Sonntag, 10. Februar 2008

Sternschnuppes diary


Ich habe mir vorgenommen, euch von an Ereignissen in meinem Alltag teilhaben zu lassen, die euch vielleicht hier und da helfen, eigene und ähnliche Situationen zu verstehen und zu verarbeiten. Ich möchte kein Forum einrichten, aber ich freue mich, wenn ihr zu meinen Erlebnissen Stellung nehmt und mir weiterhin viel mailt. Eure Rike am 05.10.2007

Sternschnuppe´s diary
Ich hatte in dieser Woche Urlaub und habe mich sehr viel mit dem Grab meiner Mutter beschäftigt. Ich war mehrfach dort und habe wie eine Wilde Unkraut gejätet, Pflanzen geschnitten und umgesetzt und gestern habe ich eine riesige winterharte Margarithe auf das Grab gesetzt. Es ist ein gutes Gefühl, wenigstens auf diese Art noch etwas für meine Mutter tun zu können und so wähle ich die Pflanzen nach ihrem Geschmack aus. Ich weine nicht mehr an ihrem Grab, so wie ich das im ersten Jahr nach ihrem Tod getan habe. Damals war ich beinahe täglich dort und habe mir gewünscht, dass ich ihr dort näher bin. Es ist mir aber nicht gelungen. Diese Zwiegespräche, die viele Angehörige am Grab führen, habe ich mit mir allein geführt. Es kam nichts zurück, es kam kein Trost und es kam keine Hilfe. Vielleicht ist das alles sowieso Blödsinn, aber viele Menschen stellen ja am Grab ihres Angehörigen fest, dass sie dort eine Antwort auf ihre Fragen bekommen und unterhalten sich richtig mit dem Toten. Ich habe lediglich eine Badewanne voll Tränen dort gelassen und meine gesamte Verzweiflung über den Erbstreit, der nach ihrem Tod ausbrach, abends allein auf dem Friedhof in die stille Nacht gebrüllt. Doch meine flehentlichen Bitten wie "Mami, hilf mir, ich kann nicht mehr...." brachten mir nicht die ersehnte Stärke und Coolness, die ich mir wünschte, um die vielen Gerichtsstreitigkeiten auszuhalten. Jetzt, dreieinhalb später, habe ich akzeptiert, dass ich allein mit meinen Entscheidungen bin und das Grab mir keine Antwort gibt.
Ich habe mich vor einigen Wochen zu einem Kurs angemeldet, der mich zur Sterbebegleiterin ausbilden soll. Dieser Kurs beginnt Mitte Oktober und wenn ich ihn durchhalte, wovon ich noch überzeugt bin, werde ich danach einen weiteren Kurs machen, den mir das Krankenhaus finanziertsponsert. Damit habe ich mich dann verpflichtet, ehrenamtlich auf der dortigen Palliativstation die Totkranken zu begleiten. Das habe ich mir schon lange tun wollen. Ich habe keine Angst vor dem Tod und vor Menschen, die ihm ins Gesicht schauen müssen und ich habe auch keine Sorge, dass ich mich falsch verhalte. Ich denke, dass mir im Zusammenhang mit diesem Ehrenamt immer wieder deutlich wird, wie kostbar die Gesundheit und das Leben meiner Familie ist und dass dies vor allen Dingen nicht selbstverständlich ist. Wir Menschen sind in der Regel nie zufrieden, wir wollen immer mehr haben und sein. Sein wir mal ehrlich: Wer von uns kann sagen, dass er rundum glücklich und zufrieden ist und sich nichts wünscht? Ich habe mit vielen von euch gesprochen oder gemailt und weiß daher, dass verwaiste Mütter andere Prioritäten setzen, als Mütter, die ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen haben. Wer ein Kind verloren hat und dieses Schicksal gemeistert hat, gibt sich mit weitaus weniger im Leben zufrieden als Frauen, die all ihre Kinder behalten dürfen. Das Gefühl, vom Leben ungerecht behandelt worden zu sein, bleibt allerdings bei den meisten von uns hintergründig. Davon kann auch ich mich nicht immer frei machen. Vor wenigen Tagen lernte ich einer Kinderarztpraxis eine Arzthelferin kennen, die mich irgendwie missverstand und dachte, ich hätte fünf Kinder. Ganz erschrocken rief sie aus: "Wie, Sie haben auch fünf Jungs? Dann sind wir ja Leidensgenossinnen!" Das war einer der mittlerweile seltenen Momente in meinem Leben, in denen ich froh bin, dass Regines Tod schon so lange her ist. Wie kann man sich als "leidend" bezeichnen, wenn man fünf Jungs hat? Natürlich meinte sie das nicht so, sie meinte es scherzhaft und ich habe diese Äußerung nicht einmal annähernd übel genommen, aber ich habe ihr doch einen vorsichtigen Hinweis gegeben, dass ich sehr viel darum geben würde, wenn ich mein Baby hätte behalten dürfen und "leider nur ein Kind" hätte. Dieses eine Kind, mein Julian, stand neben mir und ich hätte mir hinterher selber in den Hintern treten können, dies in seiner Gegenwart gesagt zu haben. Er muss ja annehmen, dass er mir "leider nicht genügt". Also habe ich mir wieder einmal klar gemacht: Rike, das Leben hat dieses eine wunderbare und gottlob gesunde Kind für dich vorgesehen und das ist viel viel mehr als viele andere haben. Also, halt die Klappe, sei dankbar für deinen Julian und pass gut auf ihn auf.
06.10.07 Heute habe ich eine email erhalten von einer Frau, die mir schon vor Jahren zu einer sehr wichtigen Bekannten, ja,fast Freundin wurde. Kennen gelernt haben wir uns auch über diese Seite, d.h. wir haben uns noch nie persönlich gegenüber gestanden, denn wir wohnen weit auseinander. Diese liebe und starke Frau hat wohl niemals auf der Sonnenseite des Lebens gestanden. Sie hatte vor zwei Jahren Krebs und von Geburt an kranke Nieren. Mittlerweile ist die Nierenfunktion sehr gering und sie kommt wegen des Krebses nicht auf die Warteliste für Organempfänger. Es gibt eine Wartezeit von fünf Jahren für Patienten, die an Krebs erkrankt waren. Dass es sich um eine unglaublich bösartige Diskriminierung von Krebskranken handelt, wird vermutlich jedem klar, der dies liest. Meine liebe Bekannte schrieb mir heute, dass es keine Möglichkeit gibt, ihr vernünftig einen Zugang für die Dialyse zu legen, aber vielleicht könne sie ja noch zum Tierarzt gehen, um sich einschläfern zu lassen. Ich habe sie selten depressiv und verzweifelt erlebt und ich habe sie immer bewundert, denn es war bewundernswert, wie sie ihre Krebserkrankung durchgestanden hat, wie sie immer wieder neue Wege findet, um ihr Leben einigermaßen schön zu finden und wieviel Humor sie trotz allem immer wieder gezeigt hat. Doch angesichts solcher Gesetze kann ich nur gut verstehen, dass sie den Mut verliert.
Meine Liebe, wenn du dies liest, weißt du, dass ich nur wenig tun kann, um dir zu helfen, aber deine Stärke und dein Optimismus, dein Humor und deine Hilfsbereitschaft für andere, die eigentlich gar nicht schlimmer dran sein können als du, sind für Menschen wie mich eine große Hilfe. Du bist einer der wertvollsten Menschen, mit denen ich im Laufe meines Lebens zu tun hatte! Bleib stark, gib nicht auf, kämpf weiter, wenn es jemand schafft, dann DU!
14.10.07 Meine Woche war mal wieder so ereignis- und arbeitsreich, dass ich keine Gelegenheit für meine "memories" hatte. Gerade habe ich mir eine Stunde Zeit für das Grab meiner Mutter genommen. Als ich Wasser holte, sah ich wieder das Grab eines 18jährigen, der vor 7 Jahren gestorben ist. Das Grab ist sehr gut gepflegt, fast immer leuchtet eine Grabkerze und ich denke voller Entsetzen an die Eltern dieses Jungen. Wie ist er gestorben? Haben sie sich vorbereiten und verabschieden können, sind sie in der Lage, seinen Tod zu akzeptieren? Ist man überhaupt irgendwann in der Lage, den Tod seines Sohnes zu akzeptieren? Ich glaube nicht. Ich glaube, man kann irgendwann akzeptieren, dass man selbst weiterleben muss und irgendwann will man vielleicht auch weiterleben, doch welchen Sinn macht der Tod eines so jungen Menschen? Ich selbst hadere mit meinem Schicksal als Tochter einer Mutter, die mit "schon" 80 Jahren sterben musste. Ich werde neidisch, wenn ich Geschichten von anderen höre, die viel ältere Mütter haben und ich kann nicht verstehen, wie man seine Mutter in ein Pflegeheim geben kann, wenn man selbst die Zeit und die Kraft hat, sich zu kümmern. Dabei habe ich mir immer sehr wenig Zeit für meine Mutter genommen und habe ihr Haus gemieden, weil ich dort in der Gegend auf jemanden treffen konnte, dem ich ungern begegnet bin, weil mich dessen Anblick und Lebensweise immer fassungslos und traurig machten. Auch mein Stiefvater war selten gastfreundlich, sein ewiges Gemeckere auf Gott und die Welt haben mich davon abgehalten, meine Mutter zu besuchen. Wie feige, wie dumm und vor allen Dingen wie unverzeihlich, denn so etwas ist nicht zu korrigieren. Wie gern würde ich diese meine Haltung aus der Vergangenheit korrigieren. Was interessiert mich der Mensch in der näheren Umgebung, was kann mir ein feindseliger Blick anhaben, warum habe ich nicht einfach einmal in der Woche meine Ma in mein Auto gepackt und mitgenommen? Erst als sie im Krankenhaus lag, hatte ich die Zeit und die Muße mit ihr allein. Erst dort habe ich mich bei ihr so geborgen und so wohl gefühlt wie sonst nirgendwo. Doch da war sie nur noch sehr kurze Zeit bei mir und dieses Geborgenheitsgefühl hatte ich viel zu kurz und vor allem trug es schon eine Vorahnung des bevorstehenden Abschiedes in sich. Seither versuche ich mich damit abzufinden, dass es normal ist, mit 46 Jahren Waise zu werden. Aber mir fehlt so viel, was früher normal und immer da war. Wie selbstverständlich es war, dass sie morgens in meinem Büro angerufen und mich fröhlich begrüßt hat und wie selbstverständlich ihre Fürsorge für meinen Jungen war, begreife ich erst, seitdem sie nicht mehr da ist. Auch dreieinhalb Jahre nach ihrem Tod schaue ich morgens im Büro auf das Telefon und habe einen dicken Kloß im Hals, wenn es um halb acht nicht klingelt. Das hört sich jetzt so an, als hätte ich eine super enge Bindung zu meiner Mutter gehabt und ein tadelloses Verhältnis, doch das war nicht so. Wer meine Mutter kannte, weiß, dass es kaum möglich war, ihr emotional nahe zu kommen und selbst solche einfachen Dinge wie eine liebevolle Umarmung bei der Begrüßung oder beim Abschied waren bei ihr schwierig. Ich nehme an, dass ich es ihr auch nicht gerade leicht gemacht habe, denn ich habe sie zu oft spüren lassen, dass ich keine Zeit für sie haben wollte. Diese Zeit hätte ich heute gern, doch nun kann ich nur noch ihr Grab pflegen und versuchen, mein Leben so zu leben, dass sie mit allem einverstanden wäre.
25.10.2007: Ich bin fest entschlossen, den Ehrenamtlichenkurs fortzusetzen und später auch den Folgekurs zu absolvieren. Was habe ich davon, werde ich gefragt. "Warum tust du dir das an? Du hast doch soooo viel um die Ohren und außerdem kommst du doch eh kaum zur Ruhe mit dem ganzen Streit " (meine Freunde wissen, wovon ich hier spreche...). Ja, was werde ich davon haben: Ein Stück Normalität, denn Tod gehört zum Leben und nur wer sich mit ihm auseinandersetzen kann, hat keine Angst vor der eigenen Endlichkeit. Diese Arbeit mit totkranken Menschen wird mir zeigen, was wichtig ist im Leben und was wir alle in unserer täglichen Tretmühle vergessen, wenn wir uns über Kleinigkeiten ärgern oder uns über unsere Wehwehchen große Sorgen machen. Menschen am Ende ihres Leben sind in der Lage denen, die mitten im Leben stehen und täglich neue Ansprüche und maßlose Forderungen an sich und - viel schlimmer - an andere stellen, zu verdeutlichen, wie wenig wir brauchen, um glücklich, ruhig und zufrieden sein zu können.
Nathalie, wenn du dies liest, dann weißt du, was ich meine, denn du bist so ein Mensch: Du hast das Schlimmste auszuhalten, was einer Frau/Mutter zustoßen kann und du schaffst es auf eine unvergleichliche Art, die ich nur sprachlos bewundern kann. Immer wenn ich am weißen Kreuz vorbeikomme, denke ich, wie ungerecht das Leben doch oftmals ist. Du wirst immer traurig sein, immer wieder weinen und verzweifeln, und das sollst du dir auch zugestehen. Doch du hast akzeptiert, dass es so ist und du hast verstanden, dass dein Leben weitergehen muss und bist immer für andere da und dabei so liebenswert, fürsorglich und freundlich, dass jeder, der dich kennt, für diese Bekanntschaft dankbar ist. Ich jedenfalls bin es.

29.11.07: Ich habe lange nichts geschrieben, dabei habe ich sehr viele mails, Anrufe von Müttern bekommen, die gerade ein Kind verloren haben. Es sind wieder "Baby-Sterbe-Tage", ein schreckliches eigen kreirtes Wort, aber es bezeichnet meine Empfindungen angesichts vieler ähnlicher und doch so unterschiedlicher Schicksale, die mir in diesen Tagen nahe gebracht werden. Es hilft euch nicht viel, dass ihr nicht allein seid, denn jede einzelne von euch muss allein mit dem Verlust des Kindes klar kommen und das ist gerade angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes unsagbar schwer. Ich weiß, ihr hattet euch alle bereits einen Heiligen Abend mit Kind vorgestellt und der Gedanke daran lässt euch jetzt in Tränen ausbrechen. Die Sehnsucht und die Angst vor der Zukunft frisst euch auf. Denkt nicht so weit, denkt nur an den nächsten Tag, zu weiterführenden Gedanken ist es noch viel zu früh! Denkt nicht darüber nach, wie es euch in einem Jahr geht, auch das geht über eure Kräfte. Es geht weiter, es wird besser, sehr langsam und kaum spürbar, verbunden mit vielen vielen Rückschlägen, aber der Weg führt irgendwann wieder heraus aus dem Dunkel. Und wenn ihr wirklich nicht wisst, wie ihr den Tag überstehen sollt, dann tut einfach gar nichts, bis ihr wisst, wie es für den Moment weitergehen kann. Setzt euch keine Ziele, die euch überfordern. Ihr müsst nicht stark sein, ihr dürft weinen und immer wieder von eurem Kind erzählen. Natürlich dürft ihr auch mich immer wieder ansprechen. Ich habe auch einmal vor einem Weihnachtsfest gestanden, das eine einzige Qual wurde.....Das Licht am Ende des Tunnels brannte damals aber auch schon, ich habe es nur noch nicht gesehen, doch ein Jahr später brannte es schon recht hell und ich habe es mit Dankbarkeit gesehen. Es geht langsam aufwärts, auch bei euch!
Vergesst nicht den zweiten Sonntag im Dezember, den 9. Dezember. Es ist "the day of candlelighting" und wir stellen alle um 19 Uhr für unser Kind oder unsere Kinder eine oder leider manche von uns auch mehrere Kerzen ins Fenster. Aufgrund der Zeitverschiebungen werden die Kerzen rund um den Erdball leuchten, denn dieser Brauch ist fast überall bekannt!Für meine Münsteraner: Ich hoffe, dass ich euch im nächsten Jahr nicht wieder im Stich lasse und eine Gedenkfeier am 2. Sonntag im Dezember ausrichten werde! Dieses Jahr werde ich - wie all die Jahre vorher - zwei Kerzen brennen lassen. Bis bald!
WEIHNACHTEN 2007: Ich wünsche euch ein friedliches Weihnachtsfest. Ich wünsche euch, dass ihr an diesen Tagen eurem Schmerz gewachsen seid und dass ihr vielleicht schon wieder ein wenig nach vorn schauen könnt. Jeder Tag ist eine Stufe auf der Treppe nach oben, heraus aus dem tiefen dunklen Tal der Trauer, in dem sich viele von uns noch befinden. Manchmal brauchen wir Tage, um eine Stufe zu schaffen, manchmal gehen wir ein paar Stufen wieder hinunter. Das wird vielen von euch gerade an Weihnachten so ergehen und es gibt wenig Trost für euch. Als ich am 25.12.07 an "meiner" Skulptur vorbei schaute, war ich überwältigt von den vielen kleinen Gedenksteinen und Erinnerungsstücken, die dort lagen und so viel Leid, Kummer und Tränen ausdrückten. Es wird besser, ganz langsam, ihr müsst daran glauben, das allein hilft schon.




Eure Rike Rosenfeld