Rheinische Post, 13. September 2000
Eine Mutter will die bundesweit zweite Gedenkstätte für Totgeburten auf einem Friedhof in Münster einrichten
Sternschnuppe, die viel zu früh verglühte
MÜNSTER. Gerade mal fünf Monate wurde die kleine Regine alt. Fünf Monate fühlte ihre Mutter sie im Bauch strampeln und zappeln. Dann hörten die Lebenszeichen auf. Von einem Tag auf den anderen. Und Friederike Rosenfeld spürte, dass ihre Tochter tot war. Wie eine Sternschnuppe war das Leben ihres Kindes aufgeflackert. Und viel zu schnell war es wieder verglüht.
Vier Jahre ist das jetzt her, doch die Erinnerung an diese Zeit wirkt in der heute 42-Jährigen fort. ”Danach war nichts mehr, wie es war.” Das Kind musste sie auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Es war eine anstrengende Geburt. Anderthalb Tage lag sie in den Wehen. Währenddessen fragten die Ärzte, ob sie für ihr Kind eine Beerdigung wünsche. Das sei aber nicht üblich, hätten die Ärzte noch ergänzt. Verunsichert habe sie abgelehnt. ”Ich war damals in einer Schock-Situation”, erklärte die Diplom-Ingenieurin. ”Ich sah mich hinter einem weißen Kindersarg hergehen und wusste, dass ich das nicht schaffe.” Kein Wunder, fügt sie noch hinzu, denn während einer Kräfte zehrenden Geburt sähe sich dazu wohl niemand in der Lage. ”Heute würde ich anders entscheiden.” Immerhin habe sie ihr Kind auf Drängen der Hebamme noch kurz gesehen. Angst hatte sie vor diesem Augenblick. Aber: ”Es war ein süßes Kind. Es war alles dran, Arme, Beine, Finger. Wie eine zerbrechliche Puppe.” Friederike Rosenfeld gab den Leichnam des Kindes frei. Er wurde in einem Krematorium verbrannt, die Asche entsorgt. Und so gibt es keinen Friedhof, kein Grab, an dem sie Abschied nehmen kann. ”Doch in einer solchen Situation braucht man einen Platz, zu dem man seine Trauer hinträgt.”
Das ist der Grund, warum sie jetzt eine Gedenkstätte für Totgeburten einrichten will. Es wäre der bundesweit zweite Gedenkplatz, nachdem es auf einem Friedhof in Hamburg bereits einen weiteren gibt. Nach ihrem Vorbild soll nun auf einem Münsteraner Friedhof eine Skulptur aufgestellt werden, an dem die Eltern Blumen niederlegen, beten und meditieren können. Die Unterstützung des Oberbürgermeisters wurde ihr zugesichert, ein Bildhauer aus Münster hat an der künstlerischen Umsetzung Interesse gezeigt. Ein Ort zum Trauern und ein Ritual zum Abschied nehmen - die allein erziehende Mutter eines sechsjährigen Jungen weiß, wie wichtig das für ”verwaiste Mütter” sein kann. Vor allem dann, wenn sie ihr Kind nicht beerdigen konnten - weil sie verunsichert waren oder über die bestehenden Möglichkeiten nicht richtig informiert wurden. Das sei immer noch viel zu häufig der Fall. Und viel zu wenige kennen ihre Rechte, die sie bei der Fehl- oder Totgeburt eines Kindes haben, sagt die Münsteranerin. Seit dem 1. April 1994 wird ein Kind mit mehr als 500 Gramm Gewicht als Totgeburt bezeichnet, die Eltern haben die Pflicht, es zu beerdigen. Kinder, die leichter sind, werden als Fehlgeburt bezeichnet, und es besteht das Recht auf eine Beerdigung, das man ausdrücklich einfordern muss.
In beiden Fällen können die Eltern an einem Ort Abschied nehmen - eine Möglichkeit, die Friederike Rosenfeld nicht hat. ”Dafür habe ich mir in meinem Zimmer eine Ecke eingerichtet”, erzählt sie. Sie hat ihr Kind gezeichnet - so, wie es ihrer Meinung nach jetzt, mit vier Jahren, aussehen müßte. Dazu hat sie Fotos und Briefe gelegt. Briefe, die sie längst zu einem Buch zusammengefaßt hat und in dem sie ihre Trauer verarbeiten konnte. So hat sie Kraft gefunden, sich auch für andere Mütter in ähnlicher Situation zu engagieren. Sie gründete die Kontaktstelle ”Sternschnuppe”, steht Hilfesuchenden mit ihrem Rat zur Seite. ”Das Erlebte habe ich verarbeitet”, sagt sie. ”Sonst könnte ich keinem Trost geben.” Und daher ist die geplante Gedenkstätte auch nicht eigennützig. ”Mich hat eine 70-Jährige weinend angerufen, die heute noch unter ihrer Totgeburt leidet, die 40 Jahre her ist. Sie hat damals ihr Kind nicht beerdigen dürfen.”
Friederike Rosenfelds Sohn Julian, der Regine nie kennen lernen konnte, hat seinen eigenen Ort der Andacht gefunden. ”Nachts, wenn die Sterne leuchten, dann winkt er zum Himmel und grüßt seine Schwester.”
Alexandra Kemp
Eine Mutter will die bundesweit zweite Gedenkstätte für Totgeburten auf einem Friedhof in Münster einrichten
Sternschnuppe, die viel zu früh verglühte
MÜNSTER. Gerade mal fünf Monate wurde die kleine Regine alt. Fünf Monate fühlte ihre Mutter sie im Bauch strampeln und zappeln. Dann hörten die Lebenszeichen auf. Von einem Tag auf den anderen. Und Friederike Rosenfeld spürte, dass ihre Tochter tot war. Wie eine Sternschnuppe war das Leben ihres Kindes aufgeflackert. Und viel zu schnell war es wieder verglüht.
Vier Jahre ist das jetzt her, doch die Erinnerung an diese Zeit wirkt in der heute 42-Jährigen fort. ”Danach war nichts mehr, wie es war.” Das Kind musste sie auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Es war eine anstrengende Geburt. Anderthalb Tage lag sie in den Wehen. Währenddessen fragten die Ärzte, ob sie für ihr Kind eine Beerdigung wünsche. Das sei aber nicht üblich, hätten die Ärzte noch ergänzt. Verunsichert habe sie abgelehnt. ”Ich war damals in einer Schock-Situation”, erklärte die Diplom-Ingenieurin. ”Ich sah mich hinter einem weißen Kindersarg hergehen und wusste, dass ich das nicht schaffe.” Kein Wunder, fügt sie noch hinzu, denn während einer Kräfte zehrenden Geburt sähe sich dazu wohl niemand in der Lage. ”Heute würde ich anders entscheiden.” Immerhin habe sie ihr Kind auf Drängen der Hebamme noch kurz gesehen. Angst hatte sie vor diesem Augenblick. Aber: ”Es war ein süßes Kind. Es war alles dran, Arme, Beine, Finger. Wie eine zerbrechliche Puppe.” Friederike Rosenfeld gab den Leichnam des Kindes frei. Er wurde in einem Krematorium verbrannt, die Asche entsorgt. Und so gibt es keinen Friedhof, kein Grab, an dem sie Abschied nehmen kann. ”Doch in einer solchen Situation braucht man einen Platz, zu dem man seine Trauer hinträgt.”
Das ist der Grund, warum sie jetzt eine Gedenkstätte für Totgeburten einrichten will. Es wäre der bundesweit zweite Gedenkplatz, nachdem es auf einem Friedhof in Hamburg bereits einen weiteren gibt. Nach ihrem Vorbild soll nun auf einem Münsteraner Friedhof eine Skulptur aufgestellt werden, an dem die Eltern Blumen niederlegen, beten und meditieren können. Die Unterstützung des Oberbürgermeisters wurde ihr zugesichert, ein Bildhauer aus Münster hat an der künstlerischen Umsetzung Interesse gezeigt. Ein Ort zum Trauern und ein Ritual zum Abschied nehmen - die allein erziehende Mutter eines sechsjährigen Jungen weiß, wie wichtig das für ”verwaiste Mütter” sein kann. Vor allem dann, wenn sie ihr Kind nicht beerdigen konnten - weil sie verunsichert waren oder über die bestehenden Möglichkeiten nicht richtig informiert wurden. Das sei immer noch viel zu häufig der Fall. Und viel zu wenige kennen ihre Rechte, die sie bei der Fehl- oder Totgeburt eines Kindes haben, sagt die Münsteranerin. Seit dem 1. April 1994 wird ein Kind mit mehr als 500 Gramm Gewicht als Totgeburt bezeichnet, die Eltern haben die Pflicht, es zu beerdigen. Kinder, die leichter sind, werden als Fehlgeburt bezeichnet, und es besteht das Recht auf eine Beerdigung, das man ausdrücklich einfordern muss.
In beiden Fällen können die Eltern an einem Ort Abschied nehmen - eine Möglichkeit, die Friederike Rosenfeld nicht hat. ”Dafür habe ich mir in meinem Zimmer eine Ecke eingerichtet”, erzählt sie. Sie hat ihr Kind gezeichnet - so, wie es ihrer Meinung nach jetzt, mit vier Jahren, aussehen müßte. Dazu hat sie Fotos und Briefe gelegt. Briefe, die sie längst zu einem Buch zusammengefaßt hat und in dem sie ihre Trauer verarbeiten konnte. So hat sie Kraft gefunden, sich auch für andere Mütter in ähnlicher Situation zu engagieren. Sie gründete die Kontaktstelle ”Sternschnuppe”, steht Hilfesuchenden mit ihrem Rat zur Seite. ”Das Erlebte habe ich verarbeitet”, sagt sie. ”Sonst könnte ich keinem Trost geben.” Und daher ist die geplante Gedenkstätte auch nicht eigennützig. ”Mich hat eine 70-Jährige weinend angerufen, die heute noch unter ihrer Totgeburt leidet, die 40 Jahre her ist. Sie hat damals ihr Kind nicht beerdigen dürfen.”
Friederike Rosenfelds Sohn Julian, der Regine nie kennen lernen konnte, hat seinen eigenen Ort der Andacht gefunden. ”Nachts, wenn die Sterne leuchten, dann winkt er zum Himmel und grüßt seine Schwester.”
Alexandra Kemp
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