Dienstag, 5. Februar 2008

Trauer um ein Tier


Seitdem wir unseren Rauhaardackel Anton haben, begleitet mich allerdings auch wieder die Sorge um ein weiteres Lebewesen, denn allen Spöttern zum Trotz, die das Tier als Sache bezeichnen und behandeln, ist Anton ein Familienmitglied, das keiner von uns mehr missen möchte. Als Welpe kam er zu uns, wir kauften ihn am 30.09.06 im Alter von 14 Wochen. Anton und ich haben beide am 28. Juni Geburtstag. Ich fand ihn über eine Zeitungsanzeige. „Drei Rauhaardackelwelpen, geb. 28.06.06....etc.“ Wir saßen gerade beim Frühstück, die Herbstferien hatten begonnen und ich hatte schon lange daran gedacht, wieder auf den Hund zu kommen, bzw. auf den Dackel. Manche Menschen sind der Auffassung: Es gibt Hunde und es gibt Dackel...und ich bin mit Rauhaardackeln aufgewachsen und habe meinem Sohn immer versprochen, dass wir uns irgendwann einen eigenen Dackel kaufen würden. Ich rief bei Antons Züchtern an und zwei Stunden später hatten wir ihn gekauft. Schon auf der Rückfahrt im Auto zeigte mir der kleine Kerl seine ganze Zuneigung und sein Vertrauen in uns Menschen. Er rollte sich einfach auf meinem Schoß zusammen, steckte seine kleine Hundenase unter meinen Arm und schlief ein. Die erste Stunde mit Anton war für uns Drei sehr unwirklich. Plötzlich hatten wir die Verantwortung für einen Hund übernommen, der komplett von uns abhängig war und uns andererseits vorbehaltlos vertraute. Er bezog unser Zuhause ganz selbstverständlich, sprang auf meinen Schoß, wenn er schlafen wollte, ergriff ungefragt Besitz von unserer Inneneinrichtung und machte es sich an bequemen Sonnenplätzchen in unserer Wohnung gemütlich. Vor Anton haben bei uns viele Kleinsttiere gelebt, doch zu Nagern und Wellensittichen kann man natürlich niemals eine Beziehung aufbauen wie zu einem Hund. Dennoch werde ich nie vergessen, als ich im August 2001 unseren Wellensittich einschläfern lassen mussten, der bis dahin 6, 5 Jahre bei uns gelebt hatte. Kai-Uwe hatte – laut tierärztlicher Diagnose – Krebs und war zuletzt nur noch ein winzig-kleines trauriges Vögelchen, dass fast vollständig bewegungs- und lautlos im Käfig saß. Er fraß so gut wie nichts mehr und war ein Bild des Jammers. Der Tierarzt untersuchte ihn vorsichtig. Kai-Uwe wehrte sich nicht einmal. Dann sah mich der Doktor ernst an und erklärte, dass der Vogel leiden müsste und sein Dasein qualvoll sei. „Wollen Sie ihn einschläfern?“, meine angstvolle Frage schnürte mir selbst fast die Kehle zu. Er zuckte hilflos mit den Schultern. Wir redeten eine Weile hin und her, schließlich sah ich es ein und der Arzt nickte seiner Helferin zu, die eine Spritze holte. Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment dachte ich an die Todeszelleninsassen in den USA, die auf ihre Giftspritze warten und die Gouverneure, die so oft ein Gnadengesuch ablehnen und mit diesem „Nein“ den Tod eines Menschen beauftragen. Ich hatte hier nur den Tod eines kleinen leidenden Wellensittich in Auftrag gegeben, aber ich hatte das Gefühl, unrechtmäßig Gott zu spielen. Der Wellensittich war in wenigen Sekunden tot und wurde in ein Papiertuch eingepackt und mir übergeben. Ich habe fürchterlich geweint, mein Freund, heute mein Mann, hatte ebenfalls Tränen in den Augen und wusste gar nicht, wie er mich trösten sollte. Mit dem toten Vogel auf dem Schoß fuhr er mich nach Hause und ich begrub unseren kleinen Freund mit dem albernen Doppelnamen im Garten hinter unserem Balkon. Ich bastelte ein kleines Kreuz und pflanzte eine Blume auf die Grabstelle. Ich weinte mindestens zwei Stunden ununterbrochen und ich wurde nahezu hysterisch, als ich unerwartet in der Küche den leeren Käfig sah. Mein Sohn blieb relativ unberührt von diesem Verlust, er war noch zu klein und er hatte kaum eine Verbindung zu dem Vogel gehabt, der leider auch nicht sonderlich zahm gewesen war. Kai-Uwe hatte viele Vorgänger gehabt und hatte auch noch einige Nachfolger. Unter anderem hatten wir einen sprechenden Papagei: Anton zu Liebe haben wir uns aber von unserem sprechenden Timneh getrennt, weil dieser wegen Antons Raubtierinstinkt kaum noch aus dem Käfig durfte und sich zusehens langweilte. Emma, so heißt die entzückende Timnehdame, redete zum Schluss beinahe ohne Unterbrechung und war süchtig nach unseren Streicheleinheiten. Ich hatte bewusst einen Timneh gekauft, weil diese 55 bis 75 Jahre alt werden und ich das Leid um ein Haustier nicht mehr erleben wollte. Emma war fast zwei Jahre bei uns und die Trennung fiel uns allen Dreien sehr schwer. Doch da ich nicht wollte, dass ein Tier bei mir nicht glücklich und zufrieden ist, war es besser, ein neues Zuhause für Emma zu finden, in dem sie sich wieder frei und unbeobachtet von gierigen Dackelaugen bewegen kann. Fehlen tut sie mir dennoch und ich schaue mir oft sehnsüchtig Fotos von ihr an. Emma hatte es sehr oft geschafft, mich zu trösten oder zum lachen zu bringen, wenn ich Stress oder Kummer hatte. Es war und ist ein wunderbares Gefühl, nach Hause zu kommen und zu erleben, dass ein Tier sich freut, mich zu sehen. Emma war immer zu mir gekommen, hatte ihr Köpfchen gesenkt und sich kraulen lassen. Sie hatte zärtlich an meinen Fingerkuppen geknabbert und der höchste Beweis ihrer Zuneigung war, wenn sie versuchte, mich zu füttern. Auch wenn ich vor diesem Liebesbeweis immer flüchtete, so war es einfach ein wunderbares Gefühl. Kein Mensch ist in der Lage so ausdrucksvoll Zuneigung und Freude zu zeigen wie ein Tier es kann. Menschen sind der Hinsicht leider emotional ein wenig verkrüppelt. Kleine Kinder sind in der Hinsicht noch besser entwickelt als Erwachsene. Sie lachen, schreien, hüpfen, wenn sie sich freuen, während ein Erwachsener allenfalls ein Lächeln zustande bringt. Ein Kind in Wut, dem z.B. von einem anderen Kind sein Spielzeugauto weggenommen wurde oder das getreten wurde, heult, kreischt und schlägt um sich, während ein Erwachsener in seiner Wut einen Strafantrag stellt und sich einen Rechtsanwalt nimmt.Genauso verhält es sich mit der Trauer: Ein Erwachsener gesteht sich beim Tod eines geliebten Menschen allenfalls kurz nach dessen Tod und bei der Beerdigung Tränenausbrüche zu, aber der Alltag schreibt ihm vor, Haltung zu bewahren und die Trauer auf ein nicht spürbares Maß für seine Umwelt zu beschränken. Das Gesetz schreibt uns sogar die Trauerzeit vor: Ein Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst erhält vom Arbeitgeber 2 Tage Sonderurlaub, wenn der Ehepartner, das Kind oder die Eltern sterben.
Anton ist ein fröhlicher und freundlicher Hund mit natürlich einem sehr eigenen Dackeldickkopf. Wenn ich heimkomme, springt er lange und freudig an mir hoch, leckt meine Hände ab, wedelt wie verrückt mit dem Schwanz, jagt vor Freude durch die ganze Wohnung und – egal, wie mein Tag war- ich werde ruhig und zufrieden, wenn ich ihn erlebe. Wenn ich abends im Wohnzimmer auf der Couch sitze und Anton neben mir liegt und leise schnarcht, seine Schnauze auf meinem Bein liegt und ich sein gleichmäßiges ruhiges Atmen beobachte, wird mir warm und ich fühle mich wohl. Da mag mein Bechterew gerade mal wieder zugeschlagen haben, so dass ich nur noch unter großen Schmerzen sitzen kann, Antons Nähe und Wärme, seine bedingungslose Hundeliebe sind oftmals die beste Medizin. Sein normalen tierischen Instinkte, die uns Menschen vermutlich verloren gegangen sind, zeigen mir immer wieder, wie einfach die Spielregeln des Lebens sein könnten, wenn wir Menschen einfach nur mehr Gefühle zeigen und zulassen würden, anstatt diese in Vorschriften und Paragraphen und die daraus resultierenden höchst-richterlichen Auseinandersetzungen zu packen. Als ich vor einiger Zeit Samstag morgens im Wohnzimmer auf der Couch lag, weil der Bechterew mir den Schlaf geraubt hatte und ich – ganz gegen meine Art – in einem plötzlichen Anflug von depressiver Verstimmung anfing zu weinen, kam Anton von seinem Schlafplatz gestürzt und sprang zu mir auf die Couch. Er hatte noch nie einen Menschen weinen sehen und er spürte, dass ich nicht glücklich war. Sofort drängte er sich eng an mich und – bevor ich es verhindern konnte – schleckte er die Tränen aus meinem Gesicht. Dann leckte er lange und hingebungsvoll meine Hand ab und erst als ich keine Tränen mehr hatte, wurde auch er ruhiger und schlief eng an meiner Schulter liegend ein. Mein Mann und mein Sohn hatten nichts von meiner Seelenkrise mitbekommen. Ob sie mich auch so gut getröstet hätten? Ein Tier hat zum Trost spenden nur einfache Mittel, doch diese sind die besten: Wärme, körperliche Nähe und Zuneigung. Es ist normal und üblich, dass eine Mutter ihr weinendes Kind meist mit einer Umarmung und Streicheleinheiten tröstet, doch je älter das Kind wird, umso distanzierter wird der Umgang. Welche Mutter nimmt noch ihren dreizehnjährigen Sohn auf den Schoß, weil er wegen einer Fünf in Mathe weint und liebkost ihn zum Trost? Die wenigsten 13jährigen weinen überhaupt noch, denn Tränen und Trauer sind „uncool“. Wut entlädt sich in aggressiven Computerspielen und wohin diese im Einzelfall führen kann, wissen wir alle vom Amoklauf am 26.04.2002 am Gymnasium in Erfurt oder vom Amoklauf in der Emsdettener Schule am 20.11.06. Die Coolness der Jugendlichen ist nichts anderes als das Leugnen der eigenen Emotionalität. Auch ich wünschte mir, dass mein Sohn weinen würde, wenn es ihm schlecht geht, anstatt mir lieber grottenschlechte Laune zu präsentieren und sich hinter seinem PC zu verstecken, wo er –Gottlob- nur Sportspiele macht. Ich werde traurig, weil er zu cool ist, um mich überhaupt noch mit „Mami“ anzusprechen, obwohl ich doch immer und in jeder Situation seine Mami bin und ihm nie ein Recht zur Trauer abgesprochen habe. Ich weine heute noch um meine Mami, doch trösten tut mich dann mein Hund. Mein Hund ist absolut uncool, seine Trauer sieht man und er will auch, dass diese Beachtung findet. Wenn wir ihn allein lassen müssen, zerreißt sein Dackelblick auch dem Hartgesottentesten das Herz. Wenn er etwas angestellt hat, sieht er so schuldbewusst aus, dass wir sofort alarmiert sind ! Wenn er sich schämt, weil er ausgeschimpft wurde, wenn er beleidigt ist, weil wir ihn zum 100sten Mal vom Bett geworfen haben, ist auch sein Dackelblick und der eingeklemmte Schwanz das Spiegelbild seines Seelenzustandes. Wie ein Kleinkind presst er sich an meine Seite, wenn er Angst vor etwas hat. Sein Urinstinkt lässt zu, dass er sich vertrauensvoll und ohne Gegenwehr von uns helfen lässt, wenn er sich z.B. verletzt hat, seine Augen vom Pollenflug entzündet und verklebt sind. Er lässt sich wenig angenehme Behandlungen von uns gefallen, nur weil sein Instinkt ihm sagt, dass es zu seinem Wohle ist. Manchmal denke ich, dass der Homo sapiens auf emotionaler Ebene dümmer ist als ein Hund. Wir gehen Tag für Tag zur Arbeit und kein Mensch darf uns anmerken, ob wir im Privatleben gerade eine unmenschliche Tragödie durchmachen. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich etwa ein Jahr lang jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit die ganze Zeit geweint. Im Büro erschien ich mit glattem lächelnden Gesicht und habe täglich meine sieben Stunden gelächelt, während der Kloß in meinem Halse immer dicker wurde. Das Lächeln, die Selbstbeherrschung wurde von mir erwartet, das ist nach heutigen Maßstäben normal, den Kloß im Hals, das Brennen in den Augen, die so gern so oft geweint hätten, hat niemand gesehen oder ist es genauer, wenn ich sage: Es hätte niemand sehen wollen?
Der Homo sapiens hat in vielen wissenschaftlichen Schriften niedergelegt, dass ein Haustier den Menschen weniger krank werden lässt. Es gibt Modelle in Alten- und Pflegeheimen, die belegen, dass die alten Menschen durch das Zusammenleben mit Haustieren wieder mehr Lebensfreude bekommen und aus ihrer Lethargie geholt werden. So wie ein Tier trauert, wenn sein Herr gestorben ist, so trauert auch ein Mensch um sein Tier, doch wer von uns würde sich trauen, zwei Tage Sonderurlaub zu beantragen, weil sein Hund gestorben ist? Wir würden es nicht einmal erzählen, aus Angst, wir müssten uns dumme Sprüche anhören wie „Mein Gott, dann kauf dir halt einen neuen Hund und heul hier nicht rum. Ist doch nur ein Tier....“ Nur ein Tier, doch auch der Verlust eines Nur-Tieres kann uns in tiefe Trauer stürzen, die wir nicht auszuleben wagen. Oder können Sie sich vorstellen, dass Edmund Stoiber im Bundestag in Tränen ausbricht, weil in der Nacht zuvor der „Problembär Bruno“ seine Hauskatze gerissen hat?