedanken. Auch sie sei so weit gewesen, habe aber bei einer Krankenschwester Hebamme Hilfe gefunden, die ihr Halt gegeben habe.
Halt geben möchte sie auch. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter gründete Friederike Rosenfeld die Kontaktstelle „Sternschnuppe“. Jeder kann mich Tag und Nacht anrufen oder in unseren Gesprächskreis kommen“, ermutigt sie andere Betroffene.
Zusammen seien viele Situationen leichter zu meistern. Sie selbst könne auch im Umgang mit Krankenhäusern und Ärzten helfen. Sensibilisierung für dieses Tabuthema sei ihr vordringlichstes Anliegen: „Die Gedenkstätte soll ein erster Schritt sein.“ Unglaublichen Zuspruch habe sie erhalten. Anrufe von Frauen, oft weit über 70 Jahre alt, drückten ihre Dankbarkeit aus, endlich einen Ort zu haben, der Trost gibt und Schmerzen lindern kann.
Auch Friederike Rosenfeld kann hier ihren Frieden finden. Ihre Tochter Regine vermisst sie zwar immer noch. Heute ist sie jedoch froh, ihre Angst überwunden zu haben und ihr kleines Mädchen in die Arme genommen zu haben. Keine Spur mehr von Ekel oder Panik. Nur noch Liebe für das kleine Geschöpf und Trauer, das Leben nicht mit ihm teilen zu dürfen. Trauer, die jetzt einen Ort in Münster hat. 06. Juni 2001 Kaufen und Sparen
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